«In fünf Jahren sieht die Situation anders aus»

Boris Collardi, der CEO der Bank Julius Bär, über den Schweizer Finanzplatz, unversteuerte Gelder und sein eigenes Lohnpaket für 2009.

Boris_Collardi_thumbHerr Collardi, was halten Sie davon, dass die Banken von jedem Kunden verlangen, dass er ein Formular unterschreibt, wonach sein Vermögen deklariert ist, wie dies Patrick Odier, der Präsident der Bankiervereinigung, unlängst forderte?

Das ist eine Idee unter vielen. Die Schweizer Bankbranche befindet sich momentan in einer Phase der Reflektion und Selbstfindung. Da überlegt man sich einiges, und vieles davon wird wieder verworfen. Ich persönlich denke nicht, dass sich diese Idee durchsetzen wird.

Wieso nicht?

In der Praxis ist es nicht möglich, von den Kunden einen Beweis einzufordern, dass sie ihr Vermögen korrekt versteuert haben. Selbst wenn jemand ein solches Formular unterschreibt, heisst das nicht, dass die Richtigkeit damit garantiert ist. Am Ende des Tages geht es halt doch um das Vertrauen zwischen Bank und Kunde. Das lässt sich nicht auf einem Formular festhalten.

Können Sie überhaupt erkennen, ob ein Vermögen deklariert ist oder nicht?

100-prozentig können wir das nicht. Es gibt Anhaltspunkte. Aber bisher lag dies auch nicht in unserer Verantwortung. Die Banken waren nie dazu verpflichtet, herauszufinden, ob gewisse Vermögen versteuert sind oder nicht. Doch ich kann mir vorstellen, dass wir künftig eine vertiefte Due-Diligence durchführen werden.

Hat die Bank Julius Bär denn unversteuerte Vermögen?

Aus der Vergangenheit ja. Doch dieses «Legacy-Business» wird sich über die nächsten Jahre auflösen. Da braucht es bloss noch ein paar Steueramnestien und eine Abgeltungssteuer, und in fünf Jahren wird die Situation total anders aussehen.

Wie gross ist dieses Legacy-Business?

Das ist eine Frage, die ich Ihnen so nicht beantworten kann. Ich kann sagen, dass die Mehrheit unserer Kundengelder heute versteuert ist. Und: Dass der unversteuerte Teil wesentlich kleiner ist als manche Leute es vermuten – allein schon auf Grund der Tatsache, dass wir ein grosses Onshore-Geschäft in der Schweiz haben, ein starkes Business in Asien und wir in den letzten Jahren in Lateinamerika, in der Golfregion sowie in Osteuropa stark gewachsen sind. Das sind alles Märkte, wo sich die Steuerfrage nicht so stellt, wie bei manchen europäischen Kunden. Mit anderen Worten: Wir haben unserer Erträge bereits deutlich diversifiziert und entsprechend viele steuerkonforme Gelder.

Die Mehrheit der Gelder bei der Bank Julius Bär ist also deklariert?

Wir sagen das nicht so. Dazu können wir keine Angaben machen.

Jahrzehnte lang hat die Schweizer Finanzbranche vom Bankgeheimnis profitiert. Nun wir einiges anders. Wo sehen Sie die grössten Veränderungen?

Nicht nur das Bankgeheimnis verändert sich. Der Wandel erfolgt in verschiedenen Dimensionen. Beim Investorenschutz, bei den Bewilligungen, die man künftig für gewisse Geschäfte brauchen wird, oder bei den Löhnen und den Eigenkapitalanforderungen. Manches betrifft uns mehr, anderes weniger. Tatsache ist, dass die Finanzindustrie jetzt einen enormen Entwicklungsschub macht. Es sind Veränderungen im Gange, bei denen das Management nicht einfach abseits stehen und hoffen kann, dass alles wieder vorüber geht. Man muss sich dem Wandel stellen, und da denke ich, dass Julius Bär die Zeichen der Zeit bereits früh erkannt hat.

War die Finanzkrise der Auslöser dafür?

Sicher, das war ein Wendepunkt. Die Krise hat manche Länder rund um uns herum in erhebliche finanzielle Probleme gestürzt, was wiederum zu dem massiven Druck auf unser Land geführt hat.

Wie verändern sich die Anforderungen an die Bankangestellten angesichts dieser tief greifenden Veränderungen in der Finanzindustrie?

Wenn sich dermassen viel tut, kommen die Leute nicht darum herum, sich ebenfalls zu verändern und anzupassen. Sie müssen sich neu schulen. Denn so, wie man das Geschäft vor zehn Jahren gemacht hat, ist es heute nicht mehr unbedingt zeitgemäss. Das bedingt allerdings auch, dass die Bankleute heute eine gewisse Neugier entwickeln und genügend motiviert sind, sich dem fundamentalen Wandel auszusetzen.

Was heisst das konkret?

Sozialkompetenz wird noch wichtiger. Die Zeiten, als Banker im Büro sitzen und auf Kunden warten konnten, sind definitiv vorbei. Heute müssen die Leute raus, sich präsentieren und potenziellen Kunden erklären, worum es geht. Dabei müssen sie einen guten Eindruck hinterlassen und ein perfektes Follow-up machen – und nicht zuletzt die Bankprodukte kennen.

Worauf achten Sie, wenn Sie eine Person anstellen?

Erstens auf die Sozialkompetenz. Es nützt nichts, wenn jemand seine ganze Intelligenz nicht menschlich rüberbringen kann. Zweitens Kompetenz; wir können es uns nicht mehr leisten, Leute anzustellen, die von den Märkten, der Industrie und den Produkten wenig verstehen. Und drittens schaue ich auf das Entwicklungspotenzial einer Person. Wenn jemand bei uns anfängt, soll es der Beginn einer dauerhaften Karriere sein. Wir wollen nicht alle zwei Jahre wieder neue Leute suchen. Entsprechend müssen wir allerdings auch Entwicklungsmöglichkeiten bieten.

Wie weit spielt der Bonus dabei eine Rolle?

Sie können in unseren Geschäftszahlen von 2009 sehen, dass wir den leistungsabhängigen Lohnbestandteil gegenüber dem Vorjahr reduziert haben. Das ist auf das Marktumfeld zurückzuführen. Wir richten unsere Kompensationspolitik aber auch nach der Performance der Bank sowie künftig nach den Richtlinien der Finma – selbst wenn die Bank Julius Bär nicht systemrelevant ist.

Sie kriegen einen Bonus für letztes Jahr?

Ja. Ich kriege einen Bonus. Ein Grossteil davon wird allerdings über die nächsten drei Jahre ausbezahlt, je nach Entwicklung und Performance der Firma.

Wie hoch ist Ihr Salär?

Es beträgt insgesamt 5,7 Millionen Franken. Davon sind rund zwei Drittel leistungsabhängig.


Boris F. J. Collardi zählt zu den jüngsten Bankchefs in der Schweiz. Er wurde 1974 geboren und wuchs in Nyon auf. Er stiess bereits 1993 zur Credit Suisse, wo er eine steile Karriere, insbesondere im Private Banking, machte. Er war zeitweilig Assistent von Oswald Grübel und später auch die rechte Hand von Alex Widmer. Collardi profilierte sich vor allem bei der Expansion der CS in Südoastasien, bevor er 2006 zur Bank Julius Bär wechselte. Nach dem unerwarteten Tod von Julius-Bär-CEO Alex Widmer wurde Collardi im Oktober 2009 offiziell zu dessen Nachfolger ernannt.

 

 

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