Robert Holzach: «Ein Bankier muss auch Nein sagen können»

Robert Holzach

Robert Holzach


Dieser Beitrag erscheint in der Rubrik finews.first. Darin nehmen renommierte Autorinnen und Autoren wöchentlich Stellung zu Wirtschafts- und Finanzthemen. Dabei äussern sie ihre eigene Meinung. Die Texte erscheinen auf Deutsch und Englisch. finews.first läuft in Zusammenarbeit mit der Genfer Bank Pictet & Cie. Die Auswahl und Verantwortung der Beiträge liegt jedoch ausschliesslich bei den Herausgebern von finews.ch Bisherige Texte von: Rudi Bogni, Adriano B. Lucatelli, Peter Kurer, Oliver Berger, Rolf Banz, Dieter Ruloff, Samuel Gerber, Werner Vogt, Claude Baumann, Walter Wittmann, Alfred Mettler und Peter Hody.


Der Bankier bewegt sich dauernd in der Sphäre des kalkulierten Risikos. Seine Tätigkeit und das System, von dem er einen Teil bildet, sind begriffswesentlich verletzlich. Eine völlige Immunität ist schon theoretisch nicht möglich und erst recht praktisch nicht denkbar oder gar erwünscht: «A banker who tries to avoid all risks, has soon no risks to avoid.»

Das bedeutet kein Bekenntnis zum «Geschäft um jeden Preis». Der Bankier muss auch Nein sagen können. Oder wie sich der deutsche Altmeister Josef Herman Abs kürzlich ausdrückte: «Solange die Banken das Recht behalten, sich Kreditwünschen zu verweigern, und die Kraft haben, Nein zu sagen, sehe ich kein Risiko, was nicht tragbar wäre.»

«Es gibt so viele goldene Bankregeln, als es funktionierende Bankinstitute gibt»

Es bleibt somit die Frage, wie das Ziel einer reduzierten Verletzlichkeit erreicht werden kann. Dabei setze ich als unbestritten zwei Postulate voraus. Einmal müssen die Erträge ausreichen, um das in der Bank arbeitende Risikokapital angemessen zu verzinsen. Zum zweiten muss die Bank darüber hinaus in der Lage sein, Reserven in laufender Anpassung an die bestehenden Risiken ausreichend zu bilden.

Es bleibt die Frage, wie das Management das Ziel einer minimalen Verletzlichkeit realisiert. Während unsere machbarkeitsgläubige Generation mitunter annimmt, die Verletzlickeit sei über eine Reihe mathematischer Kennziffern zu kontrollieren, lehren Geschichte und tägliche Erfahrung das Gegenteil. Es gibt mit anderen Worten so viele goldene Bankregeln, als es funktionierende Bankinstitute und praktizierende Bankiers gibt.

Ich neige zur Auffassung, es seien individuelle Analyse, Beurteilung und Entscheidung stärker zu gewichten als Übereinstimmung mit Regeln, Modellen und Richtlinien. Selbst – oder erst recht – im heiklen Gebiet der Geschäftsmoral sind verpflichtende Standesregeln und der kürzlich vorgeschlagene «Moralkodex» pro Bank nur die eine Seite, individuelle Zuordnung und führungsmässige Durchsetzung im Einzelfall die andere Seite der Medaille. Es schützt die formelle Einhaltung von Vorschriften allein so wenig vor der verwerflichen Transaktion, wie ein ausgeklügeltes System von Länder- oder Branchenlimiten einen Verlust solcher Herkunft ganz auszuschliessen vermag.

«Die Kompetenz zur Ausnahme muss in den Händen von Persönlichkeiten bleiben»

Der Verstoss gegen abstrakte Regeln der Kunst kann im Einzelfall materiell und ideell oft richtiger sein als sturer Konformismus. Die in Form zahlreicher Transformationen erbrachte Dienstleistung des Bankiers ist eine Massarbeit. Für ihren materiellen und geschäftsethischen Dauererfolg bildet die Ausnahme ein häufiges und gewichtiges Element.

Die Kompetenz zur Ausnahme muss allerdings in den Händen von Persönlichkeiten bleiben, die ebenso verantwortungsbewusst wie verantwortungsfreudig sind. Deren Verpflichtung und deren Instinkt müssen stärker auf geschäftsethische Grundsätze als auf lediglich geschäftsträchtige Leitsätze ausgerichtet sein.

«Der Bankier braucht einen gesunden Menschenverstand und einen menschlichen Sachverstand»

Damit sind wir – nicht unerwartet – beim Menschen, der im täglichen Bankbetrieb die Verletzlichkeit sorgsam respektiert und kontrolliert. Wie sieht diese Persönlichkeit aus, die ein kalkuliertes Risiko laufend eingeht, überwacht und ausgleichend absichert?

Der Bankier braucht neben soliden Fachkenntnissen einen gesunden Menschenverstand und einen menschlichen Sachverstand. Er zeichnet sich aus durch den Sinn für Proportionen und Massstäbe und durch eine unteilbare Verpflichtung auf Integrität und Wohlverhalten. Übt er seinen Beruf in Anwendung dieser Begabungen aus, dann wird ihm weder die Anerkennung durch Dritte noch die Befriedigung echter Berufserfüllung versagt bleiben.

Quellenangabe: «Die Verletzlichkeit des Bankensystems» von Robert Holzach, Präsident des Verwaltungsrats der Schweizerischen Bankgesellschaft, SBG-Schriften Nr. 79; erschienen im Januar 1982.


Robert Holzach (1922-2009) studierte Rechtswissenschaften an den Universitäten Zürich und Genf, bevor er 1951 als Praktikant zur Schweizerischen Bankgesellschaft (heute UBS) stiess. Dort machte er eine steile Karriere. Im Jahr 1968 wurde er Generaldirektor mit Verantwortung für das Kreditgeschäft in der deutschsprachigen Schweiz. Ab 1976 war er de facto Vorsitzender der Geschäftsleitung, bis er 1980 zum Präsidenten des Verwaltungsrats aufstieg. Diesen Posten hatte er bis 1988 inne; während weiteren zehn Jahren war er Ehrenpräsident der UBS.

Holzach machte sich zudem einen Namen als Initiant des UBS-Ausbildungszentrums Wolfsberg im Kanton Thurgau, der James-Joyce-Stiftung, der Max-Bill-Skulptur an der Zürcher Bahnhofstrasse und der Sanierung des Augustinerquartiers mit dem Hotel Widder. Er war darüber hinaus ein grosser Kunstliebhaber und unermüdlicher Publizist.

 

DAS BESTE IM WEB

Gute Stories und Links aus aller Welt

  • Freundin auf Spesen nach Paris geflogen – gegroundet
  • Aufsichtsbehörde verbietet erstmals Finanzprodukt
  • Crowdfunding: Was die Schweiz zu bieten hat
  • Philippe Oddo: «Wir brauchen mehr Kundennähe»
  • Mit Satelliten gegen Armut
  • Wie Sprintstar Usain Bolt seine Millionen investiert
  • So macht Geldausgeben glücklich
mehr

Follow us

Follow finews.ch on Twitter Follow finews.ch on Facebook Follow finews.ch on Google+ Follow finews.ch on LinkedIn Follow finews.ch on Xing Follow finews.ch on Youtube Follow finews.ch on Instagram

Zürcher Bankenverband

Führende Vertreter der Schweizer Finanzbranche zum Thema Regulierung.

Beiträge lesen

Lohnvergleich

Lohnvergleich

Verdienen Sie genug? Vergleichen Sie doch mal Ihren Lohn.

zum Lohnvergleich

Newsletter

Newsletter-SymbolKostenlos abonnieren

Abonnieren Sie jetzt den finews.ch-Newsletter und Sie erhalten kostenlos 2x wöchentlich die wichtigsten News aus der Schweizer Finanzwelt per E-Mail.

SELECTION

Selection

Die zehn besten Steuerparadiese

Wohin, wenn man keine oder kaum Steuern zahlen will?

Selection

Selection

Diese Bank bezahlt am besten

Bei den Löhnen sticht eine Bank mit grossem Abstand hervor.

Selection

NEWS GANZ KURZ

WIR Bank

Die Genossenschaft-Bank hat den Halbjahresgewinn um 115 Prozent auf 17,2 Millionen Franken gesteigert. Zwar wurde das Ergebnis auch durch den Verkauf von nicht benötigten Immobilien begünstigt, doch auch ohne diesen ausserordentlichen Ertrag lag das Gewinnwachstum bei 44 Prozent.

Luzerner Kantonalbank

Die Luzerner Kantonalbank begibt eine 0,1-Prozent-Anleihe über 375 Millionen Franken. Die Laufzeit beträgt fünfzehn Jahre. Zeichnungsschluss ist der 12. September, die Liberierung erfolgt auf den 15. September 2016.

Allianz Suisse

Der Sachversicherer hat im ersten Halbjahr das Prämienvolumen um 1,9 Prozent auf rund 1,37 Milliarden Franken erhöht. Der Halbjahres-Gewinn kletterte um 12,2 Prozent auf 142 Millionen Franken. Damit setzt Allianz Suisse den positiven Trend fort.

Zürcher Kantonalbank

investiere.ch, die Schweizer Investitionsplattform für Startups, hat eine Finanzierungsrunde über 3,5 Millionen Franken abgeschlossen. Die Zürcher Kantonalbank hat sich dabei substanziell an der Kapital-Erhöhung beteiligt und ist neu Minderheitsaktionärin von investiere.ch.

Swiss Life

Corpus Sireo, eine Tochter-Gesellschaft der Swiss Life Asset Managers, kauft die Firmensitze der Zurich Deutschland in Köln und Bonn. Über den Kaufpreis haben beide Parteien Stillschweigen vereinbart. Was Corpus Sireo mit den Objekten vor hat, ist noch Gegenstand von Verhandlungen mit den Behörden.

Bernerland Bank

Die Regionalbank hat im ersten Halbjahr 2016 den Reingewinn um 6 Prozent auf gut 2 Millionen Franken steigern können. Der Zinserfolg nahm um 1 Prozent auf 10,2 Millionen Franken zu. Trotz des anhaltend schwierigen Zinsumfelds erwartet die Bank für das Geschäftsjahr 2016 einen Reingewinn auf Vorjahreshöhe.

Zürcher Landbank

Die Zürcher Landbank hat im ersten Semester 2016 den Gewinn auf über 1 Million Franken gesteigert. Dies ist ein Folge des höheren Zinserfolges, der um 2,5 Prozent auf 4 Millionen Franken stieg. Die übrigen Erfolgspositionen sowie der Aufwand blieben stabil.

Western Union

Der Zahlungsdienstleister Western Union und die SBB haben eine Smartphone-App lanciert. Sie ermöglicht Geldtransfers in über 200 Länder an mehr als 1'000 Billett-Automaten. Die Überweisung können entweder bar oder mit einer Bankkarte erfolgen.

Fondsmarkt

Das Vermögen der in der Statistik von Swiss Fund Data und Morningstar erfassten Anlagefonds hat im Juli dieses Jahres über 900 Milliarden Franken. Dies entspricht im Vergleich zum Vormonat einer Zunahme von 2,2 Prozent. Die Nettomittelzuflüsse betrugen rund 4 Milliarden Franken.

weitere News