Die amerikanischen Notenbank (Federal Reserve, Fed) hat den US-Leitzins im September unverändert beibehalten. Die Zentralbank zögert die Normalisierung ihrer Geldpolitik also weiter hinaus.

Der US-Leitzins bleibt somit seit 2008 unverändert auf seinem Rekordtief zwischen 0 und 0,25 Prozent. Das kontinuierliche Hinausschieben des ersten Schrittes, gepaart mit einer zunehmend inkonsistenten Kommunikation, verunsichert die Finanzmärkte und riskiert die Glaubwürdigkeit der Fed.

Von Yves Longchamp – Head of Research bei ETHENEA Independent Investors (Schweiz) AG

Die Fed hat den US-Leitzins in ihrem September-Meeting unverändert beibehalten. Sowohl die Entscheidung als auch die Kommunikation der Fed waren damit zurückhaltender als von den Märkten erwartet. Während in der Fed-Sitzung der Ausblick für das Wirtschaftswachstum in 2015 nach oben revidiert wurde, wurde die Prognose für 2016 und 2017 nach unten korrigiert. Der Dot-Plot, also die Prognose zur Leitzinsentwicklung der FOMC-Mitglieder, wurde ebenfalls über den gesamten Prognosezeitraum von 2015 bis 2017 nach unten revidiert. Auch der langfristige Ausblick für den US-Leitzins wurde von 3,75 % auf 3,5 % korrigiert.

Als Hauptbeweggründe ihrer Untätigkeit betonte die Fed dabei erstmalig die hohe Unsicherheit rund um China und die Entwicklung in den Schwellenländern. Denn, da die US-Wirtschaft eng mit dem Rest der Welt verbunden ist, so Fed-Präsidentin Janet Yellen, wird der Zinsentscheid direkt von der Entwicklung in China und den anderen Schwellenländern beeinflusst. Dies ist eine markante Wende in der Kommunikation der Fed, die bisher immer als betont inländisch orientierte Zentralbank agierte, deren Entscheidungen abhängig von der Entwicklung des amerikanischen Arbeitsmarktes und der Inflation getroffen werden.

Die Überraschung und Verwirrung der Märkte wurde nicht gemindert durch die vielbeachtete Rede eine Woche später, in der Janet Yellen hervorhob, dass sie und die meisten anderen FOMC-Mitglieder einen ersten Zinsschritt weiterhin in diesem Jahr erwarten. Dabei bemerkte sie, dass die internationalen Entwicklungen zwar unsicher bleiben, diese jedoch die US-Wirtschaft nicht stark genug beeinflussten, um für geldpolitische Entscheidungen signifikant zu sein. Der US-Arbeitsmarkt hingegen müsse noch etwas weiter genesen, um einen ersten Zinsschritt zu bestätigen.

Diese Kehrtwende nur acht Tage später hat die Fed merklich an Glaubwürdigkeit gekostet und die Möglichkeit reduziert, die Märkte wie bislang über gezielte Aussagen zu steuern. Das Sahnehäubchen kam weitere acht Tage später mit der Veröffentlichung schwacher Arbeitsmarktzahlen, welche der Fed nun auch einen inländischen Grund liefern, einen ersten Zinsschritt weiter zu vertagen. Wir sind der Meinung, dass die Unsicherheit im Hinblick auf die chinesische Verlangsamung noch länger anhalten wird. Kombiniert mit der schwächeren Arbeitsmarktentwicklung im September ist die Wahrscheinlichkeit einer Verschiebung des ersten Zinsschrittes ins erste Quartal 2016 deutlich gestiegen, selbst wenn die nächsten makroökonomischen US-Daten wieder robust ausfallen dürften.

Weitere Entwicklungen der Finanzmärkte

Anstatt die Märkte zu beruhigen, wurde die Unsicherheit an den Märkten durch die mangelnde Konstanz der Fed-Kommunikation weiter erhöht. Die Volatilität an den Märkten wird auch in den kommenden Wochen hoch bleiben, mit möglichen kurzfristigen Ausreißern nach oben. Dennoch kann man auf Basis der nach unten korrigierten Prognosen der FOMC-Mitglieder und der schwindenden Zuversicht bereits einige Schlussfolgerungen für die Märkte ziehen:

  • Wie bereits erwähnt, werden die US-Zinsen niedrig bleiben, jedoch für einen längeren Zeitraum als bisher erwartet und zwar insbesondere am kurzen Ende der Zinskurve. Aufgrund der erhöhten Unsicherheit und der nach unten revidierten Wachstums- und Inflationsprognosen erwarten wir auch, dass lange Zinsen (>7 Jahre) länger auf niedrigem Niveau verharren. Folglich haben US-Zinsen wieder mehr Potenzial, um zu sinken.
  • Kurzfristig sollten sowohl US-Credit Spreads als auch US-Aktien und insbesondere defensive Werte von den weiterhin niedrigen Zinsen und den nachlassenden Sorgen um die Schwellenländer profitieren. Die Entscheidung der Fed, die Zinsen nicht anzuheben, spiegelt nämlich auch ihre Unsicherheit wider, ob die Finanzmärkte stark genug sind, um einen Zinsschritt zu verkraften. Der handelsgewichtete US-Dollar wird (vorerst) nicht weiter aufwerten.
  • Der Druck auf die Schwellenländer sollte sich durch die Stabilisierung des US-Dollar sowie der tief bleibenden Zinsen nicht erhöhen. Die domestischen Probleme und die Exponierung gegenüber internationalen Kapitalflüssen bleiben jedoch bestehen.

Wann kommt denn nun die Zinswende?

Die Finanzmärkte warten nun auf neue Signale, um den Zeitpunkt der ersten Zinserhöhung auszumachen. Es gibt nur noch zwei weitere FOMC-Sitzungen vor Jahresende. Die erste findet vom 27. bis 28. Oktober statt und die zweite vom 15. bis 16. Dezember. Da Janet Yellen sich noch etwas mehr Zeit nehmen möchte, um die Auswirkungen der Entwicklungen in China auf das US-Wachstum besser verstehen zu können, kommt der Oktober wohl nicht in Frage. Es bleibt der Dezember, obwohl Chinas Schicksal bis Weihnachten noch weiterhin ungewiss sein könnte.

Alles in allem scheint ein Zinsstraffungszyklus im Jahr 2015 zurzeit eine ziemliche Herausforderung. Auch die Marktteilnehmer rechnen momentan zumindest für dieses Jahr nicht mehr damit. Trotz der Unsicherheit bleibt jedoch eines klar: die amerikanische Geldpolitik ist für die globale Wirtschaft von Bedeutung. Höhere Zinsen in den USA als im Ausland ziehen internationales Finanzkapital an. Für Schwellenländer, in die in den vergangenen Jahren viel Anlegergeld geflossen ist, wäre das eine Hiobsbotschaft, da ein Teil dieser Gelder in die USA zurück fließen könnte. Zudem haben sich viele Unternehmen in den Schwellenländern in Dollar verschuldet. Eine weitere Aufwertung des US-Dollar und höhere Zinsen würde sie somit schwer treffen.