Diese Schwellenländer sind problematisch

Die Emerging Markets sind ins Trudeln geraten. Marco Ruijer von ING Investment Management erklärt im Interview mit finews.ch, wie die Turbulenzen einzuschätzen sind.


Herr Ruijer, Obligationen aus Schwellenländern waren einige Jahre lang höchst beliebt. Nun sind die Anleger nervös geworden. Was ist los?

Der unmittelbare Grund für die Panik waren die Äusserungen der amerikanischen Notenbank (Federal Reserve, Fed) über ein Ende der ultra-lockeren Geldpolitik und die Vermutung, dass diese Periode übermässiger Liquidität an den Märkten vorbei sein könnte.

Die Angst, dass Schwellenländer darum zahlungsunfähig werden könnten, halte ich allerdings für übertrieben. Es war aber bereits vorher zu einem Verkaufsschub gekommen, weil schlicht die Renditedifferenzen mancher Bonds im Vergleich mit entsprechenden Obligationen aus Industrieländern – die Spreads – sehr eng geworden waren.

Wie geht es weiter?

Die Fed wird restriktiver mit der Geldpolitik, weil sich die US-Wirtschaft besser entwickelt als erwartet. Doch Wachstum in den USA bedeutet auch mehr Exportnachfrage für Mittelamerika und für asiatische Länder.

«Eine Wachstums-Verlangsamung ist gesund»

Die Haushaltsdefizite und die Verhältnisse der Schulden zum Bruttoinlandprodukt (BIP) sind derweil in vielen Schwellenländern markant besser als in den meisten Industriestaaten. Manche Anleger fürchten eine Wachstumsdelle in den Schwellenländern.

Zurecht?

Ich glaube nicht. Die Staaten wachsen dennoch flott. Für viele Länder ist eine gewisse Wachstumsverlangsamung sogar gesund. Sie hilft, die Inflation und die Konsumkredit-Nachfrage zu dämpfen. Und in China, um das sich viele Anleger sorgen, verfügt die Regierung über genügend Spielraum in der Fiskal- und Geldpolitik, um Abstürze zu verhindern.

Welche Länder halten Sie für problematisch?

Diejenigen, die sowohl ein grosses Budgetdefizit als auch ein Leistungsbilanzdefizit aufweisen. Das gilt im Moment für Südafrika, die Türkei und Indonesien.

Machen Ihnen die politischen Demonstrationen in Brasilien und in der Türkei Sorgen?

Solchen Aufruhr hat man dort lange nicht mehr gesehen. Ich halte ihn allerdings eher für ein Anzeichen einer funktionierenden Demokratie, denn viele Anliegen der Demonstranten sind berechtigt. Doch die Regierungen müssen etwas tun, und das wird Geld kosten.

«Die Türkei wird diese Krise überstehen»

Brasilien hat bereits Massnahmen im Umfang von rund 1 Prozent des Bruttoinlandprodukts angekündigt. In der Türkei mischt sich die Religionsfrage in den Unmut, aber Ministerpräsident Erdogan hat noch immer rund die Hälfte der Bevölkerung hinter sich.

Zum Glück ist die türkische Staatsverschuldung innert 10 Jahren von 75 auf 36 Prozent des Bruttoinlandprodukts gesunken. Das Land hat trotz chronisch hohen Leistungsbilanzdefiziten und einer grossen Abhängigkeit von ausländischem Kapital Glaubwürdigkeit aufgebaut. Es wird auch diese Krise überstehen.

Was ist schlimmer für die Schwellenländer, ein Ende der ultra-lockeren Geldpolitik in den USA oder Probleme in Europa?

Das US-Thema dominiert klar, denn die Anleger befürchten, dass weniger in den Schwellenländern nach Extra-Renditen gesucht wird, wenn die Renditen in den USA steigen. Die Extremrisiken in Europa hingegen sind etwas gesunken, was vor allem den osteuropäischen Staaten zugute kommt, die stark von der Wirtschaft Deutschlands abhängen.

«Die Märkte sind volatiler geworden»

Bis die Obligationen von Europas Peripheriestaaten den Schwellenland-Anleihen auf den Märkten wieder Konkurrenz machen, dürfte es hingegen noch lange dauern. Die meisten Schwellenländer haben viel bessere Fundamentaldaten.

Die Märkte sind jedoch durch die verschärfte Bankenregulierung generell volatiler geworden, denn die Broker können kaum noch Risiken auf ihre eigenen Bilanzen nehmen.

Sie empfehlen jetzt Anleihen in Hartwährung, nicht in Lokalwährung?

Hartwährungsanleihen entwickeln sich mehr gemäss den Kreditrisiken, also der Fähigkeit und dem Willen der Staaten, ihre Schulden zu bedienen. Dieser Faktor ist in absehbarer Zukunft kein Problem. In den lokalen Währungen drohen hingegen Wertverluste, wenn der Dollar erstarkt, zumal die einstigen Leistungsbilanzüberschüsse vieler Länder verschwunden sind. Das schwächt die Lokalwährungen zusätzlich.

Wie gross sind heute die Gefahren der Verschuldung in Hartwährung für Schwellenländer?

Die meisten Schwellenländer sind in den vergangenen Jahren sicherer geworden. Ihre Notenbanken verfügen über Fremdwährungs-Reserven. Freie Wechselkurse sorgen dafür, dass die Zinsen nicht erhöht werden müssen, um die eigene Währung zu verteidigen, wenn die Ausländer Geld abziehen.

«Ich bin vorsichtig bezüglich Afrika»

Funktionierende Bondmärkte in Lokalwährung verringern die Abhängigkeit von ausländischen Investoren. Drei Viertel der Schwellenlandstaaten verfügen heute entsprechend über Investment Grade Ratings.

Etwas vorsichtig bin ich einzig bezüglich Afrika, denn viele der dortigen Regierungen haben noch nicht viel Erfahrung im Umgang mit ausländischen Bond-Anlegern. Sie könnten Fehler machen, die «Ansteckungseffekte» zwischen Ländern zur Folge haben könnten.

Welche Indikatoren sollten Investoren derzeit betrachten, wenn sie in Schwellenländer investieren?

In Hartwährung ist es klar das Kreditrisiko. Wichtige Faktoren sind auch das Verhältnis der Staatsschulden zum Bruttoinlandprodukt, das Haushaltsdefizit und das Leistungsbilanzdefizit.

Die Höhe der gesamten Auslandschulden ist ebenfalls wichtig, denn manchmal üben die Staaten zwar finanzielle Disziplin, aber die Unternehmen eines Landes sind derart stark im Ausland verschuldet, dass es zu Problemen kommt.

«Russland wird krass unterschätzt»

Allgemein betrachtet sind diese Faktoren derzeit stabil auf einem relativ guten Niveau. Das Risiko von Zahlungsausfällen ist recht tief.

Welche Länder mögen Sie?

Unter den schwächeren – und höher rentierenden – Märkten Côte d'Ivoire und Angola sowie Venezuela, dessen Anleihen derzeit günstig sind. Im Übrigen bevorzuge ich Russland inklusive seiner Unternehmensschuldner. Das Land wird von vielen Investoren krass unterschätzt.

«Ich mag Katar»

Die Türkei wird nach den jüngsten Kursverlusten langsam wieder attraktiv. Unter den sichereren Ländern mit tiefen Renditen mag ich Nahost-Staaten – wie Katar –, die sehr gesunde Fundamentaldaten aufweisen und deren Anleihen im Vergleich mit Lateinamerika attraktiv bewertet sind.


Marco Ruijer ist seit diesem Jahr Lead Portfolio Manager für Emerging Market Debt Hard Currency im Team von ING IM in Den Haag. Zuvor arbeitete er 15 Jahre für Mn Services in Holland; die meiste Zeit davon als Fondsmanager für «Emerging Market Debt». Er hält einen Master of Science in Finanzökonomie von der Universität Amsterdam und ist CFA-Mitglied.

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