Steht der Schweizer Telekomsektor vor einem grossen Wandel?

Die Schweiz hat die teuersten Mobilfunk- und Internet-Preise in Europa. Doch das könnte sich durch den Verkauf von Orange Schweiz an Xavier Niels Holding NJJ Capital ändern.

Von Andreas Ruhlmann, Marktanalyst und Premium Client Manager bei der IG Bank

Der französische Unternehmer Xavier Niel (Bild) ist berühmt geworden, als er den Telekommunikations-Markt Frankreichs (Iliad, Free) und Israels (Golan) durch Preissenkungen und Verbesserungen in der Serviceleistung revolutionierte. Wird die Schweiz nun das Gleiche erleben?

Seit Jahren greifen Orange und Sunrise die Vormachtstellung der Swisscom mit billigeren und flexibleren Abonnements an, sind bislang aber ohne wirklichen Erfolg geblieben. Dies lag untere anderem daran, dass die Schweizer bereit sind, für Qualität mehr zu bezahlen, und so bleibt die Swisscom überlegen.

Höhere Verschuldung

So mag es auch nicht überraschen, dass die Swisscom bereits zum sechsten Mal in Folge den Preis für das beste Mobilfunknetz in der Schweiz von der Zeitschrift «Connect» gewonnen hat. Darüber hinaus liegt die Verschuldung von Orange Schweiz auch deutlich höher als die von Iliad vor dem Einstieg der NJJ Holding in den französischen Markt.

Aus diesem Grund hat NJJ auch nicht die gleichen Mittel zur Verfügung für eine echte Preisrevolution wie auf dem französischen Markt. Der Erfolg des Einstiegs ist also noch nicht gewiss.

Ein Blick nach Monaco

Auch in der Qualität gibt es bei Orange Schweiz noch viel Raum für Verbesserungen. Zum Beispiel könnten ein weiter ausgebautes Mobilfunknetz sowie ein verbesserter Kundenservice das Mittel sein, um Swisscom ernsthaft zu konkurrenzieren. In Monaco, wo Niel «Monaco Telecom» Anfang 2014 gekauft hat, sagte er in einem Interview, dass das Hauptziel seines Engagements die Verbesserung der Qualität der angebotenen Dienstleistungen sei.

Darüber hinaus ist Xavier Niel ein Schwergewicht des Telekommunikation-Sektors, mit nachweislichem Erfolg in der Produktivitätssteigerung und Innovationsleistung. Mit dem Ziel vor Augen, das operative Geschäft effektiver zu gestalten, wird es Niel möglich sein, über Preissenkungen weitere Marktanteile hinzuzugewinnen.

Vorteil für die Verbraucher

Im Bereich des «Quadruple Play», also dem Angebot von Mobilfunk, Festnetz, TV und Internet gleichzeitig, hält die Swisscom auch heute noch eine Monopolstellung in der Schweiz. Auf lange Sicht, sollte sich dies jedoch ändern. Eine mögliche Fusion zwischen UPC Cablecom und einem Mobilfunkanbieter kann nicht ausgeschlossen werden, und Niel hat die nötige Erfahrung mit dem Angebot von Internet- und TV-Servicediensten.

Zusammenfassend kann man also davon ausgehen, dass sich der Schweizer Telekommunikations-Markt in Zukunft normalisieren wird, was einen Vorteil für die Verbraucher bedeutet.

Architekt des Umbaus

Sollten Anleger daher ihre Swisscom-Aktien verkaufen?

Seit Bekanntwerden des Einstiegs Niels bei Orange Schweiz haben die Aktien der Swisscom mehr als 10 Prozent von ihrem Dezember-Hoch verloren. Damit sind sie jedoch, beruhend auf die EV/EBITDA-Kennzahl, immer noch 20 Prozent teurer im Vergleich zu den Aktien anderer europäischen Telekommunikationsanbieter. Der Markteintritt Niels, immerhin Hauptarchitekt des Umbaus des französischen Telekommunikationsmarkts, sollte bereits ausreichen, um kurzfristig orientierte Anleger aus dem Markt rauszudrängen.

Swisscom weniger attraktiv

Iliad gewann innerhalb von drei Jahren 13 Prozent des französischen Mobilfunk-Markts und begann von Null. Was kann Xavier Niel also mit Orange in der Schweiz erreichen, wo er bereits über 20 Prozent Marktanteil hat und nur zwei Konkurrenten bestehen?

Während die Swisscom, mit einem Marktanteil von mehr als 50 Proznt, in einer starken Position bleibt und die Entwicklung des Schweizer Telekommunikations-Markts einige Zeit in Anspruch nehmen wird, machen die unklaren Zukunftsaussichten die Aktie weniger attraktiv. Es gibt wahrscheinlich bessere Investments woanders.

MARKTANALYSEN - AUTOREN

Andreas Ruhlmann

Andreas Ruhlmann sammelte nach seinem Finanzstudium in Kanada zunächst berufliche Erfahrung bei der Saxo Bank und der National Bank of Canada, bevor er 2014 zur IG Bank wechselte. In der Schweiz verstärkt er nun mit seiner Expertise, speziell in den Forex- und Aktienmärkten, das Team für die Kundenbetreuung. Zusätzlich verfasst er Marktkommentare sowie makroökonomische Einschätzungen und bietet Ausbildungsseminare rund um die Themen Handel, technische Analyse und Handelspsychologie an. Twitter @ARuhlmann_IG


Laurent Bakhtiari

Laurent Bakhtiari verfügt über einen Masterabschluss in Finanzen von Audencia Nantes und einen Masterabschluss in quantitativer Mathematik des Imperial College London. In den vergangenen acht Jahren arbeitete er in den Handelsräumen von Merrill Lynch und der Credit Suisse. Von April 2014 bis Juli 2016 war er bei der IG Bank als Marktexperte und Premium Client Manager tätig.

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