Julius Bär: Fluch und Segen des 15. Januars

Das Zwischenergebnis von Julius Bär hat die Erwartungen der Experten zwar übertroffen. Doch die Zahlen sagen auch sehr viel aus über die enormen Unwägbarkeiten für Julius Bär und das gesamte Swiss Private Banking.

1. Enttäuschendes Neugeld

Für einen klassischen Vermögensverwalter wie Julius Bär sind die verwalteten Vermögen eine ganz wichtige Grösse. Doch diese Kennzahl nahm gegenüber Ende 2014 ab. Konkret: die Assets under Management (AuM) gingen um 2 Milliarden Franken zurück und beliefen sich per Ende April 2015 auf 289. Natürlich gab es negative Währungseinflüsse von 19 Milliarden Franken, die teilweise mit dem Geld der Bank Leumi (4,3 Milliarden Franken) kompensiert wurden.

Doch unter dem Strich resultiert ein geschätzter Netto-Neugeldzufluss von knapp 13 Milliarden Franken, was einem Wachstum von 4,39 Prozent entspricht. Dieser Wert liegt am unteren Ende des mittelfristigen Zielbereichs von 4 bis 6 Prozent. Für Julius Bär als klassischen «Pure Player» im Private Banking eine Enttäuschung, nachdem beispielsweise die UBS in den ersten drei Monaten des laufenden Jahres im Wealth Management ein ausserordentlich starkes Resultat hinlegte.

2. Profitabler als die Konkurrenz

Applaus von der Börse und von Marktbeobachtern erhielten die Bären indes für die stark verbesserte Profitabilität. So stieg die Bruttomarge auf über 100 Basispunkte, was sich entsprechend auf das wichtige Kosten-Ertrags-Verhältnis (Cost/Income-Ratio, CIR) auswirkte. Dieses konnte im ersten Jahresdrittel unter 65 Prozent gesenkt werden – was bemerkenswert ist. Denn im Private-Banking sind sonst Werte zwischen 70 und 80 Prozent üblich. Nach dem Frankenschock vom Januar dürften bei nicht wenigen Häusern die Erträge gänzlich von den Kosten weggefressen worden sein.

3. Kein lupenreines «Pure Play»

Zu verdanken war der Höhenflug bei der Profitabilität in erster Linie den höheren Transaktionen von Kunden. Treiber für das Engagement war laut Angaben die höhere Marktvolatilität, insbesondere nach dem Entscheid der Schweizerischen Nationalbank (SNB). Der «Frankenschock» erwies damit im als Segen für die Bank, die nur wenige Wochen nach dem Entscheid den Abbau von 200 Stellen angekündigt hatte und dies mit der SNB-Massnahme rechtfertigte.

Die hohen Erträge auf den Kunden-Transaktionen in Wertschriften und Devisen zeigen einmal mehr, wie stark Julius Bär noch immer am Handel hängt. Dies, obwohl sich das Haus immer wieder als «Pure Play» im Private Banking bezeichnet.

4. Die Akte Europa

Selbst wenn sich der mediale Fokus derzeit voll auf den Steuerstreit mit den USA verschoben hat – das Problem mit der steuerflüchtigen Klientel in Europa gehört noch lange nicht der Vergangenheit an. Zwar dominiert unter den Kunden inzwischen die Überzeugung, die eigenen Vermögen zu versteuern, doch führt dies zu einem Abfluss von Geld – auch bei Julius Bär. So heisst es in der Pressemitteilung: «Die anhaltenden Selbstdeklarationen in Frankreich und Italien wirkten sich auf den Netto-Zufluss aus.»

Mit anderen Worten: Die Akte Europa kann vorläufig nicht ad acta gelegt werden, sondern sie belastet die Schweizer Banken wahrscheinlich noch eine ganze Weile.

5. Objekt der Begierde

Der jüngste Bericht von Julius Bär zeigt es unmissverständlich: Organisches Wachstum ist angesichts der vorherrschenden Rahmenbedingungen nur sehr mühsam hinzukriegen. Will eine Bank dennoch prosperieren, muss sie auf die Konsolidierungswelle springen. Im Klartext heisst das: Julius Bär wird sich nach einem weiteren Übernahmeobjekt umsehen müssen, um nicht selber geschluckt zu werden, wie in der Branche seit geraumer Zeit heftig spekuliert wird.

Angesichts der globalen Ausrichtung, ihrer Konzentration aufs Private Banking und ihrer Grösse sowie der «Übernehmbarkeit» (kotiert, ohne Ankeraktionär, keine Vinkulierung) und der guten Eigenkapitalausstattung zählt die Bank zweifelsohne zu den attraktivsten Bräuten auf dem Markt. Allerdings nicht vor Abschluss des Steuerstreits mit den USA (siehe auch Punkt 6).

6. Amerikanische Damoklesschwert

Zum Stand der Verhandlungen mit den USA gab es am Dienstag indes gar keine Neuigkeiten – obschon Medienberichten zufolge eine Einigung offenbar in Griffweite steht. Wie die Credit Suisse oder die Bank Leumi, die sich bereits beim US-Justizministerium (Departement of Justice, DoJ) einigten, gehört Julius Bär zur Gruppe der Kategorie-1-Banken.

Gegen die Institute jener Kategorie hat das DoJ eine Strafuntersuchung eröffnet, was zur Konsequenz hat, dass diese Banken mit einer saftigen Busse rechnen müssen. Wie hoch diese bei Julius Bär ausfallen wird, lasst sich nur vermuten – die Privatbank hat wohl aus taktischen Gründen keine Rückstellungen für eine Busszahlung kommuniziert. Nichtsdestotrotz wird in Branchenkreisen mit einer Strafzahlung von bis zu 1 Milliarde Dollar gerechnet.

7. Kapitaldecke dünner geworden

Rückläufig gegenüber Ende Dezember 2014 entwickelte sich das Eigenkapital der Bank. Ende April 2015 belief sich die Gesamtkapitalquote auf 22,4 Prozent, und die Kernkapitalquote (Tier 1) betrug 21,1 Prozent. Ende 2014 hatte Julius Bär noch eine Gesamtkapitalquote von 23,4 Prozent und eine Tier-1-Quote von 22 Prozent ausgewiesen. Immerhin: Auch mit den aktuellen Werten überragt die Bank die Mindestanforderungen von 15 respektive 12 Prozent immer noch deutlich.

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