Europas Banken: Weiss eigentlich noch jemand, wo's lang geht?

Die Alarmstimmung rund um die Deutsche Bank fördert die Schwächen des europäischen Finanzsystems schonungslos zutage. Die Kakophonie an Stimmen offenbart, wie bedrohlich die Situation wirklich ist.

Die Lage ist unübersichtlich – und scheinbar hoffnungslos. Es ist ein düsteres Zeichen, wenn Deutschland, immerhin die grösste Volkswirtschaft Europas, sich gezwungen sieht, das Vorhandensein von Rettungsplänen für die Deutsche Bank zu dementieren.

Oder anders gesagt: Noch nie war die Unsicherheit um das Bankensystem in Europa so greifbar wie jetzt. Dafür gibt es, abgesehen von der anhaltend schwachen Kapitalisierung vieler Institute, genügend Anzeichen – wie die Ausweitung der Credit-Spreads der Banken, die hohe Volatilität an den Märkten sowie eben die Fokussierung aller Sorgen auf ein Institut, die Deutsche Bank.

Kakophonie von Meinungen und vermeintlichem Wissen

Fällt diese, fällt in einem Dominoeffekt das europäische Bankensystem?

Das grösste Merkmal dieser grassierenden Unsicherheit ist der unablässige Strom an Kommentaren und Einschätzungen, die sich erst noch widersprechen, indem sie so völlig uneins sind über die Schwere der Krise, der möglichen Auswirkungen und Heilmittel.

Kurzum: Es herrscht eine unsägliche Kakophonie an Meinungen, welche die untrüglich vorhandene Bankenkrise verzerrt wie dies der Besucher eines Spiegelkabinetts auf dem Rummelplatz wahrnimmt.

Trotz Dementi

Trotz eindeutiger Dementis des Bundesfinanzministeriums und der Deutschen Bank hält die deutsche Wochenzeitung «Die Zeit» an der Darstellung eines staatlichen Notfallplanes für die Deutsche Bank fest. CEO John Cryan stellt seinerseits die Notwendigkeit einer Kapitalerhöhung in Abrede.

Christine Lagarde, die Chefin des Internationalen Währungsfonds, sieht in der Deutschen Bank zurzeit zwar das grösste Risiko für die Finanzstabilität. Doch sehe sie zurzeit keine «absolute Notwendigkeit für eine Intervention».

Spekulationen werden genährt

EZB-Präsident Mario Draghi wiederum verlieh Spekulationen neues Gewicht, als er sagte, es müsse andere Gründe geben als tiefe Zinsen, falls eine Bank ein systemisches Risiko für die Eurozone darstelle.

Der frühere Schatzkanzler Grossbritanniens, Norman Lamont, sagte, die grösste Bedrohung Europas sei eine Bankenkrise. «Italienische Banken sind in einer sehr ernsten Lage. Ich glaube, deutsche Finanzinstitute sind es wahrscheinlich auch», so sein nicht unproblematischer Kommentar.

«Lehman-Moment» – oder nicht?

Axel Weber hingegen, immerhin der Verwaltungsratspräsident der UBS, beurteilte in einem Interview mit der Nachrichtenagentur «Bloomberg» das Bankensystem als heute deutlich stabiler als zu Zeiten der Finanzkrise. Die Gefahr von Interventionen sehe er nicht. Die Deutsche Bank befinde sich nicht in einem «Lehman-Moment».

Doch in Finanzkreisen machen derzeit Aktiencharts die Runde, die eben diesen «Lehman-Moment» heraufbeschwören (vgl. nachsthenden Chart). Was nun?

DB LB Chart


Tidjane Thiam, CEO der ebenfalls kriselnden Credit Suisse (CS), mochte in seiner Beurteilung der Lage zwar nicht so weit gehen. Doch seine Aussagen auf «Bloomberg TV», wonach Banken in der Eurozone in einer «sehr fragilen Situation» seien und in einige grosse Institute nicht wirklich zu investieren sei, wirkten dieser Tage nicht gerade vertrauensfördernd.

Geldabflüsse, gute Performance

Der CS-CEO musste in dieser Woche selber erfahren, wie schnell und überhastet die Märkte aus ihrer Phase der Verunsicherung heraus reagieren, als er an einer Konferenz Geldabflüsse bei seiner Bank aus dem wenig relevanten Geschäft mit externen Vermögensverwaltern in Aussicht stellte. Denn einen Tag später sprach Thiam dann von einem guten Resultat und einer guten Performance der CS im dritten Quartal 2016.

Diese fundamentale Verunsicherung wie auch die vielen «Wahrheiten» über Banken und das Finanzsystem in der Eurozone sind das Resultat eines giftigen Gemischs interner und externer Faktoren.

Giftiges Gemisch

Natürlich, Finanzinstitute wie die Deutsche Bank und die CS haben in der Vergangenheit zu hohe Risiken mit zu wenig Kapital abgesichert, kranken an Fehlern aus der Vergangenheit, ächzen unter den Restrukturierungen und Strategiewechseln und sind weiterhin mit hohen Rechtsrisiken konfrontiert.

Das giftige Gemisch ergibt sich aber erst durch das politische und wirtschaftliche Umfeld, in welchem die Banken heute operieren: Sie sind einer globalen Wachstumsschwäche ausgesetzt, die geldpolitischen Massnahmen der Zentralenkbanken zeigen immer weniger Wirkung, und statt der Marktkräfte dominieren regulatorische Eingriffe sowie die Interventionen der mächtigen Staaten. Kein Wunder, dass sich so ein Vertrauensverlust der Kunden in das Finanzsystem bemerkbar macht.

Eigentliche Black Box

Die Geschäftsmodelle globaler Universalbanken sind ohnehin schon komplex und stellen höchste Anforderungen an die Fähigkeit der Manager, die Risiken unter Kontrolle zu halten. Angesichts der anhaltend garstigen und unvorhersehbaren Rahmenbedingungen sind die Grossbanken zusehends auf einer «Mission Impossible» unterwegs.

Der gesellschaftliche und digitale Wandel trägt das weitere dazu bei: Grossbanken stemmen enorme Kosten und müssen radikale Veränderungen in ihren Geschäftsmodellen vornehmen, um lange vernachlässigte Industrialisierungs- und Digitalisierungsschritte nachzuholen.

Risiken nicht kontrollierbar

Vor diesem Hintergrund ist klar. Die Banken müssen wettbewerbsfähige Strukturen schaffen, sich gegen mögliche Angriffe branchenfremder Player oder Fintech-Disruptoren wappnen und den Kunden aus der zunehmend digitaleren Zukunft identifizieren können.

So betrachtet stehen die Banken vor kaum lösbaren Aufgaben. Zumindest nicht vor solchen, die sich vollständig kontrollieren lassen. Die Kakophonie an Märkten und Expertentischen ist nur ein Spiegelbild davon und dürfte nicht so schnell verklingen.

DOSSIER BANKEN

Dossier Banken

Dossier UBS Dossier Credit Suisse Dossier Bank Vontobel Dossier Julius Bär Dossier Zürcher Kantonalbank

Die wichtigsten Schweizer Banken auf einen Blick:

DAS BESTE IM WEB

Gute Stories und Links aus aller Welt

  • Trumps Kabinett der Milliardäre
  • London: Der Investmentbanker Europas
  • Der Sanierer soll ein Insider-Händler sein
  • Versagen auf der ganzen Linie
  • Streitpunkt neue Kapitalregeln
  • Veganer wegen Geldschein auf den Barrikaden
  • Was Banken gar nicht mögen: Weibliche Whistleblower
mehr

Follow us

Follow finews.ch on Twitter Follow finews.ch on Facebook Follow finews.ch on Google+ Follow finews.ch on LinkedIn Follow finews.ch on Xing Follow finews.ch on Youtube Follow finews.ch on Instagram Follow finews.ch

Newsletter

Newsletter-SymbolKostenlos abonnieren

Abonnieren Sie jetzt den finews.ch-Newsletter und Sie erhalten kostenlos 2x wöchentlich die wichtigsten News aus der Schweizer Finanzwelt per E-Mail.

Zürcher Bankenverband

News und Einschätzungen zum Zürcher Finanzplatz.

Beiträge lesen

Lohnvergleich

Lohnvergleich

Verdienen Sie genug? Vergleichen Sie doch mal Ihren Lohn.

zum Lohnvergleich

SELECTION

Selection

Wie sich Angstkultur ausbreitet

Mehrere Tausend Stellen im Schweizer Bankgewerbe sollen verschwinden. Besonders betroffen davon ist das mittlere Kader.

Selection

Unattraktive Bankjobs

Unattraktive Bankjobs

Warum es nicht mehr so begehrenswert ist, bei einer Bank zu arbeiten.

Selection

NEWS GANZ KURZ

Bellevue

Der BB Healthcare Trust ist an der London Stock Exchange mit einem Volumen von 150 Millionen Pfund gelistet. Der erste Handelstag ist der 2. Dezember. Portfoliomanager des Trusts ist Bellevue Asset Management.

Die Ende Oktober angekündigte Lancierung der Beteiligungsgesellschaft BB Healthcare Trust plc an der London Stock Exchange wurde erfolgreich abgeschlossen. Im Rahmen eines Aktienplatzierungs-programms konnte in der Erstemission ein Platzierungsvolumen von GBP 150 Mio. realisiert werden. Der erste Handelstag im Premium Segment der Londoner Börse ist der 2. Dezember 2016 (ISIN: GB00BZCNLL95, Bloomberg-Ticker: BBH LN).

Acron

Die auf Immobilieninvestments spezialisierte Acron hat den Kauf des projektierten Sheraton Fisherman‘s Wharf Hotels im kalifornischen San Francisco abgeschlossen. Das gesamte Investitionsvolumen bewegt sich im mehrfachen, dreistelligen Millionenbereich und stellt damit das bisher grösste Einzelinvestment der Acron-Gruppe dar.

Raiffeisen

Die beiden Raiffeisenbanken Fulenbach-Murgenthal-Langenthal und Oberes Gäu-Aare haben sich für einen Zusammenschluss entschieden. Die neue Raiffeisenbank soll unter dem Namen «Raiffeisenbank Aare-Langete» auftreten.

Schroder

Schroder Real Estate hat drei Schweizer Geschäftsimmobilien für den kotierten Immoplus-Fonds erworben. Die Transaktion bringt das Fondsvermögen auf rund 1,5 Milliarden Franken. Das Portfolio hat Rockspring Investment Managers verkauft. Es handelt sich dabei um vollständig vom «Do it yourself»-Spezialisten Hornbach Baumarkt gemietete Liegenschaften.

Glarner Kantonalbank

Die Glarner Kantonalbank (GLKB) weitet die Laufzeiten ihrer angebotenen Hypotheken aus. In Filialen erworbene Hypotheken können neu eine Laufzeit von bis zu 15 Jahren haben, online erworbene eine solche von bis zu 20 Jahren. Käufer sollen somit länger von tiefen Zinsen profitieren können.

Zurich

Die Zurich Gruppe Deutschland hat den Altezza Bürokomplex in München erworben. Verkäufer des 2009 erbauten Bürogebäudes ist die Warburg-HIH Invest Real Estate. Über den Kaufpreis vereinbarten die Parteien Stillschweigen. Beraten wurde Zurich bei der Transaktion durch Luther Köln.

BEKB

Die BEKB Roggwil wird per 30. Juni 2017 in die Niederlassung Langenthal integriert. Die betroffenen Mitarbeitenden werden bei der BEKB weiterbeschäftigt. Die Integration erfolgt, weil sich das Kundenverhalten im Bankgeschäft stark verändert hat.

UBS

Mit Blick auf die Art Basel im amerikanischen Miami fasst die Schweizer Grossbank ihre erhebliche Kunstsammlung in einem neuen Bildband zusammen. Das Buch «UBS Art Collection: To Art its Freedom» wird an Januar 2017 erhältlich sein.

Vontobel AM

Die europäische Ratingagentur Feri EuroRating Services und die Verlagsgruppe Handelsblatt haben die Schweizer Bank Vontobel als besten Asset Manager für Rohstoffe in Deutschland, Österreich und der Schweiz ausgezeichnet.

weitere News