Christian Rahn: «Gedanken über die Bank dürfen da keinen Platz haben»

Christian Rahn, Mitinhaber der ältesten Privatbank der Schweiz, über unversteuerte US-Kunden,  die erwartete Busse der Amerikaner, tödliche Fehltritte, und wie er seine Leidenschaften auslebt. 


Herr Rahn, wie kommt eine renommierte Bank wie Rahn & Bodmer überhaupt dazu, unversteuerte Gelder von US-Kunden entgegenzunehmen?

Vorerst dies: Autohändler kümmern sich noch heute meist nicht, ob ein teurer Neuwagen mit versteuertem oder unversteuertem Geld bezahlt wird. Bei den Banken war dies früher auch so. Die Versteuerung beziehungsweise Nicht-Versteuerung von Vermögen, das Kunden bei Schweizer Banken platziert hatten, gehörte in den Verantwortungsbereich der Kundschaft und nicht in denjenigen der Banken. Das hat inzwischen geändert.

Wünschten Sie sich die früheren Zeiten zurück?

Die Bank hat sich seit ihrer Gründung immer wieder der neuen Gesetzgebung sowie der geänderten Moral und Ethik angepasst. Das machen wir heute so und werden es auch in Zukunft tun.

Trotzdem, wie erklären Sie sich, dass ehemalige Mitarbeiter von Rahn & Bodmer in den USA wegen mutmasslicher Beihilfe zur Steuerhinterziehung angeklagt wurden?

Unsere Mitarbeiter haben sich an das Schweizer Gesetz und das Qualified Intermediary Agreement (QI) mit dem US-Fiskus gehalten und werden dies auch weiterhin tun.

«Wir schränken unsere Kernmärkte ein»

Aber man ist nicht in der Lage, die Einhaltung aller Gesetze durch die Kundschaft sicherzustellen. Das gilt sowohl für den Bankenbereich als auch für alle anderen Wirtschaftsbranchen. Deshalb schränken wir unsere Kernmärkte inzwischen ein und nehmen dort vertiefte Abklärungen vor.

Betreut Rahn & Bodmer immer noch US-Kunden?

Für Kunden, die ihr Domizil in den USA haben, führen wir grundsätzlich keine Konti mehr, es sei denn diese sind mit den Auflagen der amerikanischen Börsenaufsicht (SEC) konform, zum Beispiel indem diese Gelder durch einen Vermögensverwalter mit SEC-Lizenz betreut werden.

Amerikanische Steuerpflichtige, die ausserhalb der USA leben, betreuen wir aber weiterhin umfassend, sofern sie nachweisen können, dass die Gelder versteuert sind. Zudem erfolgt für diese Kunden ihm Rahmen von QI und Fatca ein direktes Reporting an die US-Steuerbehörden.

Wie gross war eigentlich das US-Geschäft bei Rahn & Bodmer?

Es war für uns nicht von zentraler Bedeutung.

Rahn & Bodmer gehört zu den Kategorie-1-Banken. Wann rechnen Sie mit einer Bereinigung des US-Steuerstreits?

Wir befinden uns in einem laufenden Verfahren mit den amerikanischen Behörden. Und wir kooperieren weiterhin mit der Justizbehörde. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

Haben Sie für eine Busse Rückstellungen gebildet?

Wir sind eine sehr konservativ geführte Bank und dies seit der Gründung vor 265 Jahren. Insofern haben wir schon immer Vorkehrungen getroffen, um alle Eventualitäten abzudecken.

Würde denn eine Busse aus den USA die Stabilität Ihrer Bank gefährden?

Nein, auf gar keinen Fall.

«Kurzum, wir sind ein Hort der Kontinuität»

Das heisst, Sie rechnen nicht mit einer substanziellen Busse?

Ich habe schon erwähnt, dass wir für alle möglichen Fälle die entsprechenden Vorkehren getroffen haben. Mehr kann ich derzeit nicht sagen.

Was ist das eigentlich das Alleinstellungsmerkmal, die so genannte Unique Selling Proposition, von Rahn & Bodmer?

Als konservative Bank haben wir eine lange Tradition, die Kundengelder sehr vorsichtig mit einer nachhaltigen Rendite anzulegen. Ausserdem haben wir in der Kundenbetreuung eine sehr hohe personelle Kontinuität. Wir Partner sowie einzelne Kundenberater betreuen die gleichen Kundinnen und Kunden seit bis zu dreissig Jahren.

Das können andere Banken auch sagen.

Hinzu kommt, dass wir hierzulande eine der sieben verbliebenen Privatbanken sind, und zwar mit dem Rechtsstatus einer Personengesellschaft, in unseren Fall einer Kommanditgesellschaft. Und diesem Rechtskleid haftet ein gewisses Credo an. Das heisst, wir treten als Unternehmer auf, die mit ihrem Privatvermögen haften und nicht als Manager einer Bank.

«Wir wurden schon immer von anderen Banken zu Übernahmegesprächen eingeladen»

Das kommt bei Gesprächen mit der Kundschaft oder mit potenziellen Kundinnen und Kunden sehr gut an. Als Partner stehen wir mit unserer Kundschaft in direktem Kontakt und dies über Generationen hinweg. Kurzum, wir sind ein Hort der Kontinuität.

Derzeit verwalten Sie rund 11 Milliarden Franken an Kundengeldern. Ziehen Sie eigentlich noch Neugeld an?

Ja, das tun wir laufend, und zwar von bestehenden Kundinnen und Kunden. Aber auch von Personen, die mit uns verbunden sind, wie Anwälte oder Treuhänder. Viele unserer Neukunden sind auch Kinder oder Mitarbeiter von bestehenden Kundinnen und Kunden.

Gibt es ein Kundensegment, das Sie noch ausbauen möchten?

Geographisch liegt unsere Zielkundschaft in der Deutschschweiz.

Könnten Sie sich eine Akquisition vorstellen?

Historisch gesehen sind wir grundsätzlich organisch gewachsen, und dies soll auch so bleiben. Wir haben keine Pläne, einen Vermögensverwalter oder eine Bank zu kaufen. Der umgekehrte Fall hingegen kommt öfters vor.

Wie meinen Sie das?

Wir wurden schon immer von in- und ausländischen Banken zu Übernahmegesprächen eingeladen. Gerade in den vergangenen Jahren kam dies häufig vor. Doch wir sagen solche Gespräche jeweils ab. Wir wollen selbständig bleiben.

Die Digitalisierung im Bankwesen ist derzeit ein ganz grosses Thema. Wie digital ist Rahn & Bodmer unterwegs?

Auch bei uns wird die Wertschöpfungskette digitalisiert. Wir haben zum Beispiel seit mehr als 15 Jahren einen E-Banking Zugang. Damit lassen sich Daten abrufen, was auf das Hauptbedürfnis unserer Kundschaft abzielt. Zahlungen können allerdings nicht aufgegeben werden. Dies bieten wir bis heute aus Kosten- und Nutzenüberlegungen nicht an.

«Eine Änderung der Rechtsform will ich nicht ausschliessen»

Wir geben unseren Mitarbeitern bei Kundenbesuchen ein Tablet mit, wenn sie oder der Kunde das wünscht. Mehrheitlich verwenden wir aber weiterhin physische Konto- und Depotauszüge. Und wir leisten uns ein komfortables Informatikbudget, das es uns erlaubt, unsere Software stets den effektiven Bedürfnissen anzupassen. Wir zählten übrigens zu den ersten Banken in der Schweiz, die Avaloq implementiert hat, also eine Standartapplikation, die sich in der Zwischenzeit zum Marktstandard entwickelt hat.

Der Rechtsstatus von Rahn & Bodmer ist eine Kommanditgesellschaft. Halten Sie daran fest?

Ja, vorläufig schon. Klar, über die Jahre hinweg haben Bankpersonengesellschaften hierzulande abgenommen. Und damit sinkt womöglich auch das Verständnis für eine solche Rechtsform. Ob dies bei uns in Zukunft zu einer Änderung der Rechtsform führen wird, kann ich nicht sagen, will ich aber auch nicht ausschliessen.

«Unsere Kinder sind noch zu jung, um das einschätzen zu können»

Mit Ihrer Rechtsform ist auch eine komplexe Nachfolgeregelung verbunden. Sie brauchen ja stets einen Rahn und einen Bodmer, damit Sie Ihren Firmennamen behalten können. Ist diese Nachfolge gesichert?

Derzeit diskutiert das Parlament, ob das Firmenrecht dahingehend geändert werden soll, dass die Namenspflicht hinfällig wird. Kommt diese Änderung durch, wovon ich ausgehe, können Firmenbezeichnung und Inhaber differieren.

«Ich gehe meistens alleine am ganz frühen Morgen los»

Wir hoffen aber, von dieser eventuellen Möglichkeit nicht Gebrauch machen zu müssen. Wünschbar wäre es, die Bank in die Hände der nächsten Generation zu übergeben und so die Tradition weiterzuführen. Dies ist uns bislang gelungen. Ob es uns auch inskünftig gelingen wird, ist noch unklar. Unsere Kinder sind noch zu jung, um das einschätzen zu können.

Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, ob ein Nachfolger Partner werden soll?

Wir müssen sicher gehen, dass die Nachfolgerin beziehungsweise der Nachfolger willens und fähig für eine Partnerschaft ist und auch in die bestehende Partnerschaft passt. Dies braucht ausbildungsmässig seine Zeit. Dies ist auch der Grund, weshalb ein Partner bei uns erst mit 72 Jahren definitiv aus der Partnerschaft ausscheidet, vorausgesetzt, dass er überhaupt so lange in der Leitung der Bank bleiben möchte.

Laut Angaben auf Ihrer Homepage sind Sie ein leidenschaftlicher Berggänger. Was bringt Ihnen diese Betätigung?

Das Ausleben einer Leidenschaft. Ich gehe meistens alleine am ganz frühen Morgen los und bin dann oft alleine auf dem Gipfel. Dann sitzt man dort oben und sieht die ganze Alpenwelt vor sich, das ist unglaublich erfüllend.

Machen Sie sich dann auch Gedanken über die strategische Ausrichtung der Bank?

Während den Bergtouren gehe ich an meine sportlichen Grenzen. Da bleibt keine Zeit, sich über das Geschäft Gedanken zu machen. Das wäre auch nicht gut, denn man muss jeden Tritt so setzen, dass man nicht stürzt. Auf diesen Touren gibt es oft Abschnitte, wo ein Fehltritt tödlich wäre. Gedanken über die Bank dürfen da keinen Platz haben.

Wo holen Sie sich Rat?

Rat über die Kindererziehung hole ich bei meiner Frau, Rat über eine Bergtour bei meinem Bergführer. Professionellen Rat hole ich entweder bei den Partnern, bei der Geschäftsleitung oder anderen Mitarbeitenden. Und wenn nötig, ziehe ich einen der beiden Seniorpartner hinzu, insbesondere dann, wenn es um langjährige Kunden geht.

«Ich bin ein besserer Bankier als ich Anwalt geworden wäre»

Sie haben in Jurisprudenz promoviert und sind Anwalt. Sind Sie eher Jurist oder Bankier?

Mehr Bankier, aber ich brauche mein juristisches Wissen täglich. Heutzutage eine Partnerschaft zu formen ohne einen Juristen in den Reihen zu haben, wäre schwierig. Denn die meisten Entscheide haben eine rechtliche Implikation.

Wollten Sie schon immer Bankier werden, oder wurden Sie dazu quasi gezwungen?

Bis zur letzten Generation galt das Prinzip, dass immer nur ein Vertreter pro Familie Partner werden konnte. Das hätte eigentlich auch für unsere Generation gegolten. Mein Bruder wäre dafür vorgesehen gewesen. Doch die Bank ist in dieser Zeit sehr stark gewachsen, und es wurde in der Folge entschieden, die Partnerschaft zu vergrössern.

Ich wurde gefragt, ob ich eintreten wolle. So verliess ich meine juristische Laufbahn als Anwalt. Dieser Schritt hat sich im Nachhinein als richtig erwiesen. Denn ich bin sicher ein besserer Bankier, als ich Anwalt geworden wäre.


Christian Rahn 192Christian Rahn wurde 1956 geboren und hat ab 1975 an der Universität Zürich Rechtswissenschaften studiert und hier auch das Lizentiat und das Doktorat erworben. Er besitzt das Anwaltspatent für den Kanton Zürich und hat an der University of Chicago das LL.M.-Programm absolviert. Zusammen mit seinem Bruder Peter hat er 1990 die väterlichen Anteile an Rahn & Bodmer übernommen und ist seither Partner der Bank. Von 1996 bis 1999 hat er die Vereinigung Schweizerischer Privatbanken präsidiert. In seiner Freizeit ist er ein leidenschaftlicher Berggänger, sowohl im Sommer als auch im Winter.

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