Credit Suisse: Ganz unten

Ein schwaches Jahr und ein katastrophales viertes Quartal: Die Credit Suisse ist unter CEO Tidjane Thiam arg gerupft worden. Hier sind Diagnosen.

1. Ein schwaches Jahr
Das Gesamtfazit ist eindeutig: Die Credit Suisse hatte 2015 operativ ein ausnehmend schwaches Jahr – Abschreiber hin oder her. Das sieht auch der Aktienmarkt so, der fast schon panisch reagiert. Die CS-Namen fielen auf den tiefsten Stand seit zwei Jahrzehnten.

Die Gesamterträge lagen mit 23,8 Milliarden Franken rund 2,5 Milliarden Franken tiefer als im Vorjahr. Dafür gibt es zwei Hauptursachen: Erstens das völlig missratene vierte Quartal – die Credit Suisse beklagte in der Medienmitteilung ausführlich die schlechten Marktbedingungen. Die zweite Ursache war das Investmentbanking, das sich einmal mehr als hoch volatil zeigte; letztes Jahr schlug es allerdings nach unten aus.

Schwächer waren auch die Schweizer Bank sowie das Internationale Wealth Management. Trotz schwächerer Performance im Konzern stieg der Personalaufwand.

2. Kapitalerhöhung für Bereinigung von Altlasten
CS-CEO Tidjane Thiam war stolz auf die gelungene Kapitalerhöhung, die das Kapitalpolster der Bank auf 12,2 Prozent erhöhte. Nach der Jahresbilanz zeigt sich: Die Kapitalerhöhung war notwendig gewesen, um die Goodwill-Abschreiber vorzunehmen und Altlasten in der Investmentbank loszuwerden. Die Kernkapitalquote ist nämlich wieder auf 11,4 Prozent gesunken.

Die Erkenntnis daraus: die CS-Aktionäre waren im vergangenen Herbst zur Kasse gebeten worden, um eine völlig überteuerte Übernahme aus dem Jahr 2000 aus den Büchern zu tilgen. Donaldson Lufkin & Jenrette hatte die Grossbank damals 18 Milliarden Franken gekostet. Rund 6,3 Milliarden Franken schlummerten als Goodwill fast 15 Jahre lang in der Bilanz. Erst 3,8 Milliarden Franken sind davon abgeschrieben.

3. Zuviel der schöpferischen Zerstörung ?
Seit seinem offiziellen Antritt im letzten Juli hat Thiam schon viel bewegt: Die Kapitalerhöhung ist geglückt, die Aufteilung der «One Bank» in neue Divisionen und Regionen sowie die Lancierung der Schweizer Universalbank (SUB) ist vollzogen. Ebenso hat der rastlose Ivorer im vierten Quartal 2015 einen längst fälligen Goodwill-Abschreiber vorgenommen.

Doch die schöpferische Zerstörung unter Thiam birgt Risiken. Mit dem Reinverlust von 2,95 Milliarden Franken im Jahr 2015 hat sich die CS deutlich weiter vom im Oktober formulierten Ziel entfernt, den Gewinn bis 2018 auf 7 Milliarden Franken zu verdoppeln.

Einen empfindlichen Rückschritt erlebte die Bank auch bei der Kapitalisierung (siehe Punkt 2). Zur Erinnerung: Gemäss der neuen «Too-big-to-fail»-Eckwerte wurden bei der Grossbank ein zusätzlicher Bedarf an hartem Eigenkapital von 5,2 Milliarden Franken festgestellt.

Damit stellt sich die Frage, ob Thiam in seinem furiosen ersten Halbjahr mit der CS nicht schon zuviel Boden verloren hat, um seine Strategie noch plangemäss ins Ziel zu bringen.

4. Die Schweizer Universalbank wird immer kostbarer
Das in die Swiss Universal Bank (SUB) umgegossene Schweiz-Geschäft der CS hat im Geschäftsjahr 2015 einen bereinigten Vorsteuergewinn von 1,6 Milliarden Franken und damit 4 Prozent mehr als im Jahr zuvor erwirtschaftet. Das Resultat wird noch respektabler, wird das vierte Quartal betrachtet: Als einzige CS-Division überhaupt lieferte die nun von Thomas Gottstein geführte Einheit ein positives Ergebnis von 367 Millionen Franken vor Steuern ab.

Das ist zwar knapp die Hälfte dessen, was die CS in der Schweiz noch in der Vorjahresperiode verdiente – und ist zudem zu guten Stücken dem soliden Geschäft mit Firmen und Institutionellen Kunden geschuldet, dessen langjähriger Chef Barend Fruithof 2015 zu Julius Bär wechselte.

Dennoch zeichnet sich immer deutlicher ab, dass die CS mit dem bis Ende 2017 geplanten IPO der SUB tatsächlich ihr Tafelsilber an die Börse verkauft.

5. Investmentbanker-Löhne: Thiam hat die Schlacht verloren
Der CS-CEO hat sich im Januar noch bitter über die Haltung seiner Investmentbanker beschwert, sie würden keine Lohneinbussen aktzeptieren, wenn die Geschäfte schlechter liefen. Die Vergütungsdiskussionen seien ein «Schlachtfeld», sagte Thiam. Wie nun deutlich wird, hat er die Schlacht verloren: Die Gehälter stiegen in beiden Investmentbank-Einheiten.

Es seien marktbasierte Gehaltserhöhungen, rechtfertigt sich die CS. Erschreckend an dieser Entwicklung ist: Die Investmentbanker haben schlechter performt. Die Ertragsrückgänge waren in beiden Einheiten zweistellig.

6. Seitenhiebe gegen den Vorgänger
Thiam liess bei der Präsentation des völlig missratenen Jahresergebnisses die Gelegenheit nicht aus, Teile der Schuld auf seinen Vorgänger Brady Dougan abzuschieben und zu sticheln. So seien im Beratungsgeschäft der Investmentbank viel zu wenig Investitionen getätigt worden, was nun aufgeholt werden müsse.

Im Fixed-Income-Geschäft machte Thiam Altlasten aus, die nun für Milliardenverluste sorgten. Unter Dougan waren Bestände aufgebaut worden, die schlicht nicht mehr verkauft werden konnten. Auch der Abschreiber auf dem Goodwill der DLJ-Übernahme ist eine indirekte Kritik an Dougan. Dieser hatte nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass der 2000 getätigte Kauf völlig überteuert war. Aber den Goodwill hatte er nie angetastet.

Schluss macht Thiam auch mit einem von Dougans kleinen Tricks: Der Amerikaner hatte Aktionären jeweils die Wahl gelassen, die Dividende entweder in Bar oder in Aktien zu beziehen. Das Kalkül: Aktien beeinträchtigten das Kapital weniger. Thiam will nur noch Bar-Dividenden.

7. Neugeld fliesst in Strömen
Ein Lichtblick war der überraschend starke Zufluss an Neugelder. Diese nahmen um knapp 51 Milliarden Franken zu, gegenüber 37,5 Milliarden Franken im Vorjahr. Dies ist ein starker Vertrauensbeweis seitens der Kunden in die Schweizer Grossbank.

Den Löwenanteil verbuchten die Schweiz-Einheit mit rund 14 Milliarden Franken und die Division Asien Pazifik – Thiams Fokusmarkt – mit knapp 18 Milliarden Franken, davon 3 Milliarden Franken im schwierigen vierten Quartal.

Die Marktturbulenzen an den chinesischen Börsen schadeten der Sparte somit bislang wenig. Das Internationale Wealth Management gewann im Private Banking übers ganze Jahr 2,2 Milliarden Franken. Als überraschend stark erweist sich das Asset Management, das 26,5 Milliarden Franken an Kundengeldern zulegte.

8. Hoffnung aus Fernost – nicht ohne Risiko
Dass das Jahresergebnis der Credit Suisse nicht noch schlechter ausgfiel, ist unter anderem der Marktregion Asien-Pazifik zu verdanken. Dort verzeichnete die Schweizer Bank den stärksten Neugeldzufluss und erzielte erstmals einen Vorsteuergewinn von mehr als einer Milliarde Franken. Die Zeichen stehen auch weiterhin auf Ausbau, will doch die CS bis Ende 2018 rund 800 Kundenberater beschäftigen. Derzeit sind es 590; allein im vergangenen Jahr kamen netto 70 hinzu.

Allerdings sind solche Pläne nicht ganz ungefährlich. Denn in der Region Asien ist die Qualität des Neugelds nicht überall über alle Zweifel erhaben. Dessen ist sich zum Beispiel die UBS bewusst und ist dazu übergegangen, gewisse Vermögen abzulehnen. Die CS wird genau abwägen müssen, mit welchen Risiken sie Neugeld und Erträge bolzen will.

9. Crash-Gefahr wegen Öl-Exposure
Die Credit Suisse hat insgesamt Kredite von 9,1 Milliarden Dollar im Öl- und Gassektor ausstehend – das meiste davon in Nordamerika. Dies sind 3 Milliarden mehr als bei der UBS. Zwar habe man drei Viertel des Kreditportfolios abgesichert, schreibt die CS. Dennoch stellt der tiefe Ölpreis eine latente Gefahr dar, sollte sich der Preis von zuletzt 35 Dollar pro Fass wieder abschwächen.

Diverse Rohstoff-Experten prognostizieren einen Ölpreis von 20 Dollar oder tiefer. Konkurrenten wie J.P. Morgan, Citigroup oder Wells Fargo haben sich bereits gegen einen potenziellen Öl-Crash gewappnet und Rückstellungen in Milliardenhöhe gebildet. Laut der US-Ratingagentur Standard & Poor’s sind 50 Prozent der Kredite im Energiesektor gefährdet.

 

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