Die drei Affen und die Banker

Ex-UBS-Banker Raoul Weil will vor Gericht in Florida nichts von den Steuervergehen seiner Untergebenen gewusst haben. Der Fall zeigt: Das Abstreiten von Verantwortung hat bei Schweizer Top-Bankern Methode. Das müsste nicht sein.

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Nichts gesehen, nichts gehört, nichts gewusst. Wenn Schweizer Banker vor fremden Richtern stehen, ist dies immer noch ihre bevorzugte Verteidigungsstrategie.

Das zeigte sich einmal mehr am Prozessauftakt in Florida gegen den Ex-UBS-Banker Raoul Weil. Der ehemalige Chef des globalen Wealth Managements der Schweizer Grossbank muss sich dort wegen seiner Rolle im UBS-Schwarzgeld-Skandal verantworten. Im schlimmsten Fall drohen dem 45-jährigen Top-Banker fünf Jahre Haft.

Keine Peanuts

Nun erklärte sein Verteidiger, Anwalt Aaron Marcu, sein Mandant habe von den kriminellen Machenschaften innerhalb der UBS-Vermögensverwaltungsgeschäfts nichts gewusst. Überhaupt habe das fragliche Geschäft – die grenzüberschreitende Verwaltung von amerikanischem Kundengeld – nur 1 Prozent der von Weil verantworteten Operationen ausgemacht. Noch mehr: Weil habe sich während der ganzen Zeit für eine Verbesserung der Compliance innerhalb der Bank stark gemacht.

Doch schon jetzt fragen sich die Kommentatoren, ob diese Verteidigung bei der Jury gut ankommt. Für die meist aus bescheidenen Verhältnissen stammenden Geschworenen sind nämlich die jährlich rund 200 Millionen Dollar, welche die UBS im fraglichen Geschäft verdiente, alles andere als «Peanuts».

Brady Dougan vor dem US-Senat

Das Eröffnungsplädoyer von Aaron Marcu weckte indes Erinnerungen. Im vergangenen Februar musste Brady Dougan, Chef der Grossbank Credit Suisse (CS), zumsammen mit einigen Untergebenen beim US-Senat vortraben. Dort stand er den Senatoren Red und Antwort zu den mutmasslichen Steuervergehen seiner Bank. Dougan gestand damals gröbere Verstösse gegen amerikanisches Gesetz.

Beihilfe zur Steuerhinterziehung, so hielt der Top-Banker fest, habe aber nur eine kleine Gruppe von Anlageberatern geleistet, und auch Dougan liess durchblicken, dass er und seine Direktuntergebenen von all den strafbaren Handlungen angeblich nichts gewusst hätten. Im Nachgang dazu verstieg sich CS-Präsident Urs Rohner sogar zur Feststellung, persönlich habe er eine «weisse Weste». 

Die Strafe für die Credit Suisse für die Steuervergehen in den USA war dennoch gesalzen. Wie erinnerlich musste die Bank zugeben, über Jahre ein illegales grenzüberschreitendes Geschäft mit Amerikanern betrieben zu haben – und zahlte dafür eine Busse von insgesamt 2,8 Milliarden Dollar.

Und Marcel Rohner vorm britischen Parlament

Doch auch Brady Dougan war nicht der erste Banker, der von nichts wusste. Im September 2013 stand der ehemalige UBS-Chef Marcel Rohner vor britischen Parlamentariern – und versuchte, ihnen die Rolle der Bank im Skandal um die Manipulation des Libor-Leitzinssatzes zu erklären.

Er selber, beteuerte Rohner, habe erst in der Presse über die Vorgänge in seiner Bank erfahren. Dem pflichtete auch der Ex-Chef des UBS-Investmentbanking, Jerker Johansson, bei. Das Management habe nichts von den Machenschaften seiner Untergebenen gewusst. «Das fällt einem schwer zu glauben», räumte Johansson allerdings gleich selber ein.

Der UBS kam die Libor-Affäre ebenfalls teuer zu stehen. Obwohl sich die Bank früh für schuldig bekannte, musste sie für ihre Verstrickung in dem Skandal 1,4 Milliarden Franken zahlen. Und noch ist die Sache nicht ausgestanden: Der Entscheid der Schweizer Wettbewerbshüterin Weko wird erst auf Ende dieses Jahres erwartet.

Als Verantwortung noch etwas galt

Nichts gesehen, nichts gehört, nichts gewusst: Diese Verteidigungsstrategie hat auf der ganzen Linie versagt. Sie ruinierte den Ruf der Schweizer Bankmanager und konnte in keinem Fall die enormen Kosten für die betroffenen Unternehmen abwenden. Es kann nur gemutmasst werden, wie viel besser der Finanzplatz gefahren wäre, wenn hiesige Top-Banker von Anfang an zu ihrer Verantwortung gestanden hätten.

Doch offenbar fehlt es heute an solchen Persönlichkeiten – Leute, die willens sind, Vorbild zu sein und Verantwortung zu tragen. Was das heisst, hat Robert Holzach, der einstige Verwaltungsratspräsident (1980-1988) der Schweizerischen Bankgesellschaft (SBG), bereits vor mehr als einem Vierteljahrhundert formuliert.

Nur Appartschiks und Vollzugspersonen

An der Generalversammlung von 1988 erklärte er: «Nur wer als Bankier aus der Welt der blossen Dienstleistung und aus der Rolle als Vollzugsperson ausbricht, wird seiner unternehmerischen Verantwortung gerecht.» Damit sagte der «grand old man» klar, dass sich nicht irgendwelche Apparatschiks, «Executives», also Vollzugspersonen, oder blosse Juristen zum Bankier berufen fühlen sollten.

Doch genau das ist heute der Fall. Viele Top-Manager klammern sich an Formalitäten und geben sich so der Illusion hin, nichts falsch zu machen. So können sie dann behaupten: «Wir haben einen guten Job gemacht» oder «Persönlich haben wir eine weisse Weste».

Der Wahrheit näher war auch da Holzach, als er 1986 in sein Tagebuch notierte: «Wer ein sauberes Hemd hat, braucht keine weisse Weste.»

Ignorante Chefs

Daran mangelt es heute in der Finanzbranche: an Sauberkeit und Ehrlichkeit. Stattdessen dominiert die Meinung, «das Ziel des Geldverdienens rechtfertige sogar das Geschäft mit dem Anfechtbaren und Anrüchigen», wie es Holzach formulierte.

Es ist nicht verwunderlich, dass die Öffentlichkeit kein Vertrauen mehr hat in die Bankchefs. Denn «Verantwortung ist eine gesteigerte Verpflichtung. Verantwortungsgefühl schliesst Unbekümmertheit aus», so Holzach, was die heutigen Chefs aber schlicht ignorieren.

Minimale Erfordernis

Wer Holzach zitiert, muss sich natürlich den Vorwurf gefallen lassen, die Vergangenheit verklären zu wollen. Doch das greift zu kurz. Niemand behauptet, dass früher keine Fehler begangen wurden oder nicht Sträfliches geschah.

Doch auf den obersten Chefetagen herrschte noch eine andere Einstellung zum Geschäft. Oder wie es der SBG-Bankier ebenfalls umschrieb: «Ein ungestörtes Verhältnis zu den Werten jenseits von Angebot und Nachfrage ist das minimale Erfordernis im Rahmen der unternehmerischen Verantwortung eines Bankiers.»

 

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