Warren Buffett: Lieber Country-Songs als Experten

Warren-Buffett2010Der «Shareholder Letter» von Berkshire Hathaway, am Freitagabend Punkt 10 Uhr aufgeschaltet und von Zehntausenden verfolgt, erfüllt wieder viele Erwartungen: In nettem Onkelton macht sich Warren Buffett über all jene lustig, welche die unsicheren Zeiten beklagen und deshalb nicht wissen, wo sie ihr Geld investieren sollen.

Bei Berkshire Hathaway habe er letztes Jahr so viel Geld angelegt wie nie zuvor, schreibt Buffett, und er fühle sich bestens dabei: «Wir lieben es, grosse Summen in lohnenswerte Projekte zu investieren, ganz egal, was die Experten sagen. Wir halten uns lieber an Gary Allans neuen Countrysong: Every Storm Runs Out of Rain».

Und so werde seine Berkshire Hathaway auch 2013 «fast sicher» nochmals eine Rekordsumme neu investieren.

Jedes Jahr richtet sich das «Orakel von Omaha» Ende Februar oder Anfang März an seine Aktionäre, und eigentlich verkündet es stets dasselbe: Denkt langfristig, vertraut der Wirtschaft, vertraut der Aktie, und wenn ihr dabei auf Qualität setzt, kommt es schon gut. 

«Natürlich ist die unmittelbare Zukunft unsicher. Aber Amerika blickt dem Unbekannten seit 1776 ins Gesicht», schreibt Buffett mit der Adlerperspektive des 82-Jährigen. «Es ist einfach so, dass sich die Menschen manchmal auf die Abertausende von Unsicherheiten konzentrieren, die es immer gibt. Und zu anderen Zeiten ignoriert man diese Unsicherheiten einfach.»

Langfristig aber werde es der Wirtschaft gut gehen. Und die Aktien werden sich ebenso sicher gut entwickeln. Zwar werde es auch künftig zu periodischen Rückschlägen kommen, aber wer hier mitmacht, beteilige sich an einem Spiel, das zu seinen Gunsten läuft.

Kriege, Depressionen, Rezessionen – und immer mehr Reichtum

Eines ist klar: Wer als Banker, Pensionskassenverwalter, Fonds- oder Portfoliomanager Jahresergebnisse liefern muss, dem helfen Buffetts Einsichten kaum weiter – ja, es sind Binsenweisheiten.

Wer aber als Kleinanleger an seine Rente denkt, sieht die Welt hier doch mit der Gelassenheit geschildert, die man im Alltag ständig wieder vergisst.

Warren Buffetts wohl eindrücklichstes Bild im Letter dieses Jahres lautet: «Der Dow-Jones-Index stieg im 20. Jahrhundert von 66 auf 11'497, ein Anstieg um atemberaubende 17'320 Prozent. Es geschah trotz vier teuren Kriegen, einer Grossen Depression und vielen Rezessionen. Und vergessen Sie dabei nicht, dass die Aktionäre auch noch Dividenden bekamen.» 

Tarot-Karten und andere Experten

Wer hat also da noch Sorgen wegen Silvio und Grillo? Verunsicherung wegen Griechenland? Wegen dem Budgetstreit in Amerika?

Es sei einfach ein schrecklicher Fehler, «rein- und raustanzen zu wollen auf der Basis von Tarot-Karten, den Voraussagen von "Experten" oder der Ebbe und Flut der Geschäftsverläufe», schreibt Buffett weiter. Die Risiken, beim Spiel draussen zu stehen, seien sehr gross im Vergleich zu den Risiken beim Mitspielen. 

Was macht es aus bei Warren Buffett (abgesehen davon, dass er durch die Umsetzung seiner Weisheiten steinreich wurde)? Der Mann strickt jeweils einen engen Zusammenhang zwischen der grossen Geschichte und den kleineren Problemen, vor denen man aktuell als Anleger, Unternehmer oder CEO steht. 

Das war schon vor einem Jahr so, als alles aufs Gold setzte und Warren Buffett einfach die Frage stellte: Was bringt ein Würfel Gold langfristig ein? Wenig. Und was – beispielsweise – dieselbe Summe in Aktien von Exxon? Oder in Landwirtschaftsland? Die Antwort führte zwangsläufig zum Ergebnis, dass man seine Finger besser vom Gold lässt (den ganzen Text finden Sie hier). Die Entwicklung seither hat ihm recht gegeben.

Im neuen Letter baut Buffett die Brücke von Lang- zu Kurzfristigkeit mit seinem eigenen Investorenleben: Seit er 1942 seine erste Aktie kaufte – so erzählt er – vervierfachte sich der Reichtum der Vereinigten Staaten. «Und in der ganzen Zeit war der nächste Tag immer unsicher.» Doch Amerikas Schicksal sei immer klar gewesen: mehr Wohlstand. 

Kurz: Der Mann vertraut der Regel und vernachlässigt die Ausnahme.

Was ihn diesmal zur saloppen Aufforderung führt: «Wenn Sie ein CEO sind und ein grosses, einträgliches Projekt wegen der kurzfristigen Unklarheiten in die Schublade gesteckt haben, dann rufen Sie uns bei Berkshire an. Wir nehmen Ihnen das gern ab.»

Zum Geschäftsbericht von Berkshire Hathaway: «Shareholder Letter» Seite 3–24.

Bild: Warren Buffett beim Aktionärstreffen 2010 in Omaha. (Borsheim Jewelry / Flickr)


 


Zugabe: Gary Allan, «Every Storm (Runs Out of Rain)»


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