Mai
17
2012
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Die Industriestaaten haben fundamentale Probleme. Wir sollten uns daher auf eine lange Durststrecke gefasst machen, schreibt Hans Kaufmann.

hans.kaufmann.kleinHans Kaufmann ist Ökonom, Nationalrat und Gründer des Finanz-Dienstleisters Kaufmann Research. Bis 1999 arbeitete er bei der Bank Bär, zuletzt als Chefökonom.


Seit dem Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers sind nun etwas mehr als zwei Jahre verstrichen. Viele Leute glauben nun wegen der leichten Konjunkturerholung, die vor Jahresfrist eingesetzt hat – allerdings ohne neue Jobs – wäre die Krise überwunden und die Weltwirtschaft sei auf den alten Wachstumspfad zurückgekehrt. Der spanische Premierminister Zapatero verstieg sich jüngst sogar zur Aussage «die europäische Schuldenkrise ist beendet».

Diese Annahme könnte sich als folgenschwerer Irrtum erweisen.

Realitätsverdrängung und Schönrederei standen auch am Beginn der Finanzkrise. Viele Europäer redeten sich ein, die US-Subprime-Krise sei eine lokale Angelegenheit in Amerika. Tatsächlich begann alles harmlos, mit Eigenheimbesitzern in den USA, die sich im Verhältnis zu ihren Eigenmitteln und vor allem zu ihren Einkommen zu hoch verschuldet hatten. Sie hofften, ihre Hypotheken mit dem Wertzuwachs ihrer Immobilien amortisieren zu können. Dieses Unterfangen ist etwa vergleichbar mit einem Gast, der ohne Geld in ein Luxusrestaurant einkehrt und Austern in der Hoffnung bestellt, er finde dann Perlen.

Als die Immobilienpreise um 30 Prozent einbrachen und über 3 Millionen Wohneinheiten pro Jahr zur Zwangsversteigerungen kamen, schlugen sich die Kredit- und Zinsausfälle auch in den inzwischen weltweit bei Anlegern und Banken als Wertpapiere verbriefte Hypotheken nieder. Der Neubaumarkt brach um rund 80 Prozent ein und die Baukrise dauert nun schon fünf Jahre.

Nicht Erholung, sondern Abwärtsspirale

Die Welt befindet sich nicht auf Erholungskurs, sondern in einer gefährlichen Abwärtsspirale. Die Subprime-Hypothekenkrise weitete sich auf den gesamten Kreditsektor aus, und daraus entstand ein Misstrauen der Banken untereinander. Die Risikoprämien stiegen im Interbankengeschäft für einige Grossbanken massiv an, es kam zu Liquiditätsabflüssen, ganze Teilsegmente der Kredit- und Kapitalmärkte froren ein, und die Aktienmärkte stürzten um 56 Prozent (in Lokalwährungen) ein.

Die Zurückhaltung bei der Kreditvergabe und der Run auf Liquidität führte schliesslich zu einem Einbruch der Weltwirtschaft. Auch wenn der Rückgang des weltweiten BIP um 1 Prozent im Jahre 2009 – der erste seit 60 Jahren – gering erscheint, so ist zu beachten, dass diese Korrektur auf eine zehnjährige Wachstumsphase mit Raten von knapp 4 Prozent pro Jahr folgte; und dass die Industrieländer mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um rund 4 bis 5 Prozent weit stärker betroffen wurden. Nur dank den Emerging Markets errechnet sich ein milderer Durchschnittswert.

Neuverschuldung bei Notenbanken zwischengelagert

Auf die realwirtschaftliche Rezession folgte die Staatsfinanzkrise. Die Hilfspakete für Banken und Versicherungen sowie Konjunkturpakete, die teilweise für Umverteilungprogramme missbraucht wurden, führten zu einem weiteren Verschuldungsschub. Die Staatsverschuldung erreichte anfangs 2010 in vielen Ländern ein Ausmass, das von den Rating-Agenturen und den Anlegern nicht mehr goutiert wird. Deshalb begann man, Staatsanleihen jener Länder, bei eine Restrukturierung der Staatsschulden droht, zu verkaufen, was zu teils massiven Kursverlusten beziehungsweise Zinsanstiegen führte. Andererseits flüchteten viele Anleger in Anleihen jener Staaten, die noch als erstklassig galten. Die Renditen dieser Anleihen sanken deshalb auf teils historische Tiefststände.

Die Risikoprämien von zweifelhaften Staatsschuldnern gegenüber erstklassigen nahm innerhalb der EU massiv zu, nachdem zuvor jahrelang praktisch nicht mehr zwischen den unterschiedlichen Qualitäten einzelner Staaten unterschieden wurde. Unter dem Vorwand «diskretionäre Geldpolitik» kauften die Notenbanken Staatsschulden ihrer eigenen und auch anderer Länder auf. So verschwand im Jahre 2009 praktisch die gesamte Neuverschuldung Grossbritanniens von immerhin rund 200 Milliarden Pfund im Portefeuille der Bank of England. Die US-Neuverschuldung wurde teilweise im Ausland, teilweise beim US-Fed zwischengelagert, und selbst die EZB begann mit dem Aufkauf von Staatsschulden.

Notenbanken in der Falle

Die Schnürung der Rettungspakete für Griechenland rückte im Mai 2010 die Dimension der Staatsverschuldung vieler Länder ins Rampenlicht. Mit 110 Milliarden Euro Soforthilfe der Euro-Länder und des IWF an Griechenland und der Gründung eines aus den Staatsrechnungen ausgegliederten Fonds kauften sich die EU und der IWF für teures Geld Zeit.

Der fiskalpolitische Spielraum ist nicht nur in den EU-Peripherieländern erschöpft. Auch ausserhalb der EU sind viele Staaten gezwungen, Sparmassnahmen einzuleiten, wollen sie nicht an den internationalen Kapitalmärkten mit massiv höheren Zinssätzen für künftige Staatsschulden abgestraft werden. Die Weltwirtschaft befindet sich derzeit in einer Phase, in der staatliche Konjunkturprogramme noch nachwirken, die angekündigten Sparmassnahmen aber noch nicht greifen. Die Solvenzprobleme vieler Länder beginnen sich nun auch zusehends in den Währungen niederzuschlagen.



Kommentare 

 
#1 Gast 2010-10-04 09:38
Dazu kommt, dass kaum in einem Land die Wirtschaftsstruktur reformiert wird, ueber mangelnde Nachfrage zu jammern hilft nicht, wenn die relativen Preise die falschen Signale setzten. Wenn jahrelang ueber die Verhaeltnisse gelebt worden ist, dann ist auch die Korrektur nur ueber mehrere Jahre (Jahrzehnte?) moeglich, viel laenger als der politische Zyklus in allen Laendern. Mehr auf www.ta-consult.blogspot.com
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