Exklusiv: Lehren aus der Affäre Madoff

finews.ch publiziert ein Kapitel aus dem ersten deutschsprachigen Buch über den US-Grossbetrüger Bernard Madoff. Geschrieben von Amir Weitmann.

Madoff_CoverAus der Affäre Madoff lässt sich in allen Bereichen viel lernen, aber drei Regeln, die man befolgen sollte, scheinen sich besonders zu empfehlen.

Die erste lautet: Diversifikation. Sie ist am offensichtlichsten, wurde aber von zahlreichen Anlegern eklatant missachtet. Viele von ihnen sahen sich ruiniert, weil sie ihr gesamtes Kapital bei Madoff und nur bei ihm investiert hatten.

Regelmässig Gewinne abschöpfen

Abermals sei darauf hingewiesen, dass man nie alles auf eine Karte setzen soll, auch wenn ein Vermögensverwalter noch so gut ist. Ausserdem muss man regelmässig die Gewinne abschöpfen, um die Grösse der Einlage zu begrenzen und zu verhindern, dass man sich zu stark engagiert.

Eine erfolgreiche Investition nimmt ja im Portefeuille eine immer stärkere Position ein. Durch einen natürlichen Auslesevorgang wird sie mit der Zeit so wichtig, dass das Risiko zu gross wird. Genau das ist im Falle Madoffs eingetreten: Sein Fonds brachte ja (scheinbar) konstante und stabile Renditen.

Bis zur Katastrophe

Der Anteil dieses Fonds im Portefeuille seiner Anleger wuchs also stetig, was dann die Katastrophe noch verschlimmerte, als alles aufflog. Andere, wie das Ehepaar Less, haben sogar noch zusätzlich immer wieder das Einlagekapital erhöht.

Man kann es nicht oft genug wiederholen: Vergangene Renditen sind keine Garantie für die Zukunft, und man muss deswegen seine Risiken begrenzen. Diese einfache Regel verhindert, dass Betrugsopfer ihr ganzes oder fast ihr ganzes Kapital verlieren, und ermöglicht ihnen, auch weiterhin ein normales Leben zu führen – was bei vielen Opfern Bernie Madoffs leider nicht der Fall ist.

Interessenskonflikte noch und noch

Die zweite Regel ist wahrscheinlich die wichtigste, und ihre systematische Befolgung hätte womöglich Madoffs Betrug und andere ähnliche verhindern können. Es geht dabei um den Interessenkonflikt zwischen dem Fondsverwalter, dem Broker und demjenigen, bei dem das Kapital deponiert ist.

Um es einfach zu erklären: Man braucht drei Akteure, damit ein Fonds arbeiten kann. Zuerst muss das Kapital bei jemandem deponiert werden, der es dann konkret aufbewahrt. Dann benötigt man eine Börsenhandelsfirma, einen Broker, der die Kauf- und Verkaufsorders, die Transaktionen, ausführt. Diese beiden sind manchmal übrigens identisch. Dann gibt es noch einen Verwalter, der die Aufträge erteilt.

Viele Investoren machten eine Ausnahme

Um das Aufziehen eines Schneeballsystems zu verhindern, muss man diese drei Funktionen vollständig voneinander trennen, denn natürlich ist die Versuchung für einen Verwalter, der auch das Kapital aufbewahrt oder sein eigener Broker ist, sonst gross, die Realität zu verfälschen; ein Betrug dieser Art ist schwer aufzudecken.

Viele professionelle Investoren, die prinzipiell nicht in Fonds investieren, die dieses Kriterium nicht erfüllen, haben für Madoff angesichts seines ausgezeichneten Rufs eine Ausnahme gemacht. Schliesslich bot er an, seine Transaktionen transparent zu machen, und er unterlag ja der Regulierung durch die SEC.

Die Lehre daraus ist einfach: Man darf keine Ausnahmen machen. Wenn die Regulierungsbehörde überhaupt eingreift, dann sollte sie diese Vorschrift verpflichtend einführen.

Niemandem a priori vertrauen

Die dritte Regel, wohl eine der essenziellen Lehren aus der Affäre Madoff, besteht darin, dass man sich bei Investitionen nicht von der Persönlichkeit eines Verwalters leiten lassen soll. Welches Ansehen auch immer ein Mensch oder eine Institution geniesst – man darf niemandem a priori vertrauen, auch nicht, wenn er 70 Jahre alt und seit 48 Jahren im Geschäft ist.

Madoff ist ein Produkt des Systems, einer der Gründer der Nasdaq. Er hatte gute Kontakte zur SEC, so gute, dass er einmal behauptete, er verbringe ein Drittel seiner Zeit in Washington bei der Aufsichtsbehörde.

Weisse Haare sind kein Mass für Sicherheit

Das alles hat den Betrug nicht verhindert, im Gegenteil. Laut der ACFE* sind die von über 60-jährigen Betrügern verursachten Verluste übrigens 27 Mal (!) grösser als diejenigen durch Angestellte unter 25 Jahren.

Der Grund dafür ist einfach: Angestellte höheren Alters geniessen mehr Vertrauen und tragen grössere Verantwortung im Unternehmen, so dass sie Kollegen und Anleger leichter hintergehen können. Weisse Haare, Vertrauenswürdigkeit und gute Kontakte sind also kein Mass für Sicherheit, wie uns Bernie ja gezeigt hat. Diese Lektion dürfen wir nie vergessen.

*Die Association of Certified Fraud Examiners ist die Vereinigung der geprüften Betrugsermittler in den USA, die sich mit der Entwicklung von Methoden zur Betrugsaufdeckung und dem Sammeln von Informationen darüber befasst.


Amir Weitmann

Weitmann_AmirAmir Weitmann ist in Genf geboren und israelisch-schweizerischer Doppelbürger. Er ist als Finanzanalyst, Vermögensverwalter und Investmentberater tätig und repräsentiert in Israel zwei Hedge Funds für eine ausländische Bank. Als profunder Branchenkenner pflegt er zahlreiche Kontakte zu Madoff-Opfern in den USA sowie in Europa und Israel. Er lebt in Jerusalem.

Madoff – Der Jahrhundertbetrüger
Amir Weitmann
Übersetzt von Ulrich Mihr, 240 Seiten, Orell Füssli Verlag, CHF 35.90, ISBN: 3280053897, erscheint am 26. November 2009

Online-Bestellung auf diesem Link.

 

 

 

 

 

 

 

 

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