Ist die Euro-Untergrenze in Gefahr?

Neue Zweifel tauchen auf, ob die Schweizerische Nationalbank in der Lage ist, die Euro-Untergrenze zu verteidigen. Dazu eine Einschätzung von Andreas Ruhlmann, Marktstratege bei der IG Bank in Genf.

Andreas Ruhlmann, Premium Client Manager, IG Bank

Der Wechselkurs des Euro zum Franken steht derzeit bei 1.2015 und liegt damit seit 2012 wieder am Nächsten an der von der Schweizerischen Nationalbank (SNB) festgelegten Kursmarke von 1.20 Franken je Euro.

Mit der Annäherung an diese Untergrenze keimen wieder einmal die Zweifel daran auf ob die SNB tatsächlich in der Lage ist, diese Marke zu verteidigen. Tatsächlich steht die Eurokrise wieder im Mittelpunkt des Geschehens und setzt den Kurs der Gemeinschaftswährung enorm unter Druck.

Unkonventionelle Massnahmen

An dieser Situation sollte sich in näherer Zukunft kaum viel ändern, nachdem der Vorsitzende der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, in seiner Erklärung von vergangener Woche erneut festgehalten hat, dass die EZB verstärkt unkonventionelle Massnahmen ergreifen werde, um das Risiko einer Deflation im Euroraum möglichst klein zu halten. Vor diesem Hintergrund wird sich die Bilanzsumme der EZB im nächsten Jahr und auch darüber hinaus noch deutlich aufblähen.

Um die Schweizer Exportwirtschaft zu schützen und das eigene Deflationsrisiko zu bekämpfen, stellte SNB-Präsident Thomas Jordan in jüngster Zeit mehrmals klar, dass die SNB die Deckelung ihrer Währung eisern verteidigen werde. Inzwischen ist die Nationalbank sogar bereit, Negativzinsen einzuführen – sofern dies nötig werden sollte.

Seit der Einführung der Untergrenze haben sich die Fremdwährungsreserven der SNB um 152 Prozent von 182 Milliarden Franken auf 460 Milliarden Franken erhöht.

Wo liegt die Gefahr?

Die Gefahr für Thomas Jordans Pläne liegt jedoch in der am 30. November stattfindenden Abstimmung zur Volksinitiative «Rettet unser Schweizer Gold». Eine Annahme der Initiative hätte weitreichende Folgen auf die Handlungsfähigkeit der SNB. Durch einen Sieg der Befürworter der Initiative wäre die Nationalbank gezwungen, 20 Prozent ihrer Aktiva in Gold zu halten – ein späterer Verkauf der Goldreserven wäre gemäss der Initiative nicht mehr möglich.

Tatsächlich gehörte die Schweiz in den vergangenen Jahren zu den grössten Verkäufern von Gold. Die entsprechenden Erlöse wurden wiederum eingesetzt, um die Euro-Untergrenze von 1.20 Franken zu verteidigen.

Kritische Marke

Dies hatte zur Folge, dass der Goldanteil von 18 Prozent auf heute nur noch 8 Prozent gefallen ist. Wäre die SNB künftig durch die Initiative gezwungen, erhebliche Mengen an Gold zu kaufen (etwa 1'500 – 2'000 Tonnen gemessen am heutigen Goldpreis), würde sie die notwendige Flexibilität verlieren, um den Wechselkurs zum Euro oberhalb der kritischen Marke von 1.20 Franken zu halten.

SNB 500

Erschwerend kommt hinzu, dass die SNB-Bilanzsumme mittlerweile 80 Prozent des Schweizer Bruttoinlandprodukts (BIP) ausmacht – um dies in Relation zu setzen: Bei der US-Notenbank liegt diese gleiche Quote bei gerade einmal 25 Prozent des BIP. Alles in allem ist das also eine schwierige Ausgangslage für die SNB.

Hoffen auf Europa

Jedoch sollte man nicht ausser Acht lassen, dass im Falle einer Annahme der Initiative die Schweizer Zentralbank fünf Jahre Zeit hätte, um die notwendigen Mengen an Gold zu akkumulieren. Dies gäbe der SNB weiter Zeit, um die genannte Untergrenze zu verteidigen und darauf zu bauen, dass sich die europäische Wirtschaft erholt und somit eine Intervention im Devisenmarkt hinfällig würde.

EURCHF 500

Bislang hat es die SNB geschafft, den Wechselkurs oberhalb der Untergrenze von 1.20 zu halten. In Anbetracht der Wichtigkeit dieser Grenze kann man durchaus zuversichtlich sein, dass dieses auch weiterhin Bestand haben wird, unabhängig vom Ausgang der Abstimmung.

Ein taktischer Kauf?

Rückgänge des Euro unter 1.2050 Franken wurden in der Vergangenheit oft von Fonds und Spekulanten als Einstiegskurse genutzt mit dem Ziel einer Rückkehr des Währungspaares auf 1.2100. Agiert man vorsichtig, sind die aktuellen Niveaus in Bezug auf das potentielle Gewinn- und Verlust-Verhältnis eine durchaus interessante Handelsidee.

Allerdings ist es ratsam, einen Stopp knapp oberhalb der Untergrenze von 1.20 zu platzieren, da man erwarten muss, dass sich unterhalb dieser Grenze Stop-Aufträge in Milliardenhöhe befinden, die einen schnellen und starken Einbruch des Währungspaares zur Folge hätten – sollte diese Marke durchbrochen werden.

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MARKTANALYSEN - AUTOREN

Andreas Ruhlmann

Andreas Ruhlmann sammelte nach seinem Finanzstudium in Kanada zunächst berufliche Erfahrung bei der Saxo Bank und der National Bank of Canada, bevor er 2014 zur IG Bank wechselte. In der Schweiz verstärkt er nun mit seiner Expertise, speziell in den Forex- und Aktienmärkten, das Team für die Kundenbetreuung. Zusätzlich verfasst er Marktkommentare sowie makroökonomische Einschätzungen und bietet Ausbildungsseminare rund um die Themen Handel, technische Analyse und Handelspsychologie an. Twitter @ARuhlmann_IG


Laurent Bakhtiari

Laurent Bakhtiari verfügt über einen Masterabschluss in Finanzen von Audencia Nantes und einen Masterabschluss in quantitativer Mathematik des Imperial College London. In den vergangenen acht Jahren arbeitete er in den Handelsräumen von Merrill Lynch und der Credit Suisse. Von April 2014 bis Juli 2016 war er bei der IG Bank als Marktexperte und Premium Client Manager tätig.

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Bellevue

Der BB Healthcare Trust ist an der London Stock Exchange mit einem Volumen von 150 Millionen Pfund gelistet. Der erste Handelstag ist der 2. Dezember. Portfoliomanager des Trusts ist Bellevue Asset Management.

Die Ende Oktober angekündigte Lancierung der Beteiligungsgesellschaft BB Healthcare Trust plc an der London Stock Exchange wurde erfolgreich abgeschlossen. Im Rahmen eines Aktienplatzierungs-programms konnte in der Erstemission ein Platzierungsvolumen von GBP 150 Mio. realisiert werden. Der erste Handelstag im Premium Segment der Londoner Börse ist der 2. Dezember 2016 (ISIN: GB00BZCNLL95, Bloomberg-Ticker: BBH LN).

Acron

Die auf Immobilieninvestments spezialisierte Acron hat den Kauf des projektierten Sheraton Fisherman‘s Wharf Hotels im kalifornischen San Francisco abgeschlossen. Das gesamte Investitionsvolumen bewegt sich im mehrfachen, dreistelligen Millionenbereich und stellt damit das bisher grösste Einzelinvestment der Acron-Gruppe dar.

Raiffeisen

Die beiden Raiffeisenbanken Fulenbach-Murgenthal-Langenthal und Oberes Gäu-Aare haben sich für einen Zusammenschluss entschieden. Die neue Raiffeisenbank soll unter dem Namen «Raiffeisenbank Aare-Langete» auftreten.

Schroder

Schroder Real Estate hat drei Schweizer Geschäftsimmobilien für den kotierten Immoplus-Fonds erworben. Die Transaktion bringt das Fondsvermögen auf rund 1,5 Milliarden Franken. Das Portfolio hat Rockspring Investment Managers verkauft. Es handelt sich dabei um vollständig vom «Do it yourself»-Spezialisten Hornbach Baumarkt gemietete Liegenschaften.

Glarner Kantonalbank

Die Glarner Kantonalbank (GLKB) weitet die Laufzeiten ihrer angebotenen Hypotheken aus. In Filialen erworbene Hypotheken können neu eine Laufzeit von bis zu 15 Jahren haben, online erworbene eine solche von bis zu 20 Jahren. Käufer sollen somit länger von tiefen Zinsen profitieren können.

Zurich

Die Zurich Gruppe Deutschland hat den Altezza Bürokomplex in München erworben. Verkäufer des 2009 erbauten Bürogebäudes ist die Warburg-HIH Invest Real Estate. Über den Kaufpreis vereinbarten die Parteien Stillschweigen. Beraten wurde Zurich bei der Transaktion durch Luther Köln.

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Die BEKB Roggwil wird per 30. Juni 2017 in die Niederlassung Langenthal integriert. Die betroffenen Mitarbeitenden werden bei der BEKB weiterbeschäftigt. Die Integration erfolgt, weil sich das Kundenverhalten im Bankgeschäft stark verändert hat.

UBS

Mit Blick auf die Art Basel im amerikanischen Miami fasst die Schweizer Grossbank ihre erhebliche Kunstsammlung in einem neuen Bildband zusammen. Das Buch «UBS Art Collection: To Art its Freedom» wird an Januar 2017 erhältlich sein.

Vontobel AM

Die europäische Ratingagentur Feri EuroRating Services und die Verlagsgruppe Handelsblatt haben die Schweizer Bank Vontobel als besten Asset Manager für Rohstoffe in Deutschland, Österreich und der Schweiz ausgezeichnet.

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