«Was Banken vom Porsche-Modell lernen könnten»

Erfolgreiche Produkte werden über Emotionen und Marketing verkauft. Die Firmen selber steuern bloss noch Vertrieb, Markenwerte und Entwicklung. Warum machen das die Banken nicht so?

Olaf_Klein_1Von Olaf Klein (Bild), IBM Banking Leader Alps

Porsche hat eine Fertigungstiefe von 20 Prozent. Apple schreibt auf seine Produkte «designed by Apple». Beide Firmen – als prominente Beispiele – legen mehr Wert auf Emotionen und Marketing verbunden mit einer klaren Markenstrategie.

Der Kunde kauft demzufolge Produkte dieser Firmen auf Grund einer Wahrnehmung der Werte, die er mit der Marke verbindet. Die Produkte selbst sind unter Beachtung der Markenwerte entwickelt worden, die eigentliche Produktion dieser Produkte wird aber nahezu komplett fremd vergeben.

Die Firmen selbst managen den Vertrieb, die Markenwerte und entwickeln die Produkte weiter.

Banken wollen (fast) alles selber machen

Banken, insbesondere die grossen Banken, verfolgen dagegen immer noch einen Wholesale-Approach; von der Produktion über den Vertrieb und das Marketing soll alles aus einer Hand erfolgen.

Wenn Teile ausgelagert werden, dann höchstens in eigene Tochtergesellschaften. Warum ist das immer noch so? Was hindert Banken daran, andere Modelle zu fahren?

Verdienstspanne zu lukrativ

These 1: Trotz Regulierung ist die Verdienstspanne in einigen Bereichen immer noch zu lukrativ: Im Euro-Zahlungsraum (SEPA) hat der Regulator festgelegt, dass eine grenzüberschreitende Zahlung via SEPA den Endkunden nichts kostet. Dies führte dazu, dass Zahlungen im SEPA-Raum keine Erträge mehr erbringen und demzufolge zu einem notwendigen Übel wurden, das höchst automatisiert ist.

Im Gegensatz dazu müssen Banken in diesem Bereich mittlerweile immer mehr regulatorische Anforderungen erfüllen. Im Euro-Raum werden deswegen entweder die Payment-Plattformen an sich komplett renoviert und industrialisiert (hierbei führt man dann auch gleich den ISO 20022-Standard als kanonisches Datenmodell ein), oder aber der Zahlungsverkehr wird komplett ausgelagert.

Preisdruck noch nicht hoch genug

In der Schweiz ist der Markt noch nicht soweit! Der Preisdruck ist demnach noch nicht hoch genug und einer der grossen Player im Bereich Zahlungsverkehr arbeitet jetzt erst daran, einige alte Verfahren zu modernisieren und damit die Grundlagen zu legen, gemeinsam genutzte Plattformen für solche Verfahren in der Schweiz einzuführen.

Natürlich spielt hier auch das Bankgeheimnis eine Rolle, das solche Ansätze technisch erschwert. Andererseits kann man aber erkennen, dass der Veränderungsdruck ansteigt, da die verschiedenen Zahlungsverkehrssysteme an ihr Lebensende kommen und gewisses Gedankengut aus dem SEPA-Raum den Schweizer Markt beeinflusst.

Bitte mehr Ingenieure!

These 2: Banken sind zwar inzwischen IT-geprägt, aber zu wenig ingenieurmässig organisiert: Eine Bank ohne IT und damit einer einhergehenden Automatisierung ist heute nicht mehr vorstellbar.

Trotzdem sind die meisten Systeme immer noch organisch oder geradezu evolutionär entstanden. Eine Zahl mag dies verdeutlichen: Eine grosse Bank hat einmal untersucht, dass sie etwa 1'200 Datenfelder zur Durchführung des Bankgeschäftes benötigt. Tatsächlich findet man aber im untersuchten Bankbereich 68'000 Datenfelder.

Dies bedeutet, im Durchschnitt ist jedes tatsächlich relevante Datenfeld in rund 60 verschiedenen Feldern abgelegt mit entsprechender Auswirkung auf die Komplexität auf Schnittstellen und Zusammenarbeit über die Systemgrenzen hinweg.

Stark gebeutelt aber noch wirksam

These 3: Trust ist wichtiger als Service-Level-Agreements (SLA): Insbesondere im Schweizer Banking ist der Wert Vertrauen immer noch oder sogar wieder ein entscheidender Wert. Auch oder gerade weil er durch verschiedene Angriffe, Stichwort Bankgeheimnis und bilaterale Abkommen, stark gebeutelt wird, ist er noch immer sehr bedeutsam.

Zwischen Banken (als Geschäftspartner) vertraut man sich in der Regel, deswegen managt man Service-Level-Agreements eher ansatzweise. Es ist geradezu anrüchig, sich gegenseitig Fehlverhalten im Sinne solcher Verträge vorzuhalten.

Demzufolge werden zwar SLA abgeschlossen, aber nur unzureichend seitens Leistungsempfänger als auch seitens Leistungserbringer gelebt und aktiv auf Erfüllung gemessen. Die Folge ist, dass SLA keine wesentliche Bedeutung haben.

Zu viele vage Standards

These 4: Standards im Banking werden nur vage umgesetzt, eine ingenieurmässige Genauigkeit ist nicht gegeben: Standards im Banking sind durchaus sehr viele vorhanden, doch in der Regel nur exakt und eindeutig in einem konkreten Zusammenhang.

Demzufolge gehen Informationen entweder verloren oder sie sind nicht klar genug nutzbar. Dies führt zu einer Kultur des «Wir-regeln-das-bilateral», welche die Komplexität des Gesamtsystems steigert. Ausserdem wird gerne an (liebgewonnenen) Besonderheiten festgehalten; man will ja den Kunden nicht verärgern.

Was kann man daraus ableiten?

Ein Ansatz ist: Man definiert als Bank klare Schnitte, die natürlicherweise im Banking traditionell vorhanden sind und kann darauf seine eigene Fertigungstiefe beeinflussen.

Typische Beispiele hierfür sind: Kartenprocessing, Wertschriftenverwahrung und Settlement inklusive Depotführung oder Handel um die typischen grossen Blöcke zu benennen.

Neue Konkurrenz

Andere Ansätze bedingen eine strengere und SLA-basierte Vorgehensweise. Hierzu müsste aber seitens Markt oder Regulator wesentlich mehr Druck aufgebaut werden.

Angesichts des immer weiter steigenden Kostendruckes im Banking und dem Auftreten neuer Player (Stichwort PayPal, GoogleWallet) werden in Zukunft die Karten zunächst im Zahlungsverkehr neu gemischt.

Ansätze für Porsche-Modelle sind bisher aber nur in Teilen vorhanden. Hierzu fehlt immer noch das ingenieurmässige Verständnis von Schnittstellen und Normen.


Lesen Sie dazu auch: «IBM Forum for Finance 2012»


Olaf_Klein_2Olaf Klein arbeitet seit 2011 bei der IBM und ist in der Marktregion Österreich/Schweiz dafür verantwortlich, bankspezifische Themen voranzutreiben.

Er studierte Physik und Betriebswirtschaft an der Justus-Liebig-Universität in Giessen und promovierte in physikalischer Chemie.

Danach arbeitete Klein für verschiedene, weltweit tätige Banken, wie Deutsche Bank oder Credit Suisse in verschiedener Projekt- oder Linienverantwortung.

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Das Finanzinstitut reagiert auf die Einführung von Negativzinsen durch die Schweizerische Nationalbank. Da sie von der Massnahme selber betroffen sei führe sie für Geschäftskonten eine Verzinsungslimite ein: Konti mit Ständen über 10 Millionen Franken oder Euro erhalten keinen Zins mehr. Banken und Grösstkunden, welche Gelder zu Postfinance transferieren, müssen ab einem bestimmten Schwellenwert eine Guthabengebühr von 1 Prozent bezahlen.

Hedge Funds

Hedge Funds werden derzeit so zahlreich geschlossen wie seit der Finanzkrise nicht mehr. Die Gewinne der Branche sind 2014 um 30 Prozent zum Vorjahr eingebrochen und lagen bei 21,9 Milliarden Dollar. Die Citigroup äusserte sich entsprechend skeptisch und rechnet mit einer Zuspitzung der Lage.

TKB senkt Zinsen

Die Thurgauer Kantonalbank (TKB) reduziert per Anfang Februar 2015 die Zinsen für Sparkonti um 0,05 Prozentpunkte. Der Zinssatz für das Sparen 3-Konto beträgt neu 0,75 Prozent (bisher 1 Prozent). Die aktuellen Zins­sätze der Bank sind in den Geschäftsstellen der TKB oder im Internet publiziert.

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Die Credit Suisse schliesst im Mai die beiden Filialen Richterswil und Zürich Wollishofen. Stellen würden keine abgebaut. Ein Geldautomat wird die CS-Filialen ersetzen.

Nest

Die in der beruflichen Vorsorge aktive Nest Sammelstiftung ist 2014 deutlich gewachsen: Das verwaltete Vermögen wuchs um 295 Millionen auf 1,9 Milliarden Franken. Mit 10,2 Prozent erzielte das Nest-Portfolio die beste Jahresrendite seit zehn Jahren, wie es heisst. Der Deckungsgrad stieg in der Folge auf 115 Prozent.

UBS

Die grösste Schweizer Bank knickt ein: Das Institut gibt künftig die von der Schweizerischen Nationalbank (SNB) verhängten Strafzinsen an ihre Grosskunden weiter. Damit folgt sie der Credit Suisse, der Zürcher Kantonalbank und der Privatbank Lombard Odier, die sich bereits zu diesem Schritt bekannt haben.

Partners Group

Der auf Alternative Anlagen spezialisierte Zuger Vermögensverwalter kauft für seine Investoren den Passagier-Terminal des Flughafens Billy Bishop in Toronto. Mit von der Partie ist auch die amerikanische J.P. Morgan Asset Management.

Bankenplatz Zürich

Der Zürcher Bankenverband (ZBV) hat eine Neuauflage der Broschüre Bankenplatz Zürich – Zahlen und Fakten – publiziert. Sie bietet die wichtigsten Informationen zum Finanz- und Bankenplatz Zürich – kurz und übersichtlich zusammengefasst (aktualisierte Auflage vom Januar 2015).

Gottex

Der Hedge-Fund-Anbieter Gottex verwaltete per Ende 2014 mit 8,2 Milliarden Dollar. Das sind 5 Prozent weniger als drei Monate zuvor.

Altin

Die an der Schweizer Börse SIX und in London kotierte Zuger Hedge-Fund-Spezialistin geht eine Partnerschaft mit der britischen Cantor Fitzgerald Europe ein. Ab sofort wird sie von dieser Brokerage-Dienste in Grossbritannien beziehen.

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