Albert Steck: «2016 – das Jahr der abgesagten Katastrophen»

Albert Steck

Albert Steck

Die Hunde bellen, aber die Karawane zieht weiter. Dieses Sprichwort bringe die Entwicklung des laufenden Jahres treffend auf den Punkt, findet Albert Steck auf finews.first.


Dieser Beitrag erscheint in der Rubrik finews.first. Darin nehmen renommierte Autorinnen und Autoren Stellung zu Wirtschafts- und Finanzthemen. Dabei äussern sie ihre eigene Meinung. Die Texte erscheinen auf Deutsch und Englisch. finews.first läuft in Zusammenarbeit mit der Genfer Bank Pictet & Cie. Die Auswahl und Verantwortung der Beiträge liegt jedoch bei finews.ch.


Mehrfach in diesem Jahr verfielen die Märkte in Panik – und stets war es ein Fehlalarm. Diese Nervosität kommt nicht von ungefähr. Das Jahr begann gleich mit einem Börsencrash: Rund um den Globus fielen die Aktienkurse und rasch war vom «miserabelsten Jahresauftakt aller Zeiten» die Rede.

Sogleich traten Analysten auf den Plan, welche die Anleger warnten, sie müssten nun besonders vorsichtig sein. Dabei ist ein solcher Rat völlig nutzlos: Eine erhöhte Vorsicht hätte es nämlich gebraucht, bevor die Kurse einbrachen – als man genau keine Warnungen zu hören bekam.

Geradeso billig und nichtssagend ist die häufig geäusserte Erklärung nach einem Kurssturz, dass die Risiken jetzt gestiegen seien. Denn effektiv bestanden diese Gefahren ja schon vorher. Nur wurden sie vom Markt eben vernachlässigt, weshalb das Risiko einer negativen Überraschung vor dem Börseneinbruch nicht kleiner, sondern im Gegenteil grösser war. Wenn aber die Kurse bereits tief sind, sinkt auch das Potenzial für weitere Verluste – die Fallhöhe für den Anleger nimmt folglich ab. Gleichzeitig führen die günstigeren Kurse dazu, dass die Aktien attraktivere Bewertungen aufweisen.

«Schon nach zwei Wochen war der Brexit-Blues bereits vergessen»

Wer sich von der Schwarzmalerei nicht aus dem Konzept bringen liess, brauchte es nicht zu bereuen: Von Mitte Februar bis Anfang Juni legte die Schweizer Börse um stolze 15 Prozent zu. Bis der 23. Juni kam. Und mit dem Brexit begann das gleiche Schauspiel von Neuem.

Die Börsen machten schon wieder auf Panik und wendige Experten rechneten aufs Komma genau vor, wie viel Wachstum uns der Entscheid kosten werde. Indes, die düsteren Prophezeiungen überdauerten auch diesmal nur kurz: Das Schweizer Bruttoinlandprodukt (BIP) erzielte im zweiten Quartal ein erfreuliches Plus von 0,6 Prozent. Im Jahresvergleich wuchs das BIP real um 2,0 Prozent. Worauf die Auguren ihre zuvor gesenkten Prognosen reihum nach oben revidierten.

Ebenso flatterhaft verhielt sich die Börse: Nach zwei Wochen war der Brexit-Blues bereits vergessen. Zahlreiche Indizes kletterten gar auf ein neues Allzeithoch, zum Beispiel in den USA sowie bei den mittelgrossen Aktien in der Schweiz. 2016 wird uns folglich als das Jahr der abgesagten Katastrophen in Erinnerung bleiben.

«Es sind die Notenbanken selbst, die immer wieder neue Bedrohungen heraufbeschwören»

Nun könnte man dies als Kapriolen von ein paar hyperaktiven Börsianern abtun – nach dem Motto «die Hunde bellen, aber die Karawane zieht weiter». Doch greift eine solche Interpretation zu kurz. Weshalb?

Die Entwicklung der Finanzmärkte wird je länger, desto mehr von den Notenbanken dominiert. Mit ihren weit geöffneten Geldschleusen signalisieren sie den Märkten: «Macht euch keine Sorgen, wir haben die Lage im Griff.» Nur allzu begierig vertrauen die Börsen auf diese Zusicherung und schalten in den «Risk-on-Modus» (will heissen: riskante Anlagen werden bedenkenlos gekauft).

Gleichzeitig aber sind es die Notenbanken selbst, welche immer wieder neue Bedrohungen heraufbeschwören – als Begründung dafür, dass sie die Zinsschraube (noch) nicht anziehen dürfen. Effektiv haben die Europäische Zentralbank und die Bank of Japan ihre Feuerkraft in diesem Jahr weiter vergrössert. Als Sinnbild dafür dient die längste historische Zinsreihe, welche bis auf das Jahr 1517 zurückgeht: jene der niederländischen Staatsanleihen. Erstmals seit 499 Jahren ist diese jetzt unter null gefallen.

«In diesen Phasen schalten die Märkte dann plötzlich auf Risk-off»

Doch je mehr die Notenbanken aus allen Rohren feuern, desto banger stellen sich die Märkte die Frage, ob das geldpolitische Arsenal vielleicht schon bald aufgebraucht ist – was die Währungshüter jeweils mit Vehemenz verneinen. Immer wieder platzen an den Börsen daher Mutmassungen auf, dass das Sicherheitsnetz der Geldpolitik reissen könnte. In diesen Phasen schalten die Märkte dann plötzlich auf «Risk-off» (will heissen: riskante Anlagen werden liquidiert) und eine übertriebene Hektik macht sich breit, so wie wir dies 2016 mehrfach erlebt haben.

Die Notenbanken hätten es in der Hand, diese fatale Dominanz an den Märkten zu stoppen. Sie sollten einerseits die Grenzen ihrer Macht offenlegen. Und gleichzeitig noch aggressiveren Massnahmen wie dem Helikoptergeld (gemeint ist die Finanzierung von Staatsausgaben direkt via Notenpresse) abschwören.

Auf der andern Seite wäre etwas weniger Schwarzmalerei opportun. Damit könnten die Notenbanken zum Ausdruck bringen, dass sie auf die Regenerationskräfte der Wirtschaft vertrauen. Ohne Zweifel, die Finanzkrise von 2008 war ein gewaltiges Desaster. Doch acht Jahre später wollen wir uns nicht ständig gegen neue Katastrophen rüsten müssen – welche dann stets wieder abgesagt werden.


Albert Steck arbeitet seit 2007 bei der Migros Bank und ist verantwortlich für die Markt- und Produktanalyse. Er ist Autor der Finanzkolumne im Migros-Magazin sowie Blogger. Nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaften, Politologie und Publizistik war er Journalist, unter anderem bei der «Bilanz». Im Jahr 2007 gewann er den Medienpreis für Finanzjournalisten.


Bisherige Texte von: Rudi Bogni, Adriano B. Lucatelli, Peter Kurer, Oliver Berger, Rolf Banz, Samuel Gerber, Werner Vogt, Walter Wittmann, Alfred Mettler, Robert Holzach, Thorsten Polleit, Craig Murray, David Zollinger, Arthur Bolliger, Beat Kappeler, Chris Rowe, Stefan Gerlach, Marc Lussy, Samuel Gerber, Nuno Fernandes, Thomas Fedier, Claude Baumann, Beat Wittmann, Richard Egger, Didier Saint-Georges, Dieter Ruloff, Marco Bargel, Steve Hanke, Andreas Britt, Urs Schoettli, Maurice Pedergnana, Stefan Kreuzkamp, Katharina Bart, Oliver Bussmann, Michael Benz und Peter Hody.

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Bellevue

Der BB Healthcare Trust ist an der London Stock Exchange mit einem Volumen von 150 Millionen Pfund gelistet. Der erste Handelstag ist der 2. Dezember. Portfoliomanager des Trusts ist Bellevue Asset Management.

Die Ende Oktober angekündigte Lancierung der Beteiligungsgesellschaft BB Healthcare Trust plc an der London Stock Exchange wurde erfolgreich abgeschlossen. Im Rahmen eines Aktienplatzierungs-programms konnte in der Erstemission ein Platzierungsvolumen von GBP 150 Mio. realisiert werden. Der erste Handelstag im Premium Segment der Londoner Börse ist der 2. Dezember 2016 (ISIN: GB00BZCNLL95, Bloomberg-Ticker: BBH LN).

Acron

Die auf Immobilieninvestments spezialisierte Acron hat den Kauf des projektierten Sheraton Fisherman‘s Wharf Hotels im kalifornischen San Francisco abgeschlossen. Das gesamte Investitionsvolumen bewegt sich im mehrfachen, dreistelligen Millionenbereich und stellt damit das bisher grösste Einzelinvestment der Acron-Gruppe dar.

Raiffeisen

Die beiden Raiffeisenbanken Fulenbach-Murgenthal-Langenthal und Oberes Gäu-Aare haben sich für einen Zusammenschluss entschieden. Die neue Raiffeisenbank soll unter dem Namen «Raiffeisenbank Aare-Langete» auftreten.

Schroder

Schroder Real Estate hat drei Schweizer Geschäftsimmobilien für den kotierten Immoplus-Fonds erworben. Die Transaktion bringt das Fondsvermögen auf rund 1,5 Milliarden Franken. Das Portfolio hat Rockspring Investment Managers verkauft. Es handelt sich dabei um vollständig vom «Do it yourself»-Spezialisten Hornbach Baumarkt gemietete Liegenschaften.

Glarner Kantonalbank

Die Glarner Kantonalbank (GLKB) weitet die Laufzeiten ihrer angebotenen Hypotheken aus. In Filialen erworbene Hypotheken können neu eine Laufzeit von bis zu 15 Jahren haben, online erworbene eine solche von bis zu 20 Jahren. Käufer sollen somit länger von tiefen Zinsen profitieren können.

Zurich

Die Zurich Gruppe Deutschland hat den Altezza Bürokomplex in München erworben. Verkäufer des 2009 erbauten Bürogebäudes ist die Warburg-HIH Invest Real Estate. Über den Kaufpreis vereinbarten die Parteien Stillschweigen. Beraten wurde Zurich bei der Transaktion durch Luther Köln.

BEKB

Die BEKB Roggwil wird per 30. Juni 2017 in die Niederlassung Langenthal integriert. Die betroffenen Mitarbeitenden werden bei der BEKB weiterbeschäftigt. Die Integration erfolgt, weil sich das Kundenverhalten im Bankgeschäft stark verändert hat.

UBS

Mit Blick auf die Art Basel im amerikanischen Miami fasst die Schweizer Grossbank ihre erhebliche Kunstsammlung in einem neuen Bildband zusammen. Das Buch «UBS Art Collection: To Art its Freedom» wird an Januar 2017 erhältlich sein.

Vontobel AM

Die europäische Ratingagentur Feri EuroRating Services und die Verlagsgruppe Handelsblatt haben die Schweizer Bank Vontobel als besten Asset Manager für Rohstoffe in Deutschland, Österreich und der Schweiz ausgezeichnet.

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