Der lange Weg zur Finanzmarktstabilität

Maurice Pedergnana über die Stresstests für europäische Banken – und die Illusion, die sie schaffen.


Wenn man die Ergebnisse der Stresstests für europäische Banken anschaut, könnte man auf den ersten Blick aufatmen. Dazu hat man in der Schweiz auch guten Grund, selbst nach einer vertieften Analyse.

Denn die Ergebnisse für die beiden Grossbanken sind positiv ausgefallen. Dagegen ist es verfrüht, zahlreiche weitere europäische Grossbanken als gesund und stressresistent zu bezeichnen.

Über manchen schwebt das Damoklesschwert. Eine nächste Krise werden sie kaum ohne Staatshilfe oder vorheriger kräftiger Eigenmittelbeschaffung überstehen.

Neuartige Transparenz

Die Transparenz ist neuartig für europäische Verhältnisse, aber für angelsächsische Investoren zu banal. Für jede der 91 grossen Banken sind die Resultate einzeln publiziert worden, doch was nutzen Antworten, wenn die Fragen nicht bekannt sind, lautete der berechtigte Kommentar eines Finanzanalysten aus den USA.

Die schweizerische Finanzmarktaufsichtsbehörde FINMA hat gleichzeitig die Ergebnisse der Stresstests ihrer Grossbanken bekannt gegeben. Auf Grund der besonderen Situation in der Schweiz mit zwei Grossbanken von hoher systemischer Bedeutung wurden hierzulande speziell strenge Szenarien unterstellt.

Sieger im Stresstest

Sowohl die UBS wie auch die Credit Suisse hätten auch nach Eintreten solcher makroökonomischen Schockszenarien über eine stabile Kapitalbasis verfügt. Die Schweizer Grossbanken zählen zweifellos zu den «Siegern» dieser Stresstest-Verfahren. Doch wem hilft dies weiter?

Eine gemeinsame Medienmitteilung des Komitees der europäischen Bankenaufseher (CEBS), der Europäischen Zentralbank (EZB) und der EU-Kommission zeigt an sich schon die Neuartigkeit der Kommunikation.

Schockszenarien nicht berücksichtigt

Aus dem Stressszenario lässt sich dann allerdings auch ableiten, dass insbesondere nicht (!) geprüft werden musste, wie es um eine Bank steht, wenn ein Staat der Europäischen Union zahlungsunfähig wird. Das ist und bleibt ein Szenario angesichts der horrenden Verschuldung europäischer Staaten (Portugal, Italien, Irland, Griechenland, Spanien).

Ob realistisch oder nicht, auf die wahren Schockszenarien wurden die 91 Banken nicht getestet. Dementsprechend nüchtern sind die Ergebnisse seit Freitagabend aufgenommen worden. Der schlechte Zustand von gewissen spanischen, griechischen und einzelnen deutschen Banken war schon vor den Stresstests bekannt.

Immerhin sind nach wie vor 38 dieser 91 Banken in starker staatlicher Abhängigkeit. Über ganze Länder wie beispielsweise Irland, Griechenland, Ungarn und Grossbritannien mussten zudem riesige Rettungsschirme aufgetan werden, damit das Bankensystem nicht kollabiert ist.

Stimmungsbild gekippt

Aber blenden wir kurz zurück: Im Laufe des Jahres 2009 bildeten sich viele Finanzmarktindikatoren wieder auf Niveaus zurück, wie wir sie von vor der Krise oder zumindest aus der Zeit vor der Insolvenz von Lehman Brothers gewohnt waren. Der Optimismus an den Märkten und auch die konjunkturelle Zuversicht nahmen zu.

Ende April 2010 kippte das Stimmungsbild; augenblicklich war die Lage von hohen Unsicherheiten geprägt. Für mich als Ökonom war die Wucht erstaunlich, denn es traten kaum Neuigkeiten auf. Dass Griechenlands Zahlen schön gefärbt waren, wussten bei der statistischen Behörde Eurostat längst alle. Und dass der spanische Immobilienmarkt marode ist, weiss jeder Feriengast.

USA auf wackeligen Beinen

Auch die miserable Haushaltsdisziplin in Italien wie in Frankreich ist seit bald 50 Jahren nicht wirklich neu.  Hinlänglich bekannt war auch das Ausmass der Staatsverschuldung, und auch deren sprunghafter Anstieg als «Kollateralschaden» der Krise nach Lehmann und ihrer Bekämpfung.

Der Euro verliert 17 Prozent an Wert gegenüber dem Dollar allein in diesem Jahr, und dabei steht die US-amerikanische Volkswirtschaft auf wackeligen Beinen und schiebt enorme Lasten (extrem hohes Staatsdefizit, steigende Beschäftigungslosigkeit, marode Infrastruktur) vor sich hin.

Geordnetes Scheitern

Aber das Misstrauen gegenüber dem alternden, selbstgefälligen, zerstrittenen Europa ist weltweit noch viel grösser: Europa ist in der ausserkontinentalen Wahrnehmung eine Ansammlung von Statistikfälschern, politischen Hazardeuren (Sarkozy) und Clowns (Berlusconi), Eigenbrötlern (Cameron) und solchen, die unwillig sind, harte und längst fällige Entscheidungen zu treffen (Merkel). Deshalb dürfte die extreme Fragilität der Finanzmärkte hier nicht wirklich abnehmen.

Schon im Jahr 2005 wurde der europäische Stabilitätspakt bedauerlicherweise gelockert. Das schlimmste Ereignis war dann aber das Nicht-Konkurs-Gehenlassen von Griechenland. Ein geordnetes Scheitern hätte für europäische Staaten eine wichtige Disziplinierungs- und Lenkungsfunktion gehabt.

Dauerzustand mit Drogencharakter

Stattdessen musste im Mai dieses Jahres ein in der Geschichte der Europäischen Währungsunion beispielloses Hilfs- und Stabilisierungspaket geschnürt werden – zur Rettung einzelner Staaten und ihrer Gläubigerbanken. Bis zu 440 Milliarden Euro an Krediten können vergeben werden. Weitere 250 Milliarden Euro stellt der Internationale Währungsfonds (IWF) bereit.

Aber noch scheint es wenige zu kümmern, dass die kreditfinanzierte Stimulierung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage höchstens ein Dauerzustand mit Drogencharakter ist. Und wie lange leben Junkies? Haben wir in Europa eine glaubwürdige Exit-Strategie von der Droge Staatsverschuldung?

Fazit: Eine Vertrauensstärkung erfolgt nicht mit der Bekanntgabe von Stresstests, ohne die detaillierten Stressszenarien offenzulegen. Wirklich Vertrauen geschaffen werden kann nur durch eine weitsichtige Währungs- und Wirtschaftspolitik – nicht nur in einzelnen Ländern, sondern in ganz Europa.

AUTOREN

Claude Baumann ist einer der Gründer von finews.ch. Er publiziert zudem regelmässig in der «Handelszeitung». Bekannt wurde er auch durch mehrere Fachbücher über die Finanzbranche.

Ralph Pöhner ist einer der Gründer von finews.ch. Er veröffentlicht sonst in «Die Zeit» und arbeitete zuvor unter anderem für AWP, «Facts» und die «Weltwoche».

Hans-Peter Bauer ist Präsident und CEO der Swiss Finance & Property AG in Zürich. Das Unternehmen ist spezialisiert auf alternative Anlagen im Bereich Immobilien und Hedge Funds.

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