Das Geheimnis des Bankgeheimnisses

Wieviel ist das Bankgeheimnis wert? Was bringt es der Schweizer Volkswirtschaft? Die alte Frage ist wieder sehr aktuell. Und keiner liefert überzeugende Antworten.

Ivan Pictet wusste es recht präzise: Ohne Bankgeheimnis könnte der Finanzplatz die Hälfte seines Volumens verlieren. Am Ende würde der Finanzsektor vielleicht noch 6 bis 7 Prozent des Bruttoinlandprodukts schaffen – statt wie bisher rund 12 Prozent.

Pictet sagte dies in der Dienstagsausgabe von «Le Temps» in Genf. Ohne die Spezialität des Bankgeheimnisses – so der Genfer Privatbankier weiter – müsse damit gerechnet werden, dass das Schweizer Vermögensverwaltungsgeschäft auf die Hälfte des heutigen Niveaus gestutzt würde. Das sind trübe Aussichten.

Freilich: Im Grunde ist dies höchstens eine Meinung, leicht zu widersprechen. Denn unzählig sind die Versuche, die ökonomische Bedeutung des Bankgeheimisses zu beziffern, und stets zeigt sich, dass die Resultate unpräzise sind, um nicht zu sagen: willkürlich.

Verzichtbar! Unverzichtbar!

Auf der Gegenseite steht beispielsweise Rudolf Strahm, Ökonom, ehemaliger Preisüberwacher und SP-Parlamentarier: Er sagte unlängst an einer Podiumsdebatte, die Banken trügen –  je nach Finanzmarktlage – etwa 6 bis 8 Prozent zur nationalen Wertschöpfung bei. Und weiter: «Vielleicht 2 bis 3 Prozent entfallen auf das Bankgeheimnis. Das ist nicht unerheblich, aber die Banken sind nicht die eigentliche Quelle unseres Wohlstandes.»

In der Debatte spiegeln sich also auch die Unterschiede in der Weltsicht. Das Fazit des Berner Sozialdemokraten Rudolf Strahm lautet: Wir könnten auf das Bankgeheimnis verzichten. Der Genfer Bankier Ivan Pictet vermittelt dagegen: Wir können auf das Bankgeheimnis schwer verzichten.

Tatsächlich findet sich in Ivan Pictets Argumentation der eine oder andere Pferdefuss: Von den 12 Prozent, die der Finanzsektor zum BIP beiträgt, entstammen rund 8 Prozent den Banken. Davon wiederum entfällt – auch dies je nach Schätzung – ein Drittel bis die Hälfte aufs Vermögensverwaltungs-Geschäft. Selbst wenn man also gewisse Kollateralschäden bei den Kantonalbanken, den Versicherungen oder den Hedge Funds einrechnet: Es lässt sich in den Rechnungen kaum nachverfolgen, dass wegen eines Rückschlags im Vermögensverwaltungsgeschäft gleich der Finanzplatz zur Hälfte schrumpfen würde.

Wer hat jetzt recht: Pictet oder die Bankiervereinigung?

Interessanterweise widerspricht Ivan Pictets düstere Prognose auch einer Kernbotschaft der Bankiervereinigung: Diese meldet nämlich bei jeder Gelegenheit, dass die ausländischen Privatvermögen eben nicht wegen dem Bankgeheimnis hier sind – sondern wegen der erstklassigen Servicequalität, wegen der politischen Zuverlässigkeit, wegen des stabilen Frankens, und so weiter. Das heisst: Sie verschwinden auch nicht zwangsläufig, wenn das Bankgeheimnis fällt.

Die Rechenübungen gehen noch weiter. «Der Bund» in Bern versuchte dieser Tage ebenfalls, den Wert des Bankgeheimnis zu beziffern. Die Argumentationsachse der Zeitung ging so: Rund 1000 Milliarden Franken an ausländischen Privatvermögen lagern derzeit in der Schweiz; etwa 40 Prozent davon sind unversteuert und deshalb wegen des Bankgeheimnisses im Land; daraus ergeben sich Kommissionserträge von rund 4 Milliarden. Rechnet man die Folgeausgaben ein, so kommt man auf einen wirtschaftlichen Nutzen von vielleicht 6 Milliarden Franken. Macht also gut ein Prozent des Schweizer Reichtums.

Spione aus Frankreich und Deutschland

Tönt logisch. Ist also alles klar? Keineswegs. Denn diese Rechnung geht davon aus, dass alle in der Heimat unversteuerten Gelder flugs abgezogen würden, falls das Bankgeheimnis fällt. Doch die Motive dafür, ein Konto in der Schweiz zu haben, sind vielfältig – siehe Bankiervereinigung. Dass die saudischen und kuwaitischen Prinzen in Genf, die russischen Millionäre in St. Moritz oder die italienischen Industriellenfamilien mit ihren Konti in Lugano gleich alle Zelte abbrechen würden, falls das Bankgeheimnis fiele – dies müsste sich erst noch weisen.

Weitere Rechnungen finden sich leicht, doch letztlich versuchen sie alle, eine politische Frage zu beantworten: Ist das Bankgeheimnis den Ärger wert? Und ist es ein entscheidender Faktor unserer Wirtschaft?

Eine Antwort findet sich vielleicht, wenn man zurückgeht in die Geschichte. Denn bekanntlich wurde das Bankgeheimnis 1935 eingeführt, nachdem Länder wie Frankreich und Deutschland Spione in die Schweiz entstandt hatten: Diese bestachen Bankangestellte, um Devisen- und Steuerflüchtlinge zu finden. Mit anderen Worten: Der Bankenplatz Schweiz war damals so attraktiv, dass er die Finanzminister der Nachbarstaaten masslos ärgerte – und dann erst kam das Bankgeheimnis.

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Die Ratingagentur Fitch hat das Rating für Finanzstärke für den Rückversicherer Swiss Re mit AA– und den Ausblick mit «stabil» bestätigt. Auch das Langfristrating bleibt mit stabilem Ausblick unverändert bei A+.

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Die staatliche ägyptische Housing and Development Bank, einer der grossen Hypotheken-Institute im nahöstlichen Land mit 1,5 Millionen Kunden, ist auf das Kernbanken-System von Temenos migriert. Der Genfer Bankensoftware-Hersteller wurde dabei von der ägyptischen Partnerfirma Masaref unterstützt.

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