Auf einen Screwdriver mit Hans Vontobel

Die Wirtschaftsjournalistin Susanne Giger hat ein Buch über den Grand Old Man der Schweizer Bankenszene verfasst. Was erfahren wir darin?

Die Ausgangslage ist faszinierend. Der Zürcher Bankier Hans Vontobel zweifelsohne zu den grössten noch lebenden Zeitzeugen der Schweizer Finanzbranche. Dass der rüstige Rentner mit seinen 92 Jahren nach wie vor fast jeden Tag ins Büro geht respektive seine Bank aufsucht, liefert dem Plot zusätzliche Relevanz. Unter diesen Prämissen hat Susanne Giger, Wirtschaftsredaktorin bei Schweizer Radio DRS, mit dem Patron an insgesamt sieben Schauplätzen Rückschau auf sein bewegtes Leben gehalten.

buch hans vontobelEntstanden ist ein liebevolles Buch voller Respekt und Wärme. Wer Hans Vontobel kennt, weiss allerdings auch, dass man in ihm einen dankbaren Gesprächspartner hat, der gerne – böse Zungen würden gar behaupten etwas selbstverliebt – seine Erinnerungen reflektiert. Er scheut sich jedoch nicht, manche (Fehl-)Entwicklungen, besonders in der Finanzbranche, deutlich zu kritisieren.

Wo bleiben die Schattenseiten?

Hans Vontobels Leben umfasst eine Fülle an Erfahrungen. So musste sich Susanne Giger auf einige Stationen und Einsichten beschränken; aber diese sind gut gewählt: Jugenderinnerungen, Familie, der Einstieg ins Bankgeschäft, Börsenhandel, die Verbundenheit Vontobels zur Natur, seine Hobbys, Erfahrungen in fremden Ländern sowie last but not least Hans Vontobels Einschätzungen zur anhaltenden Krise und dem damit verbundenen Wertezerfall. Der Autorin gelingt es auch, anhand von unscheinbaren Beobachtungen das Naturell ihres Gesprächspartners einzufangen.

Allerdings erweist sich die Nähe zu Hans Vontobel – diese spürbar wachsende Vertraulichkeit – nach einigen Kapiteln als Makel. Denn über weitere Strecken fehlt die nötige (journalistische) Distanz, um auch die Ambivalenz, die in jedem Menschen steckt, herauszuschaffen, und so der portraitierten Person ganz gerecht zu werden. Hans Vontobel selbst räumte einmal in einem Vortrag ein: «Biographien historisch herausragender Persönlichkeiten beweisen, dass jedermann seine Schattenseiten hat und selbst der Grosse auch seine ganz ausgesprochenen Schwächen.»

Wer ist wer?

Diesen Anspruch vermag die Autorin nicht einzulösen. Vielmehr wirkt Hans Vontobel in vielen Beschreibungen als unfehlbar, er gerät zu einer Person, die stets alle Entwicklungen frühzeitig erkannte, alle Widrigkeiten vorweg nahm und die Versäumnisse, Übertreibungen und Fehleinschätzungen bloss bei den andern erkennt. So entpuppt sich das Buch im Verlauf der Lektüre zu einem Gefälligkeitsstück für den Bankier und Patron. Der beste Beweis dafür zeigt allein in der Tatsache, welche Personen, also Weggefährten, Mitarbeiter oder Konkurrenten, namentlich genannt werden und welche nicht.

Das führt zu einer inhaltlichen Unschärfe, die am Ende auch der Grund dafür ist, dass viele wichtige Entwicklungen leider bloss angetönt und oberflächlich abgehandelt werden, obschon man als Leser mehr darüber wissen möchte.

Was geschah mit Martin Ebner?

Ein Beispiel für diesen Einwand zeigt sich im Kapitel, das beschreibt, wie eine ganze Reihe von später bekannten Bankiers (Hans Vögeli, René Braginski, Martin Ebner, etc.) ihre Sporen bei Vontobel abverdiente. Wie es nach einer Japan-Reise etwa zum Bruch mit Martin Ebner kam, wird jedoch nur verklausuliert beschrieben. Das ist schade, zumal Hans Vontobel sowohl vom Alter als auch von seiner Erfahrung her zu den letzten Persönlichkeiten zählt, die noch authentisch über viele Geschehnisse in der Schweizer Finanzbranche berichten könnten.

Heikle Kritik

Auch die Ausführungen zur aktuellen Finanzkrise irritieren, weil man sie in kurzlebigen Medien schon mehr als genug lesen konnte. In ein Buch über einen grossen Bankier passen sie so nicht. Vontobels Kritik an den jüngsten Exzessen in seiner Branche ist indessen auch heikel, weil seine Bank und manche seiner (früheren) Mitarbeiter ebenfalls tüchtig dazu beigetragen haben. Erinnert sei hier nur an die Übertreibungen mancher Kaderleute im Verlauf der Technologieblase vor wenigen Jahren oder auch an die Tatsache, dass gerade die Bank Vontobel bis heute zu den Marktführern im Bereich der mittlerweile viel kritisierten strukturierten (Finanz-)Produkte zählt.

Nur äusserlich seriös

Bewusst hat die Autorin darauf verzichtet, in ihrem Buch andere Stimmen zu Wort kommen zu lassen. Das mag seine Berechtigung haben, setzt allerdings voraus, dass man sich mit der portraitierten Person intensiver auseinandersetzt. In manchen Gesprächen hätte Susanne Giger häufiger mit Fragen nachfassen können und hätte so möglicherweise noch die eine oder andere neue Erkenntnis zutage gefördert. Stattdessen geniesst sie mit dem Grand Old Man der Schweizer Bankenszene lieber dessen Lieblingsdrink: Wodka mit Orangensaft, wobei Hans Vontobel dann verschmitzt festhält: «Der Drink sieht seriös aus, ist es aber nicht – das ist wie bei den Bankiers!»

Was bleibt, ist ein Buch, das so liebenswürdig wirkt, wie Hans Vontobel selber, wenn es ihm wichtig scheint, gut dazustehen. Für Leute aus der Branche bietet der Text kaum viel Neues, ob man mit ihm andere Leser anspricht, ist zu bezweifeln. Das ist insofern schade, als es nach wie vor kaum Bücher gibt, die sich fundiert, aber gleichzeitig auch unterhaltsam und spannend mit der Entwicklungsgeschichte der Schweizer Finanzbranche befassen.

Eine Leseprobe findet sich auf diesem Link

«Hans Vontobel, Bankier Patron Zeitzeuge», von Susanne Giger, 208 Seiten mit zahlreichen Fotografien, 2009, Römerhof Verlag, Zürich, 38 Franken, ISBN 978-3-905894-01-1; online bestellen über diesen Link.

 

 


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