Samuel Gerber: «Ohne Abschied kein Wiedersehen»

Samuel Gerber

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Dieser Beitrag von Samuel Gerber erscheint in der Rubrik finews.first. Darin nehmen renommierte Autorinnen und Autoren wöchentlich Stellung zu Wirtschafts- und Finanzthemen. Dabei äussern sie ihre eigene Meinung. Die Texte erscheinen auf Deutsch und Englisch. finews.first erscheint in Zusammenarbeit mit der Genfer Bank Pictet & Cie. Die Auswahl und Verantwortung der Beiträge liegt jedoch ausschliesslich bei den Herausgebern von finews.ch Bisherige Texte von: Rudi Bogni, Adriano B. Lucatelli, Peter Kurer, Oliver Berger, Rolf Banz und Dieter Ruloff.


Dem mächtigsten Schweizer Banker der 1980er-Jahre fiel zur Innovation in seinem Metier damals nicht viel Schmeichelhaftes ein: «Diese Harvard-Absolventen wenden sich in nie gekannten Mengen der Wall Street zu, um ihre elitäre Berufung als Schnellaufsteiger unter Beweis zu stellen. Sie tun es ohne irgendwelche berufsethische Verpflichtung, nur um innert Monaten möglichst ein Millionen-Plansoll im persönlichen Einkommen zu erreichen oder zu übertreffen.»

Dieses vernichtende Urteil von Robert Holzach, damals Präsident der Schweizerischen Bankgesellschaft (SBG), erwies sich als absolut prophetisch. Denn er nahm im Jahr 1987 die Stimmung vorweg, die dreissig Jahre, sechs Börsencrashs und eine Finanzkrise später die gesamte Branche definitiv ergriffen hat.

«Zum Swiss Banking der Gründerväter findet die Branche nicht mehr zurück»

Die Renditeversprechen und Risikomodelle der «Harvard-Absolventen» sind seit 2008 als Trugbilder entlarvt. Stattdessen reden Banker wieder vermehrt von althergebrachten Werten. Die Begriffe Beratung, Service, Investmentkompetenz, Performance werden herumgeboten – von Bankchefs und ihren Werbe-Abteilungen zugleich. Indes, zum Swiss Banking der Gründerväter findet die Branche nicht mehr zurück. Im Gegenteil.

Wenn sich die Branche tatsächlich stärker auf althergebrachte Werte konzentrieren will, steht ihr der grösste Innovationssprung erst bevor. Und der ist gefährlich: Er kann für die etablierten Unternehmen genausogut in der Disruption und damit im Untergang enden.

«Ein mächtiges neues Instrument stand bereit, um Strategie und Theorie in die Praxis umzugiessen»

Dabei erinnert die heutige Aufbruchsstimmung an die Zeiten, als die Branche das erste Mal von Innovation zu sprechen begann. Generationen von Bankern hatten bis dahin im Wesentlichen immer dieselben Produkte und Dienste angeboten. Mit den 1970er-Jahren sollte sich das jedoch radikal ändern.

Drei Faktoren waren dafür entscheidend, wie der Wirtschaftshistoriker Youssef Cassis vom Europäischen Hochschulinstitut in Florenz urteilt.

Erstens die grassierende Inflation und die neuerdings flexiblen Wechselkurse, die einen dringenden Bedarf nach Absicherungsstrategien fürs Vermögen schufen. Mindestens ebenso bedeutungsvoll war der Umstand, dass in den Jahren zuvor wegweisende Finanzmarkt-Theorien entworfen wurden. Diese boten eine Grundlage für die Umsetzung dieser Strategien – und nicht zuletzt für die Berechnung von Derivate-Wetten.

Und schliesslich stand ein mächtiges neues Instrument bereit, um Strategie und Theorie in die Praxis umzugiessen: der Computer.

«Es begann ein technologisches Wettrüsten»

Mit der Technologie liessen sich die zahlreichen Finanzprodukte, die bald als Synonym für Innovation in der Finanzbranche verwendet wurden, erst in Massen an den Markt bringen und handeln. Unter den Banken begann ein technologisches Wettrüsten. «Die Innovation war der prägendste Faktor für die Rolle der internationalen Finanzzentren in der neueren Zeit», stellt Wirtschaftshistoriker Cassis fest.

Dass Grosses im Gange war, erkannte auch ein junger Ostdeutscher. Eigentlich hatte er Ingenieur werden wollen. Doch dann fing er Ende der 1960er-Jahre im lukrativeren Bankfach an. Seine Karriere ist seither untrennbar mit der Geschichte des Schweizer Banking verbunden, wo er es bis an die Spitze der beiden Grossbanken UBS und Credit Suisse brachte: Oswald J. Grübel.

«Das stark zahlenbasierte Banking war von Natur aus sehr offen für die Weiterentwicklung über Computer», sagt der 72-jährige Ex-Banker und heutige Privatier im Gespräch. «Mit dieser Rechenleistung im Hintergrund wurde es erstmals möglich, Swaps und noch wesentlich komplexere Finanzprodukte anzubieten.»

«Das Schwarzgeld sorgte dafür, dass eine intime Partnerschaft zur Zweckehe verkam»

Grübel benennt auch die verhängnisvolle Folge dieser Entwicklung. Die technologische Entwicklung habe vor allem bei den Banken stattgefunden und sei von dort aus zu den Kunden getragen worden.

Verhängnisvoll deshalb, weil sich damit die Kundenbeziehung immer mehr auf den Verkauf konzentrierte. Was der Kunde wirklich wollte, das interessierte kaum noch. Und als die Banker erkannten, dass mit der Klientel längst nicht so viel zu verdienen war wie mit Wetten am Finanzmarkt, war es um den Austausch auf Augenhöhe geschehen.

«Die Kunden wurden zur Nebensache», bringt es der Ex-Banker und Autor Michael Lewis in seinem (kürzlich auch verfilmten) Finanzkrisen-Bestseller «The Big Short» auf den Punkt.

Am Schweizer Bankenplatz, wo das Private Banking von jeher eine wichtige Rolle spielte, veränderte sich der Umgang mit dem Kunden noch in einer weiteren Hinsicht. Das seit den 1970er-Jahren immer schneller ins Land sprudelnde Schwarzgeld sorgte dafür, dass eine intime Partnerschaft zur Zweckehe verkam. Der Kunde brachte das Geld. Die Bank schwieg darüber.

«Der Absturz, der folgte, war für das Schweizer Banking doppelt schmerzhaft»

Nach der Jahrtausendwende hatte der Innovationsschub nicht nur die Bankkunden abgehängt, sondern schliesslich auch die Banker selber. Der Untergang der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers im Jahr 2008 machte offenbar, dass die Branche weder um die Risiken noch um den Preis jener Instrumente wusste, die ihr zuvor zum Höhenflug verholfen hatten.

Der Absturz, der folgte, war für das Schweizer Banking doppelt schmerzhaft: Nicht nur, weil sich seine Zugpferde UBS und Credit Suisse einer Schrumpfkur unterziehen mussten. Sondern vor allem darum, weil das Ausland seither alles tat, um die nach der Krise klaffenden Lücken in der Staatskasse zu stopfen. Die schweigende Entgegennahme von Schwarzgeld ist seither definitiv kein praktikables Geschäftsmodell mehr.

Doch welches Modell kann die Nachfolge antreten? In Zeiten des automatischen Austauschs von Bankkunden-Daten sowie von Negativzinsen hat das althergebrachte Swiss Banking seine Pfründen eingebüsst. Aufholen kann die Branche nur, wenn sie auf neue Ideen kommt. Wenn sie – schlicht gesagt — wieder in den Innovations-Modus übergeht.

«Bloss mit der Rückkehr zu althergebrachten Werten ist es nicht getan»

Ausgerechnet einer, der aus dem Epizentrum des gescheiterten ersten Innovationsschubs kam, hat das früher als andere begriffen. Jan Schoch diente bei Goldman Sachs sowie bei Lehman Brothers und half dort, Finanzprodukte an den Mann zu bringen. Auch nach der Finanzkrise, als «Derivat» als Schimpfwort galt, hielt er an seinem Metier fest. Noch mehr: Mit der von ihm mitgegründeten Leonteq vertrieb er die Papiere über eine hochmoderne IT-Plattform und verquickte Technologie und Finanzwesen, lange bevor «Fintech» zum Schlagwort wurde.

Der noch keine vierzig Jahre zählende Schoch ist mit Leonteq seither bis nach Asien expandiert und gewann die mächtige Raiffeisen-Gruppe als Anker-Aktionärin.

«Die Industrie», weiss der jungenhaft wirkende Derivate-Spezialist, «wurde in den Jahren vor der Finanzkrise Opfer ihres eigenen Erfolgs.» Wie sie aus ihrer Opferrolle wieder herausfindet, ist für Schoch klar: Indem sie auf den Kunden zugeht. «Der Verkäufermarkt entwickelt sich zusehends zum Käufermarkt.» Doch bloss mit der Rückkehr zu althergebrachten Werten ist es nicht getan.

«Die Mittler-Rolle der Banken schwindet»

Mehr denn je brauche es Innovation. Zudem müssten die Banken auslagern, was nicht zu ihren ureigensten Kompetenzen gehöre. «In den nächsten Jahren muss die Spezialisierung auch im Finanzsektor beginnen», sagt Schoch. Eine Goldgrube für Firmen wie Leonteq.

Doch das Tempo der neuerlichen Technologisierung ist inzwischen derart hoch, dass sich die Banken überlegen müssen, auch ihr wertvollstes Gut mit Spezialisten zu teilen: ihre Kunden.

Mit der Allgegenwart digitaler Kanäle ist es Unternehmen jeglicher Couleur bereits möglich, Finanzdienstleistungen direkt zum Kunden zu bringen. Privatpersonen können mithilfe von Smartphone-Apps gar selber Finanztransaktionen mit Gleichgesinnten abwickeln. Die Mittler-Rolle der Banken schwindet.

«Der Kampf um die Kunden hat erst begonnen»

Das gilt erst recht, wenn ganz neuen Technologien der Durchbruch gelingt. Grosses Potenzial sehen Fachleute diesbezüglich in der Blockchain. Diese ermöglicht sichere und schnelle Online-Transaktionen ohne jegliche zwischengeschaltete Vermittler – und könnte damit das heutige Finanzwesen auf den Kopf stellen.

Christina Kehl, die 2014 den digitalen Versicherungs-Broker Knip in der Schweiz mitgründete und mittlerweile 100 Mitarbeitende hierzulande und in Deutschland beschäftigt, hat eine klare Vision davon, was auf die angestammte Branche zukommt.

«Etablierte Finanzdienstleister – Banken wie Versicherer – werden sich künftig auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren müssen, wenn sie langfristig überleben wollen», sagt die Jungunternehmerin. Eine Option sei dabei, die Kundenschnittstelle an voll digitalisierte Anbieter abzugeben, welche die Aufgabe günstiger und wirksamer erledigen können.

Doch bis dahin, gibt Kehl zu, sei es wohl noch ein weiter Weg: «Der Kampf um die Kundenfront hat eben erst begonnen», sagt sie.

«Kann tödlich für Ihr Vermögen sein»

Am Ende werden die Banken jedoch einlenken müssen. Dessen ist sich gerade auch Banken-Doyen Grübel sicher. «Die Kunden werden die Banken unter Druck setzen, sich anzupassen», ist der Ex-Grossbankenchef überzeugt – auch wenn ihm diese Vision der Zukunft persönlich gegen den Strich zu gehen scheint.

Aber Grübel wäre nicht er selbst, hielte er dafür keinen Scherz bereit. «Vielleicht liefern wir ja bald einen Beipackzettel zu Finanzprodukten: Kann tödlich für Ihr Vermögen sein.»


Samuel Gerber ist Mitglied der finews.ch-Redaktion. Zuvor leitete er das Finanzressort der Schweizer «Handelszeitung» und war in verschiedenen Positionen bei Axel Springer Schweiz sowie bei regionalen Blättern tätig. Er studierte Wirtschaftsjournalismus an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW in Winterthur sowie Sprachen an der Universität Bern. Der obige Artikel ist in seiner ursprünglichen Fassung in der «Handelszeitung» erschienen. Er wird hier mit freundlicher Genehmigung und in überarbeiteter Form publiziert.

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