Adriano B. Lucatelli: «Politik des billigen Geldes – ein baldiger Abschied ist vonnöten»

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Adriano B. Lucatelli

Die Anzeichen mehren sich, dass die US-Notenbank im Dezember – zum ersten Mal seit 2006 – an der Zinsschraube drehen und den Beginn der Normalisierung in Amerika einläuten wird.


Dieser Beitrag von Adriano B. Lucatelli erscheint in der Rubrik finews.first. Darin nehmen renommierte Autorinnen und Autoren wöchentlich Stellung zu Wirtschafts- und Finanzthemen. Dabei äussern sie ihre eigene Meinung. Die Texte erscheinen auf Deutsch und Englisch. finews.first erscheint in Zusammenarbeit mit der Genfer Bank Pictet & Cie. Die Auswahl und Verantwortung der Beiträge liegt jedoch ausschliesslich bei den Herausgebern von finews.ch (Bisher erschienen).


Die in den Industrieländern verfolgte Politik des billigen Geldes stösst zunehmend auf Kritik. Zwar konnte dank dem energischen Einschreiten der Währungshüter im Zuge der Finanzkrise 2008 eine Weltwirtschaftskrise abgewendet werden. Doch hat man es seither nicht geschafft, zur Normalität zurückzukehren.

Die Zentralbanken scheuen sich davor, nun den Schuldenaufbau endlich zu stoppen. Sie zögern die längst fällige Bereinigung hinaus – aus Angst, man könnte in eine Rezession abgleiten. Aber dieser Aufschub birgt grosse Gefahren in sich.

«In Basel warb Ben Bernanke bei seinen Kollegen für eine Flutung der Märkte»

Der geistige Vater der ultralockeren Geldpolitik mit Nullzinsen und Anleihenkäufen (Quantitative Easing, QE) ist der ehemalige Präsident der amerikanischen Notenbank (Federal Reserve, Fed) Ben Bernanke. An den jeweiligen Monatssitzungen der wichtigsten Währungshüter am Sitz der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel warb er bei seinen Kollegen für eine Flutung der Märkte mit monetären Mitteln.

Er beurteilte die Lage nach dem Kollaps der US-Investmentbank Lehman Brothers als sehr ernst und verglich sie mit dem New Yorker Börsenkrach vom 24. Oktober 1929. Nach Überzeugung Bernankes führten damals zwei Faktoren zur Grossen Depression: Erstens liess die US-Notenbank die Geldmenge schrumpfen – und zweitens entzogen die Bankenpleiten der Wirtschaft weitere Liquidität.

Für den amerikanischen Zentralbanken-Chef galt es 2008, eine Wiederholung des Szenarios von 1929 unter allen Umständen zu vermeiden. Er plädierte also für Zinssenkungen und hoffte, dass man diese später wieder zurücknehmen könnte, und zwar nachdem sich die Wirtschaft dank geldpolitischer Massnahmen erholt hätte.

«Diese Rechnung ging jedoch nicht auf»

Auch erwartete er, dass höhere Vermögenspreise – vornehmlich an den Finanzmärkten – zu einer stärkeren Konsumneigung der Haushalte führen würden. Ausserdem würden die niedrigen Kreditzinsen die Investitionsneigung der Unternehmen erhöhen und die Nachfrage privater Haushalte nach Hypotheken ankurbeln.

Diese Rechnung ging jedoch nicht auf: Die Wachstumswirkung ist bisher mager ausgefallen, und strukturelle Verbesserungen sind, insbesondere in Europa, mehrheitlich ausgeblieben. Diese hätten den Industriestaaten ein rascheres Wachstum und eine schnellere Überwindung der Krise ermöglichen sollen.

«Diese Entwicklung könnte zu einer ausgewachsenen Krise führen»

Letztlich scheuen sich die Notenbanken bis heute vor substanziellen Zinserhöhungen, weil sie eine neue Rezession befürchten. Zumindest die Erfahrungen Japans illustrieren, dass eine lang andauernde Niedrigzinspolitik eine rasche Rückkehr zur Normalisierung nicht zulässt.

Zwar hat man in Japan im August 2000 und im Juli 2006 erfolglos versucht, die Zinsschraube anzuziehen (Erhöhung von Null auf 0,25 Prozent). Im Endeffekt kam der Leitzins seit 1995 nie mehr über 1,0 Prozent zu liegen.

Die grosse Gefahr, die aus der Verfügbarkeit billigen Geldes resultiert, besteht darin, dass Anleger auf der Suche nach höheren Renditen in Aktien, Immobilien, Kunstobjekten oder anderen realen Vermögenswerten investieren – und dadurch einen künstlichen Boom der Vermögenspreise auslösen.

Dies wiederum hätte zur Folge, dass bei einer Normalisierung der Geldpolitik eine Verkaufswelle samt einer ausgewachsenen Krise eintreten würde.

«Selbst in Peripherieländern wie Irland, Spanien oder Portugal geht es aufwärts»

Die Lage ist aber nicht so ernst. Die enttäuschende Entwicklung der Wirtschaft zum Jahresbeginn ist überwunden. Es gibt erste Anzeichen für eine Belebung des US-Konsums, und die amerikanische Wirtschaft steuert auf Vollbeschäftigung zu.

Auch die Konjunkturdaten für Europa sind jüngst positiv ausgefallen. Selbst in Peripherieländern wie Irland, Spanien oder Portugal geht es aufwärts. Und Italiens Wirtschaft scheint sich ebenfalls zu erholen. Schliesslich erwacht auch Japan nach Jahren der Stagnation.

Damit sich die Weltwirtschaft neu austarieren kann, muss nun auch China seinen Beitrag leisten. Das Reich der Mitte braucht Strukturreformen, denn das alte Wachstumsmodell ist auf Grund gelaufen. Statt sich nur auf (staatliche) Investitionen und Exporte abzustützen, muss Chinas Wirtschaft vermehrt auf (privaten) Konsum und Dienstleistungen setzen.

Gelingt dies, wird der geordnete Ausstieg aus der Politik des billigen Geldes gelingen. Die Zeichen stehen jedenfalls gut, dass dieser Strukturwandel mit Hilfe staatlicher Unterstützung gelingt.

«Jetzt liegt es an der Federal Reserve, die Gunst der Stunde zu nutzen»

Auch die Investoren scheinen den Abschied der USA von der Nullzinspolitik akzeptiert und eingepreist zu haben. Ein Abtauchen der Aktienbörse dürfte nicht einsetzen. Frühere Beispiele zeigen, dass eine Initialerhöhung des Zinssatzes nicht zwingend zu grossen Verlusten führen.

Jetzt liegt es an der Federal Reserve, die Gunst der Stunde zu nutzen. Mit der Erhöhung der Fed Funds Rate um 25 Basispunkte könnte ein wichtiger, erster Schritt zur Normalisierung der Zinsen getan werden.


Der 49-jährige Adriano B. Lucatelli ist ein Schweizer Unternehmer, Dozent an der Universität Zürich und Präsident des Leserrates der «Neuen Zürcher Zeitung». Ausserdem ist er Mitgründer des Vormärz, eines Think Tanks zur Förderung des Dialogs zwischen der Realwirtschaft und den Finanzmärkten.

Er studierte Internationale Beziehungen und Wirtschafts- wissenschaften an der Universität Nevada (BA) sowie an der London School of Economics (MSc). Er promovierte über die Thematik der globalen Finanzmarktaufsicht. Lucatelli ist Mitgründer und Delegierter des Verwaltungsrates von Descartes Finance, Präsident von Sagebush Management und sitzt im Verwaltungsrat der Merlini Finance sowie der Fintech-Firma Additiv. Seine Berufslaufbahn startete er 1994 bei der Credit Suisse, für die er verschiedene Führungsfunktionen in Zürich und London besetzte. Zwischen 2002 und 2009 war Lucatelli bei der UBS Schweiz als Managing Director und Mitglied des Management Committee in Lugano und Zürich tätig.

 

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