Nick Hungerford: «Ihre Frau findet das natürlich wundervoll»

Nick Hungerford

Nick Hungerford, Mitgründer und CEO von Nutmeg

Nutmeg ist die Erfolgsstory unter den digitalen Vermögensverwaltern und Nick Hungerford, Mitgründer und CEO dieser Firma, ein brillanter Verkäufer von Ideen. Im Interview erklärt er, wie Banking in zehn Jahren aussehen wird.


Herr Hungerford, Sie waren bei Barclays im Wealth Management tätig. Was hat Sie dazu bewogen, mit Nutmeg eine digitale Konkurrenz zum traditionellen Private Banking aufzubauen?

Die Idee zu Nutmeg hatte ich, als ich an der Stanford Business School mein MBA machte. Dort fragten mich einige Freunde, ob ich ihr Geld vewalten würde. Wie jeder weiss, kann es auf diese Frage nur eine vernünftige Antwort geben: Nein danke – weil sonst jede Freundschaft sehr schnell zu Ende wäre.

Also beschlossen Sie, dass das ein Computer machen sollte?

Nicht so schnell. Es gab damals, 2010, eigentlich nur zwei Lösungen für meine Freunde: Die eine nenne ich «DY»-Investing, also «Destroy yourself investing», was soviel heisst wie: Man verwaltet sein Geld über eine Online-Plattform selber und verliert es garantiert. Die zweite Lösung war eben traditionelles Wealth Management. Doch dazu muss man vermögend sein. Meine Idee war zunächst, eine Plattform ähnlich einer Dating-Website aufzubauen, die Vermögensverwalter und Kunden zusammenbringt.

Wurde daraus nichts?

Viele Vermögensverwalter und Kundenberater, die ich anfragte, fanden die Idee zunächst toll. Sie sagten mir, fantastisch, denn wir suchen Kunden mit einem ganz bestimmten Profil. Meine Plattform sei dafür ideal. Als es ernster wurde, sagten sie aber plötzlich: Es ist ganz anders, unsere Kundschaft soll möglichst vielfältig sein. Ich interpretierte dies so, dass die Kunden einfach möglichst viel Geld bringen müssten.

Darum gaben Sie die Idee einer Partnersuche-Website auf?

Was ich daraus lernte war, dass die meisten Vermögensverwalter genau den gleichen Investmentprinzipien folgen. Die Problemstellung war nun folgende: Die Leute kaum etwas für Beratung ausgeben, sie wollen es nicht mit «DY» riskieren, und sie mögen auch die Intransparenz der Gebühren der Vermögensverwalter nicht.

«Wir haben versucht, den Online-Versandhändler Amazon zu kopieren»

Meine Lösung war: Den Investmentansatz, den ich im Austausch mit Vermögensverwaltern und aus eigener Erfahrung kannte, online verfügbar zu machen. Damit sollte jeder Kunde alle Vorzüge aus den bislang vorhandenen Möglichkeiten erhalten. Konkret: Er kann selber investieren, zu tiefen und transparenten Kosten, und er erhält professionelle Beratung und Service.

So einfach ist das?

Ja. Wir haben im Investmentbereich eigentlich nur versucht zu kopieren, wie der Online-Versandhändler Amazon den Büchermarkt revolutioniert hat. Wir wollten eine Plattform für Leute bauen, die Geld in die besten verfügbaren Anlageprodukten investieren wollen. Eine Plattform, die rund um die Uhr und von überall her zugänglich ist und einen hervorragenden Kundenservice bietet.

Wie haben Sie diese Idee dann umgesetzt?

Wir konnten für den Start etwas Geld in Kalifornien aufnehmen, sind dann mit der Hilfe weiterer Investoren und der britischen Aufsichtsbehörden nach London umgesiedelt.

«Ich gehe davon aus, dass wir die Gewinnschwelle in zwei bis drei Jahren erreichen»

Jetzt sind wir vier Jahre hier, und Nutmeg ist der am schnellsten wachsende Wealth Manager in der Geschichte Grossbritanniens – das sind nicht meine Worte, sondern das, was die Medien geschrieben haben. Ausserdem gehören wir heute zu den grössten 20 Vermögensverwaltern hier am Platz – gemessen an der Anzahl Kunden.

Kunde kann man bei Nutmeg bereits mit 1'000 Pfund werden. Unter diesen Prämissen brauchen Sie noch ziemlich viele Kunden. Wann rechnen Sie damit, profitabel zu sein?

Wir sind eine Wachstumsfirma und investieren laufend in die Plattform. Ich gehe davon aus, dass wir die Gewinnschwelle in zwei bis drei Jahren erreichen.

Sie haben kürzlich dem britischen Asset Manager Schroders einen Anteil an Nutmeg verkauft. Warum nahmen Sie einen Vertreter der «alten Welt» an Bord?

An einer Zusammenarbeit mit Nutmeg waren verschiedene Finanzinstitute interessiert, mit denen wir allesamt Gespräche geführt haben. Doch nur Schroders war auch bereit, sich finanziell zu beteiligen.

«Wenn Sie 50 Millionen Pfund haben, kein Problem...»

Müssen Sie nun nicht befürchten, dass Sie durch die Partnerschaft mit Schroders einen Grossteil Ihres Know-how an einen Konkurrenten verlieren?

Schroders investierte 2014 und war bislang ein fantastischer Partner. Das Unternehmen hat ein enormes Beziehungsnetz in der Branche wie auch zu den Aufsichtsbehörden, was für uns sehr nützlich ist. Ich bin überzeugt, dass Nutmeg von der Partnerschaft bislang mehr profitiert hat als Schroders.

Planen Sie weitere Finanzierungsrunden?

Wenn Sie 50 Millionen Pfund haben, kein Problem... Im Ernst: Das ist zurzeit kein Thema. Aber als Unternehmen mit starkem Wachstum müssen wir uns gegebenenfalls nach neuen Mitteln umschauen.

Sie haben den USA, dem grössten Finanzmarkt der Welt, den Rücken gekehrt. Warum das?

Die Regulierung war einer der Gründe, warum wir Grossbritannien als Standort gewählt haben. Das wird nicht überall verstanden. Der Grund ist folgender: In Grossbritannien wird die Regulierung nach Prinzipien betrieben, nicht nach strikter Regelauslegung.

«In den USA stiess ich ständig auf Restriktionen und Einschränkungen»

Das bedeutet, dass wir Innovationen hier viel schneller verwirklichen können als in den USA. Wir führen mit den Regulatoren einen Dialog, wie dies anderswo kaum möglich wäre. Sie unterstützen uns dabei, das Geschäft auf- und auszubauen.

Das ist in den USA anders?

Ja. In den USA stiess ich ständig auf Restriktionen und Einschränkungen. Wir wurden in ein Regel-Korsett gezwängt. Der Grund dafür ist der Konflikt zwischen der Börsenaufsicht SEC und der Finanzaufsicht Finra. Beide Behörden wollen in der Aufsicht von Fintech-Firmen federführend sein – und das geht nicht. 

Kundendaten spielen eine wichtige Rolle für die Benutzerfreundlichkeit einer Plattform wie Nutmeg. Welchen Stellenwert spielen dabei Social-Media-Daten?

Okay, ich erkläre Ihnen nun, wie Geldverwaltung mit Nutmeg in zehn Jahren aussehen wird: Sie wachen eines Morgens auf und haben eine Nachricht auf ihrem Smartphone. Ein Freund von Ihnen hat einen Sohn bekommen und möchte Sie als Pate. Nutmeg hat von der bevorstehenden Geburt gewusst und bereits ein Sparkonto als Willkommensgeschenk eingerichtet. Jetzt erfahren wir auch, dass Sie Pate werden sollen, weil wir Zugriff auf Ihre Social-Media-Profile haben.

«Wir werden eine völlig neue Form von Geldberatung aufbauen»

Wir schlagen Ihnen vor, einen Sparfonds einzurichten, damit ihr Patensohn später auf die Universität gehen kann. Wir rechnen Ihnen vor, dass die monatlich zehn Pfund, die sie einzahlen, einmal 10'000 Pfund sein werden. Sie brauchen bloss «accept» zu klicken. Nutmeg erledigt den Zahlungsauftrag und setzt den Fonds auf.

Wird das wirklich so unbürokratisch ablaufen?

Gemach, Ihr Tag hat erst begonnen: Nun steigen Sie in ihr selbstfahrendes Auto, um zur Arbeit zu fahren. Nutmeg erinnert Sie daran, dass Ihnen gemäss ihrem Budget noch 200 Pfund für Ihre monatlichen Ausgaben bleiben. Fantastisch, denken Sie, denn Sie brauchen neue Kleider. Im Laden, wo Sie die 200 Pfund ausgeben wollen, springt ein Nutmeg-Avatar aus Ihrem Smartphone und rechnet Ihnen vor: Wenn Sie jetzt nur 100 Pfund ausgeben und den Rest sparen, wird dieses Geld zum Zeitpunkt Ihrer Rente 1'000 Pfund betragen. Sie überprüfen den Vorschlag über Social Media und kommen zum Schluss: Das ist ein guter Vorschlag. Nutmeg sendet dann eine Nachricht an Ihre Ehefrau: 'Ihr Mann hat gerade 100 Pfund gespart.' Ihre Frau findet das natürlich wundervoll, und alle sind zufrieden (lacht).

Schöne neue Welt...

Im Ernst: Soziale Medien und die Integration in unser Geschäft werden es uns erlauben, eine völlig neue Form von Geldberatung aufzubauen. Wir werden die Bedürfnisse unserer Kunden verstehen, bevor diese sie überhaupt haben. Der gesamte Finanzverkehr eines Individuums oder Haushaltes wird nahtlos und simpel. Nutmeg vereinfacht sowohl das Ausgeben als auch das Sparen von Geld.


Nick Hungerford ist Mitgründer und CEO von Nutmeg, dem führenden europäischen Online-Wealth-Manager. Die Plattform nutzen bereits rund 50'000 Kunden. Sie bezahlen Gebühren zwischen 0,3 und 1 Prozent. Der 35-jährige Brite startete seine Karriere bei Barclays Wealth. Im Jahr 2010 gründete er in Kalifornien die Firma Nutmeg. Zu den frühen Investoren gehört auch der Schweizer Daniel Aegerter, Gründer und Chef der Armada Investment Group. Er sitzt auch im Verwaltungsrat von Nutmeg. Angaben über die inzwischen erreichte Höhe der verwalteten Vermögen macht das Unternehmen nicht.

Das Interview ist eine Aufzeichnung aus einem Gespräch mit Nick Hungerford anlässlich einer Konferenz des Vermögensverwalters Schroders in London.

 

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Bellevue

Der BB Healthcare Trust ist an der London Stock Exchange mit einem Volumen von 150 Millionen Pfund gelistet. Der erste Handelstag ist der 2. Dezember. Portfoliomanager des Trusts ist Bellevue Asset Management.

Die Ende Oktober angekündigte Lancierung der Beteiligungsgesellschaft BB Healthcare Trust plc an der London Stock Exchange wurde erfolgreich abgeschlossen. Im Rahmen eines Aktienplatzierungs-programms konnte in der Erstemission ein Platzierungsvolumen von GBP 150 Mio. realisiert werden. Der erste Handelstag im Premium Segment der Londoner Börse ist der 2. Dezember 2016 (ISIN: GB00BZCNLL95, Bloomberg-Ticker: BBH LN).

Acron

Die auf Immobilieninvestments spezialisierte Acron hat den Kauf des projektierten Sheraton Fisherman‘s Wharf Hotels im kalifornischen San Francisco abgeschlossen. Das gesamte Investitionsvolumen bewegt sich im mehrfachen, dreistelligen Millionenbereich und stellt damit das bisher grösste Einzelinvestment der Acron-Gruppe dar.

Raiffeisen

Die beiden Raiffeisenbanken Fulenbach-Murgenthal-Langenthal und Oberes Gäu-Aare haben sich für einen Zusammenschluss entschieden. Die neue Raiffeisenbank soll unter dem Namen «Raiffeisenbank Aare-Langete» auftreten.

Schroder

Schroder Real Estate hat drei Schweizer Geschäftsimmobilien für den kotierten Immoplus-Fonds erworben. Die Transaktion bringt das Fondsvermögen auf rund 1,5 Milliarden Franken. Das Portfolio hat Rockspring Investment Managers verkauft. Es handelt sich dabei um vollständig vom «Do it yourself»-Spezialisten Hornbach Baumarkt gemietete Liegenschaften.

Glarner Kantonalbank

Die Glarner Kantonalbank (GLKB) weitet die Laufzeiten ihrer angebotenen Hypotheken aus. In Filialen erworbene Hypotheken können neu eine Laufzeit von bis zu 15 Jahren haben, online erworbene eine solche von bis zu 20 Jahren. Käufer sollen somit länger von tiefen Zinsen profitieren können.

Zurich

Die Zurich Gruppe Deutschland hat den Altezza Bürokomplex in München erworben. Verkäufer des 2009 erbauten Bürogebäudes ist die Warburg-HIH Invest Real Estate. Über den Kaufpreis vereinbarten die Parteien Stillschweigen. Beraten wurde Zurich bei der Transaktion durch Luther Köln.

BEKB

Die BEKB Roggwil wird per 30. Juni 2017 in die Niederlassung Langenthal integriert. Die betroffenen Mitarbeitenden werden bei der BEKB weiterbeschäftigt. Die Integration erfolgt, weil sich das Kundenverhalten im Bankgeschäft stark verändert hat.

UBS

Mit Blick auf die Art Basel im amerikanischen Miami fasst die Schweizer Grossbank ihre erhebliche Kunstsammlung in einem neuen Bildband zusammen. Das Buch «UBS Art Collection: To Art its Freedom» wird an Januar 2017 erhältlich sein.

Vontobel AM

Die europäische Ratingagentur Feri EuroRating Services und die Verlagsgruppe Handelsblatt haben die Schweizer Bank Vontobel als besten Asset Manager für Rohstoffe in Deutschland, Österreich und der Schweiz ausgezeichnet.

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