«Beratung ohne Roboadvisor schon in fünf Jahren nicht mehr möglich»

Ivan Büchi, Christoph Kley, Felix Niederer, Frédéric Papp (v.l.n.r.)

Ivan Büchi, Christoph Kley, Felix Niederer, Frédéric Papp (v.l.n.r.)

Vom lauen Frühlingsabend-Wetter liessen sich mehrere Hundert Bankleute am (gestrigen) Montag nicht abhalten und besuchten den Finance Circle, den die ZHAW School of Management and Law sowie der Zürcher Bankenverband (ZBV) organisiert hatten. In der Veranstaltungsreihe ging es um das Thema «Robo Advice: Hat die klassische Kundenberatung ausgedient?».

Der Ansturm kam nicht von ungefähr. Bei der Eingangsfrage von ZBV-Präsident Thomas Ulrich, wie viele Anwesende in der Kundenberatung tätig seien, streckte gut die Hälfte der Zuhörer die Hand auf. Tatsächlich ist zumindest für alle diese Leute der Roboadvisor mittlerweile ein Phänomen, das nicht mehr wegdenken lässt. «Man kann sich dagegen nicht mehr sperren», sagte denn auch der Moderator des Abends, Christoph Kley, ZHAW-Dozent am Institut für Wealth & Asset Management.

Finance Circle 502

Felix Niederer, Gründer und Chef des ersten Schweizer Roboadvisor-Startups True Wealth, betonte denn auch, wie wichtig es für die Schweiz mit ihrer langen Tradition in der Bankbranche sei, an dieser Entwicklung teilzuhaben. «Wenn wir nichts tun, wird lange nichts geschehen, bis dann amerikanische Anbieter zur Stelle sein werden», sagte der studierte Physiker, der im Oktober 2014 – zusammen mit Oliver Herren – die digitale Vermögensverwaltungsplattform True Wealth lancierte.

Demokratisierung der Anlageberatung

Sich gegen die Entwicklung zu stemmen, mache für die Leute, die heute in der Kundenberatung arbeiteten, ganz offensichtlich keinen Sinn, befand auch finews.ch-Redaktor Frédéric Papp. Denn die Roboadvisor würden zu einer «Demokratisierung der Anlageberatung», zu tieferen Kosten für die Kunden sowie zu mehr Transparenz verhelfen – nicht zuletzt vor dem Hintergrund der immer strengeren Gesetze und Vorschriften (Stichwort: Regulierung) in der Finanzbranche geführt.

Angesichts der anhaltenden Regulierungsflut sagte denn auch Ivan Büchi, seines Zeichens Leiter Digital Office bei der Glarner Kantonalbank: «In fünf Jahren wird es für einen Kundenberater kaum mehr möglich sein, ohne Roboadvisor seine Kunden zu bedienen.» Denn nur die Maschine werde dannzumal noch in der Lage sein, die für einen Privatanleger zugelassenen Investmentprodukte oder –strategien zu kennen.

Nachteile der «Anlagemaschinen»

Zudem treibe das anhaltende Tief- oder gar Negativzins-Umfeld viele Bankkunden regelrecht in die Anlageberatung – Kunden, die sich auf Grund ihres (relativ geringen) Investitionsvermögens keine individuelle Beratung mehr leisten könnten, und daher auf einen Roboadvisor angewiesen seien.

Allerdings waren sich die Diskussionsteilnehmer ebenfalls einig, dass die «Anlagemaschinen» auch Nachteile mit sich bringen. Komplexe Anlagebedürfnisse liessen sich mit einem Roboadvisor nicht lösen, betonte Frédéric Papp, der auch hinter die vom Computer erstellten Risikoprofile der jeweiligen Benützer teilweise ein Fragezeichen setzte. Viele Kunden würden sich – besonders in guten Marktphasen – in ihrem Können und Wissen überschätzen, was in Baisse-Zeiten zu bösen Überraschungen führen könne. Bei einem reinen Roboadvisor sei auch kein Berater zur Stelle, wenn es an den Märkten zu einem Crash komme.

Nur Hybrid hat Zukunft

Vor diesem Hintergrund waren sich die Fachleute am Montagabend auch einig, dass der Roboadvisor langfristig nur in einer Hybrid-Version eine Zukunft habe, also in einem Modell, das neben der digitalen Anlagestrategie weiterhin die Unterstützung durch Kundenberater vorsehe, wie das beispielsweise seit kurzem die Bank Linth in der Schweiz anbietet.

Dies setzt allerdings eine ausgeprägte Empathie und Sozialkompetenz bei den Bankmitarbeitern voraus, die derzeit aber noch kaum vorhanden ist, wie verschiedene Vertreter der ZHAW zum Ausdruck brachten. Hier habe die Bankbranche ein enormes Aufholpotenzial, das von allen Ausbildungs-Institutionen aufgegriffen werden müsse.

Kundenerlebnisse nötig

Neben der beraterseitigen Empathie und Sozialkompetenz spielt noch ein weiterer Faktor eine zentrale Rolle, sofern sich Roboadvisor durchsetzen sollen: die «Customer Experience», also die Art und Weise, wie ein Kunde das digitale Angebot wahrnimmt.

Während andere Branchen in dieser Hinsicht schon viel weiter sind (Amazon, Facebook, Neflix, Spotify, Airbnb), so dass die Kunden mit diesen Anbietern auch emotional verbunden sind und mit ihnen positive Erlebnisse assoziieren, bieten Banken noch kaum eine vergleichbare Customer Experience an, wie Felix Niederer betonte. Hier sei noch viel Arbeit nötig, um neue Kunden zu gewinnen und bestehende halten zu können, sagte der Co-Gründer von True Wealth, der mit seiner Plattform mittlerweile gut 700 Kunden mit einem Anlagevermögen von mehr als 30 Millionen Franken betreut.

Banking muss «cool» werden

Schafft die Finanzbranche – mit Hilfe der Roboadvisor – diesen Schritt, wird auch Banking etwas «Cooles» werden und möglicherweise die Nachfrage nach zusätzlichen Bankberatern ankurbeln, wie dies Frédéric Papp in seinem (positiven) Zukunftsszenario in Aussicht stellte. Denn je mehr Leute einen Roboadvisor benützten, desto grösser sei auch das Bedürfnis eine damit verbundene Beratung in Anspruch zu nehmen.

Dass die Bankmitarbeiter ihren Job durch die «Maschine» in Gefahr sehen, war zumindest am Montagabend nicht der Fall. Bei einer abschliessenden Umfrage ging die überwiegende Mehrheit nicht davon aus, dass sie wegen dem Roboadvisor ihren Job verliert.

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