Allan Meltzer: «Keiner schreitet ein, weil die Fed ohne Aufsicht ist»

Für US-Ökonom Allan Meltzer ist die aktuelle Geldpolitik der US-Notenbank die schlechteste aller Zeiten. Das sei eine grosse Gefahr für die amerikanische Gesellschaft. In Europa fordert der 86-jährige Monetarist einen «Zweiteuro».


Herr Meltzer, Sie müssen sehr stolz auf Ihre Regierung und Ihre Zentralbank sein. Nach der größten Krise seit der Depression in den dreissiger Jahren wächst die US-Wirtschaft wieder kräftig und die Arbeitslosenzahlen sinken. Die USA haben die Eurozone abgehängt.

Ich bin froh, dass die Wirtschaft wieder zulegt und es weniger Arbeitslose gibt. Allerdings muss man diese erfreulichen Nachrichten relativieren. Der statistische Rückgang der Arbeitslosigkeit hängt stark damit zusammen, dass viele frustriert die Jobsuche aufgegeben haben. Ausserdem steht das Wachstum in keinem Verhältnis zu den gewaltigen Anstrengungen, die unternommen wurden, um die Konjunktur zu stützen.

Können Sie das noch etwas konkretisieren?

Nehmen Sie die Geldpolitik der US-Zentralbank Federal Reserve (Fed). Die Notenbank hat für Billionen Dollar Wertpapiere aufgekauft. Das dadurch in die Wirtschaft gepumpte Geld lagert jedoch nun zu einem grossen Teil nutzlos auf Konten der Geschäftsbanken bei der Zentralbank, anstelle als Kredite Investitionen in der Realwirtschaft zu finanzieren.


«Es gibt eine wachsende Wirtschaftsfeindlichkeit»


Der US-Wirtschaft mangelt es gar nicht an Geld, sie hat kein Geldversorgungsproblem. Die Geldpolitik der Fed ist die schlechteste aller Zeiten. Keiner schreitet ein, weil die Fed ohne Aufsicht ist. Das ist eine Gefahr für die amerikanische Gesellschaft.

Was sollten die Verantwortlichen stattdessen tun?

Sie sollten sich fragen, was die Unternehmen wirklich davon abhält zu investieren. Es ist nicht fehlendes Geld, sondern die wachsende Wirtschaftsfeindlichkeit, die sich in einer unsinnigen Reglementierung unternehmerischen Handelns äussert. Man sollte sich auch davon verabschieden, wirtschaftspolitische Entscheidungen auf kurzfristige Entwicklungen zu gründen.


«Das Geld fliesst nicht in den Wirtschaftskreislauf»


Ob die Arbeitslosigkeit in einem Monat fällt, ist eine Sache, die vor allem vom Zufall abhängt. Gute Wirtschaftspolitik orientiert sich an langfristigen Zielen. Die Zentralbanken beschäftigen sich auch zu wenig mit Krediten und der Geldmenge. Das ist erstaunlich, weil die Krise von 2007 und 2008 vor allem von schlechten Krediten verursacht wurde.

Sie sprechen von einer Gefahr für die US-Gesellschaft. Müssen die Amerikaner bald wieder mit zweistelligen Inflationsraten rechnen wie in den siebziger und achtziger Jahren?

Inflation entsteht immer, überall und ohne Ausnahme, wenn die Geldmenge zu rasch wächst. In den USA ist die Preissteigerung derzeit niedrig, weil das zusätzliche Geld auf den Konten der Geschäftsbanken bei der Zentralbank geparkt ist. Fliesst das Geld jedoch als Kredite in den Wirtschaftskreislauf, werden die Preise kräftig zulegen. Da bin ich mir sicher.

Was ist denn in der Eurozone schiefgegangen?

In der Eurozone haben sie eine Währung für zwei völlig unterschiedliche Wirtschaftsräume. Auf der einen Seite gibt es die sehr wettbewerbsfähigen Volkswirtschaften wie Deutschland und Holland, auf der anderen Seite Länder wie Frankreich oder Italien, denen es an Wettbewerbsfähigkeit mangelt.


«Fehlt die EU, ist der Frieden nicht gesichert»


Wenn man auf einheitliches Niveau kommen will, müssen die schwachen Länder ihr Preisniveau drastisch senken oder die starken Länder ihr Preisniveau erhöhen – also eine höhere Inflationsrate dulden. Dazu sind Deutsche und Niederländer aber nicht bereit. Stattdessen besteht ein enormer Preisdruck nach unten in den Krisenländern. Löhne sinken, die Wirtschaft schrumpft.

Was folgern Sie daraus?

Dass dies ist auf Dauer nicht auszuhalten ist. Mit der Konsequenz: Europafeindliche Parteien wie der Front National in Frankreich erhalten immer mehr Stimmen. Die EU läuft Gefahr auseinanderzubrechen. Fehlt die EU, ist auch der Frieden in Europa nicht mehr gesichert.

Sie schreiben den Euro also ab?

Warum bilden die Südländer nicht eine zweite Eurozone mit einer Art Zweiteuro? Dieser Zweiteuro kann dann gegenüber dem alten Euro abwerten. Das erleichtert den Krisenländern die wirtschaftliche Anpassung. Haben sie ihre Probleme gelöst, also Arbeits- und Gütermärkte flexibler gemacht, dürfen sie wieder zurück zum Alteuro.

Die Einführung eines Zweiteuro würde zu einem massiven Vertrauensverlust in der Wirtschaft führen.

Das muss nicht sein. Vor der Einführung des Euro haben Italien und Frankreich regelmässig ihre eigenen Währungen abgewertet, ohne dass die Weltkonjunktur dabei abgestürzt ist.

Ultraliberale und Linke kritisieren immer wieder, dass nach dem Kollaps der Bank Lehman 2008 Finanzinstitute mit dem Geld der Steuerzahler gerettet wurden. War das eine falsche Entscheidung?

Nein. Ansonsten wäre das ganze System zusammengebrochen. Sie können keine Reformen inmitten einer Krise anstossen. Jetzt haben wir jedoch die Möglichkeit zu handeln: Die Banken müssen mehr Eigenkapital vorhalten – 15 bis 20 Prozent ihrer Forderungen. Das war zumindest in der Vergangenheit ein wirkungsvoller Schutz vor Bankpleiten.


«Wir sind aus ziemlich krummem Holz geschnitzt»


Ihr jüngstes Buch heisst «Why capitalism?» (Warum Kapitalismus?). Es ist ein Loblied auf eine höchst umstrittene Wirtschaftsordnung. Was macht den Kapitalismus für Sie so attraktiv, obwohl er Ungleichheit akzeptiert und immer wieder Krisen mit sich bringt?

Gegenfrage: Nennen Sie mir eine andere Wirtschaftsordnung, die es geschafft hat, individuelle Freiheit mit Wohlstandszuwächsen für breite Bevölkerungsschichten in unterschiedlichen Kulturkreisen zu vereinen. Es gibt keine andere.

Ein wesentlicher Grund für den Erfolg des Kapitalismus ist, dass er auf einem realistischen Menschenbild basiert. Es wird nicht davon ausgegangen, dass wir perfekt sind. Oder um es in Anlehnung an den deutschen Philosophen Immanuel Kant so auszudrücken: Wir sind aus ziemlich krummen Holz geschnitzt.


Allan Meltzer 2Allan Meltzer gehört neben dem verstorbenen Nobelpreisträger Milton Friedman und dem Schweizer Wirtschaftswissenschaftler Karl Brunner zu den bekanntesten Vertretern des Monetarismus. Der Monetarismus ist eine Theorie, in deren Mittelpunkt die Entwicklung der Geldmenge steht. Von Meltzer stammt die Feststellung: «Capitalism without failure is like religion without sin. It doesn't work.»

Meltzer ist der Enkel von Einwanderern aus dem Baltikum. Er wurde 1928 in Boston geboren und lehrt an der Carnegie Mellon Universität in Pittsburgh. Meltzer war unter anderem ein einflussreicher Sachverständiger beim Dodd-Frank-Act, einem Bundesgesetz, das als Reaktion auf die Finanzkrise 2007/2008 entstand.

Zu Meltzers schärfsten Kritikern zählt der US-Nobelpreisträger und Ökonom Paul Krugman. Er wirft Meltzer vor, die Inflationsgefahren durch die Geldpolitik der Zentralbank Fed regelmässig zu überschätzen.


Dieses Interview erschien in einer längeren Fassung erstmals in der «Badischen Zeitung», geführt hat es der Redaktor Bernd Kramer (Foto oben: Karen Horn).

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Am 1. Dezember hat der internationale Vermögensverwaltungs-Arm der Genfer Bank Syz eine Niederlassung in München eröffnet. Wie finews.ch exklusiv berichtete, wird die Niederlassung von Michael Schlieper, Region Head Deutschland und Österreich, geleitet.

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