Martin Maurer: «Wir ändern lieber etwas radikal»

Der Geschäftsführer des Verbands der Auslandbanken in der Schweiz über Konsolidierung und die Risiken des Vergleichs der UBS in den USA.

Herr Maurer, rechnen Sie mit einem Rückzug von ausländischen Instituten aus der Schweiz?

Ein potentieller Rückzug hat vielmehr mit der Finanzkrise zu tun. In solchen Momenten schauen insbesondere grosse Namen mit relativ kleinen oder mittelgrossen Niederlassungen, ob eine Auslandpräsenz noch in ihre Strategie passt.

Im positiven Fall kaufen sie tendenziell Unternehmen dazu, um grösser zu werden. Finden sie, die Niederlassung sei inzwischen «nice to have», werden sie diese eher verkaufen, vor allem wenn sie Geld brauchen. Diese Strukturbereinigung hatten wir schon nach der letzten Krise erwartet. Sie wurde aber durch den anschliessenden Boom unterbrochen, bevor sie richtig angefangen hatte.

Hat die Steuerdebatte an der Haltung der Auslandbanken gegenüber der Schweiz etwas verändert?

Die neue Situation hängt nicht so sehr vom OECD-Artikel 26 mit dem Doppelbesteuerungsabkommen ab. Es kommt vielmehr darauf an, ob die aussergerichtliche Einigung der UBS mit den US-Behörden im Steuerdisput eine andere Interpretation zulassen wird, als wir gedacht haben. Das müssen wir jetzt abwarten.

 


«Neugelder sind tendenziell versteuert»


Die Banken werden überlegen, ob sie das Private Banking unter veränderten Bedingungen grundsätzlich nur dort anbieten wollen, wo Steueroptimierung anstelle der Steuerneutralität, also Steuerkompetenz anstelle von Steuerhinterziehung, tritt. Insgesamt entwickelt sich der Mitgliederbestand des Verbands in der Schweiz bislang stabil. In der Statistik haben wir jedes Jahr fünf, sechs Banken, die sich zurückziehen, und sechs, sieben andere, die neu hinzukommen.

Welche Rolle hat das Bankgeheimnis bislang für Auslandbanken gespielt?

Bis in die sechziger Jahre kamen die Auslandbanken vorwiegend wegen des Kommerzgeschäfts in die Schweiz. Das Vermögensverwaltungsgeschäft für Privatkunden hat seine Bedeutung erst in den letzten vierzig Jahren erlangt. Der Steueraspekt verliert seit einigen Jahren latent an Bedeutung, auch wenn es noch einen grösseren Stock an Privatvermögen gibt, der in der Vergangenheit aus Steuergründen in die Schweiz kam. Neugelder sind tendenziell versteuert, und ein Wechsel unversteuerter zu versteuerten Gelder wäre einfach, wenn dies straffrei möglich wäre.

Ihr Verband unterstützt die FDP-Offensive, die anstelle der Verrechnungssteuer eine Quellensteuer mit Abgeltungscharakter fordert, um einen automatischen Informationsaustausch zu vermeiden. Wie schätzen Sie die Chancen dafür ein?

Der Bankensektor hat in den Steuerdiskussionen nicht gerade brilliert. Da brachten die Auslandsbanken einen Vorschlag in die politische Diskussion ein. Wir befürchteten, der Zug würde abfahren. Und wenn wir schon etwas ändern, dann ändern wir es lieber radikal. In pragmatisch vorgehenden Ländern sehen wir gute Chancen, dass unser Vorschlag angenommen werden könnte. Es wird darauf ankommen, wie er vorgebracht wird.

 


«Regierung soll nicht mit leeren Händen dastehen»

 


Mit dem Vorschlag signalisieren wir, dass wir offen sind, etwas ändern wollen und dass der Schutz der Privatsphäre Vorrang gegenüber der Steuerfrage hat. Dieses Signal ist auch für die Mutterhäuser unserer Mitgliedsbanken wichtig. Es geht uns ausserdem darum, dass die Regierung nicht mit leeren Händen dasteht. Dann wäre es an der Gegenseite zu sagen: «Wir wollen das nicht, wir wollen etwas anderes.» Ich schätze, dass die Lösung mit 30-prozentiger Wahrscheinlichkeit unserem Vorschlag entspricht, dass zu 50 Prozent eine ähnliche Lösung gefunden wird und zu 20 Prozent, dass etwas anderes herauskommt.

Würde man einen solchen Vorstoss nicht eher von der Bankiervereinigung als Vertreterin aller Finanzinstitute in der Schweiz erwarten?

Während das Geschäft der Auslandbanken durch die Diskussion zum grenzüberschreitenden Bankgeschäft zu 80 Prozent betroffen ist, sind es bei den Privatbanken wohl lediglich 30 Prozent. Einige Genfer Privatbankiers stricken immer noch am alten Offshore-Modell und wollen den Status Quo noch einige Jahre aufrechterhalten. Die vor langer Zeit vorgeschlagene Abgeltungssteuer ist eine Scheinlösung: Schwarzes Geld bleibt schwarz. Solche Vorschläge laufen auf die Verteidigung des Status quo hinaus. Ihre Erfolgschancen sind sehr gering, und zu viel Energie wird verbraucht, um in einigen wenigen Jahren wieder dort zu stehen, wo wir heute stehen.

Der Finanzplatz Schweiz will bis 2015 unter die Top 3 der globalen Finanzplätze aufrücken. Welchen Beitrag leisten die Auslandbanken dazu?

Wenn morgen eine der Privatbanken wegfallen würde, liesse sich Platz 3 immer noch erreichen. Fielen hingegen die Auslandbanken als Gruppe weg, wäre Platz 3 wahrscheinlich verloren. Schliesslich sind die Auslandsbanken der Lackmustest eines Finanzplatzes. Von daher leisten die Auslandbanken einen wichtigen Beitrag. Sie leisten ihren Beitrag insbesondere auch, in dem sie den Aspekt des Internationalen in die Schweiz bringen.

 


«Wir haben immer noch ein Dilemma»

 


Zwar wird die Marke «Swiss Private Banking» durch die alten klassischen Namen nach aussen vertreten, doch der Finanzplatz Schweiz wird wegen der Menge und Vielfalt der Auslandbanken zum Cluster, den ihn zum international wichtigen Finanzplatz macht. Dass in den letzten Jahren vermehrt auch Wertschriftendienstleister, kleine Banken, die Hedge Funds anbieten, Asset-Management-Boutiquen und Trustgesellschaften mit Bankenstatus in die Schweiz gekommen sind, hat wesentlich mit den hier vertretenen Auslandsbanken zu tun.

Was braucht der Finanzplatz Schweiz aus Ihrer Sicht, um dieses Ziel zu erreichen?

Wir haben immer noch ein Dilemma mit der Gesetzgebung. So ist die Stempelsteuer ein Relikt aus der Zeit, in der wir vom steuerlich bedingten Bankgeheimnis gelebt haben. Der Staat wollte auch an den Honigtopf. Wenn wir nun ein anderes Modell verfolgen, dann müssen wir auch das Umfeld entsprechend gestalten und uns von den Themen verabschieden, die auf das alte Modell ausgerichtet waren. Es gilt, eine schlanke Regulierung hinzubekommen, die trotzdem greift, was zugegebenermassen nicht ganz einfach sein wird.

 


«Wir brauchen einen Masterplan 2»

 


Statt aber alles neu erfinden zu wollen, wäre es empfehlenswert, Regulierungen zu übernehmen, die sich in anderen Märkten bewährt haben. Was es jetzt braucht, ist ein Masterplan 2. Das eine war, das aufzuholen, was wir haben mussten. So wurde die SIX Group als kompakter Infrastrukturanbieter realisiert und hat sich bewährt. Nun geht es darum, Visionen zu entwickeln und zu schauen, was es noch braucht, vor allem im gesetzlichen Bereich. Dann sind unsere Chancen grundsätzlich intakt. Denn durch die Finanzkrise sind wir im Gegensatz zu ausländischen Märkten nicht schlechter geworden.

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Martin Maurer ist seit April 2001 Geschäftsführer des Verbands der Auslandbanken in der Schweiz. Der 1972 gegründete Verband vertritt die Interessen von über 140 Geschäftsstellen ausländischer Banken in der Schweiz. Nach einem Ökonomiestudium an der Universität Basel, der London School of Economics und der Stanford University, promovierte er 1989 an der Universität Basel. Danach trat er als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Bankwirtschaft in die Schweizerische Nationalbank ein. 1991 zog er als selbstständiger Berater nach Kolumbien und wirkte in diversen Projekten mit. 1996 wechselte er in die Geschäftsstelle der Schweizerischen Bankiervereinigung. Anfang 2000 war er als Berater bei PricewaterhouseCoopers in verschiedenen Projekten im Risikomanagement tätig.

Aus: Solutions 2/9 - Solution Providers AG.

 

 

 

 

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