Pensionskassen rutschen in einen «sanften Tod»

Der Deckungsgrad der Vorsorge hat sich zwar verbessert, doch das Umfeld der beruflichen Vorsorge gestaltet sich weiter schwierig. Eine Lagebeurteilung.

Eine Podiumsrunde der B+B Vorsorge setzte sich Anfang Oktober in St. Gallen mit diesen Aspekten auseinander.

Angesichts dieser Herausforderungen stellt sich die Frage, ob das System der beruflichen Vorsorge zu reformieren sei und, wenn ja, wie. Ausserdem haben verschiedene Skandale dem Ansehen der Vorsorgeeinrichtungen geschadet.

Roger Baumann, Gründungspartner der c-alm AG – Comprehensive Asset Liability Management, gab zu bedenken, dass es Pensionskassen, die zu 40 Prozent und mehr in Obligationen investiert seien, kaum gelingen werde, beim gegenwärtig gültigen Umwandlungssatz eine adäquate Rendite zu erzielen.

Kassen, die langfristig Obligationen übergewichten, rutschen nach seiner Einschätzung «in einen sanften Tod». Dennoch sei es falsch, nun hyperaktiv zu reagieren. Vielmehr riet er den Pensionskassen, die Märkte zwei bis drei Jahre zu beobachten.

Sechs Jahre Anpassung unumgänglich

Dem stimmte Marc Mächler, Kantonsrat und Präsident der FDP des Kantons St. Gallen, zwar zu. Auch er sieht die Zinsen nur temporär auf dem aktuell tiefen Niveau. Er geht allerdings davon aus, dass die aktuelle Situation langfristig zu einem Problem wird. Die Kassen tun darum gut daran, sich Gedanken zu machen, wie sich die anvisierte Rendite langfristig erwirtschaften lasse.

Christian Keuschnigg, Leiter der Abteilung Finanzwissenschaft am Institut für Finanzwissenschaft und Finanzrecht an der Universität St. Gallen, verwies in diesem Kontext auf eine an seinem Institut erstellten Studie, die belegt, dass angesichts des Anstiegs der durchschnittlichen Lebenserwartung bis 2050 um sechs Jahre Anpassungen in der 1. und 2. Säule unumgänglich seien.

Das bislang gültige Verhältnis von drei Vierteln Berufszeit und einem Viertel Ruhestand müsse entsprechend auf die längere Lebenserwartung umgemünzt werden. Auf jedes Jahr, das wir länger leben, sollten wir demnach ein Jahr länger arbeiten müssen.

Diversifikation der Mieterträge beachten

Bezüglich Immobilien, in die derzeit viele Gelder fliessen, sei gemäss Roger Baumann eine ausreichende Diversifikation der Mieterträge ernst zu nehmen. Es gebe hier ebenso wenig wie bei anderen Anlageklassen einen «Free lunch» und die nächste Krise respektive Abwertung komme bestimmt.

Marc Mächler sprach sich zwar dafür aus, dass ein gewisser Anteil an Immobilien im In- und Ausland zwingend in das Portfolio einer Pensionskasse gehöre. Die Immobilienquote solle aber nicht zu hoch angesetzt und die Objekte nicht zu teuer gekauft werden.

Fischen im trübsten Tumpel

Marc Mächler ärgert, dass dieselben Kreise, die eine Senkung des Umwandlungssatzes verhindert haben, nun höhere Renditen fordern und dabei aber das Gefühl haben, «das Geld falle vom Himmel». Auf die Aktien als möglicher Renditelieferant angesprochen, gab Roger Baumann zu verstehen, dass man hier «trübsten Tümpel fische», was die Prognosen anbelange. Grundsätzlich könne das Risiko einer Aktienquote von 50 Prozent nur noch von jungen Kassen getragen werden.

Christian Keuschnigg erachtet es als Vorteil, dass die Lebenserwartung langsam steige, so sei auch eine langsame Anpassung des Systems möglich. Am Beispiel der Lebensversicherungen zeige sich, dass eine Bewertung und Berechnung nach marktwirtschaftlichen Kriterien möglich sei. Roger Baumann kann die Verunsicherung der Versicherten gut nachvollziehen, zumal das BVG-Gebilde viele Prognosen enthalte.

Aufsicht verstärken

Der Schweiz gehe es nach wie vor gut, weshalb nur ein marginaler Zwang für Änderungen bestehe, meinte Marc Mächler. Wenn aber in fünf bis zehn Jahren nichts unternommen werde, werde das System anfällig für Krisen. Hier könne unter Umständen Deutschland als Vorbild dienen, wo die Erhöhung des Rentenalters auf 67 mit einem Zeithorizont von 15 bis 20 Jahre beschlossen worden sei. So könnten Änderungen auf lange Frist auch hierzulande die Betroffenheit senken. Hinsichtlich der verschiedenen Skandale meinte Roger Baumann, dass Gesetze nichts oder wenig nützen, solange grosse Summen im Spiel sind, die zwangsläufig Möglichkeiten zum Missbrauch bieten.

Nach Marc Mächlers Dafürhalten müsse in einer Strukturreform die Aufsicht verstärkt und die Transparenz erhöht werden. Allerdings werden die, die dies wollen immer Mittel und Wege finden, Gesetze zu umgehen. Insofern werde eine Strukturreform Missbrauch nicht verhindern.

Gute Entlöhnung für gute Leute

Ausserdem seien rein monetäre Anreize der falsche Weg. Damit werde nicht die Ehrlichkeit belohnt, sondern lediglich «Quick wins». Roger Baumann ergänzte, dass die Manager von Pensionskassen angesichts der grossen Verantwortung, die sie tragen, in der Finanzindustrie besser gezahlt wären.

Gute Leute brauchen denn seiner Meinung nach Macht und eine adäquate Entlöhnung. Christian Keuschnigg sieht zudem ein Governance-Problem. Es brauche einen verstärkten Wettbewerb unter den Vorsorgeeinrichtungen. Die Regulierung solle lediglich die Leitplanken für die Anlagepolitik setzen.

Härtere Vorschriften

Dagegen brauche es härtere Rechnungslegungs- und Reporting-Vorschriften und eine kritische Presse. Marc Mächler hält es für eine valable Option, dass die Destinatäre langfristig ihre Versicherungslösung und Vorsorgeeinrichtung wählen können, ohne dass gleich ein jährlicher Wechsel zu ermöglichen sei.

Roger Baumann dagegen vertrat die Meinung, dass der Wettbewerb über die freie Wahl des Arbeitgebers gewährleistet sei und die Arbeitnehmer bei der Jobsuche demzufolge verstärkt auch die BVG-Lösung in ihre Überlegungen miteinbeziehen sollen.

Hoffen auf bessere Märkte

Angesprochen auf den Wunsch für die Zukunft der beruflichen Vorsorge, hofft Roger Baumann auf bessere Märkte in den nächsten Jahren. Das strukturelle Problem müsse ernst genommen werden und in Entscheiden bezüglich Risikofähigkeit und Gesetz berücksichtigt werden.

Christian Keuschnigg wünscht sich, dass die Schweiz durch mutige Reformen ihren Vorsprung gegenüber ausländischen Systemen halten könne. Marc Mächler wünscht sich, dass sich die Bürger vermehrt mit Vorsorgethemen auseinander setzen, sich ein entsprechendes Wissen aneignen und damit mehr Bereitschaft zu strukturell notwendigen Änderungen entwickeln.

 

 

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