Bruno Gisler: Acht unbequeme Wahrheiten

Die Börsenturbulenzen der letzten Wochen haben die Warner vor einem Total-Crash auf den Plan gerufen. Nüchterne Prognosen tun in dieser Situation not. Bruno Gisler, Chefökonom der Aquila-Gruppe, hat sie.

1. Die US-Wirtschaft ist auf Kurs

Das solide Wachstum im zweiten Quartal von 3,9 Prozent finde im vierten Quartal seine Fortsetzung, ist sich der Aquila-Chefökonom Bruno Gisler sicher. Das bestätige das neuste Beige Book der US-Notenbank, das zwar eine etwas langsamere Industrieproduktion und einen schwächeren Konsum konstatiere. Hingegen kämen gute Zeichen vom Arbeits- und Immobilienmarkt.

Die Gefahr lauert in der Politik, sagt Gisler: Denn es droht erneut das Polittheater um die nötigen Erhöhung der Schuldenobergrenze und die Stilllegung von Verwaltungsdienstleistungen. Im Jahr 2013 hatte der «Shutdown» 0,2 Prozent des Wirtschaftswachstums weggefressen.

2. Europas Wirtschaft erholt sich – unspektakulär

Die Wirtschaft der Eurozone befindet sich auf einem stetigen, aber unspektakulären Aufwärtspfad. Spanien sticht mit einem Jahreswachstum von 3,1 Prozent hervor. Grossbritannien gehört zwar nicht zur Eurozone, wächst aber mit 2,6 Prozent. Frankreich enttäuscht dagegen mit Nullwachstum.

Die neusten Indizes der Einkaufsverantwortlichen lägen deutlich über 50, ergänzt Gisler. Das bedeutet, dass die Turbulenzen in den Emerging Markets die Eurozone bislang nicht nachhaltig negativ beeinflusst hätten.

3. Die Berichterstattung über China ist zu negativ

Es ist bemerkenswert, dass vor allem die angelsächsische Presse negativ über die Entwicklungen in China berichtet. So werden die Börsenturbulenzen und die Abwertung des Yuan wie selbstverständlich als Folge eines schlechten Wirtschaftsgangs dargestellt. Aber die Wirtschaftsdaten seien nicht so schlecht, wie sie dargestellt würden, erklärt Gisler.

Objektiv betrachtet würden sie ein gemischtes Bild abgeben, fährt der Ökonom fort. «Man kann damit rechnen, dass sich die bereits getroffenen Massnahmen im vierten Quartal zumindest stabilisierend auf den Wirtschaftsgang auswirken», sagt Gisler.

4. Eine US-Zinserhöhung ist im Dezember wahrscheinlich

Nachdem die US-Notenbank die Finanzmärkte so präpariert hatte, dass diese im September eine Zinserhöhung fast herbeisehnten, ist es jammerschade, dass sie die Gelegenheit verstreichen liess. So lautet die Feststellung des Aquila-Ökonomen.

Genau 13 von 17 Notenbank-Gouverneuren erwarten noch dieses Jahr eine Zinserhöhung. Die Prognosen der Notenbank-Verantwortlichen für Ende 2015 liegen mit 0,375 Prozent nahe bei der Markterwartung von 0,25 Prozent. Darum ist mit einer ersten Zinserhöhung im Dezember zu rechnen. Die Märkte würden positiv reagieren, gibt sich Gisler zuversichtlich.

5. Mehr QE von der EZB

Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), wies in der letzten Pressekonferenz mehr als einmal darauf hin, dass er falls nötig alle geldpolitischen Optionen ausnützen würde. Unter Nutzung aller Möglichkeiten könnte die EZB ihr QE-Programm von 1‘100 Milliarden auf schätzungsweise 2‘600 Milliarden Euro hochfahren.

Bei gleichbleibenden Käufen von 60 Milliarden pro Monat würde das eine Verlängerung des Programms um gut zwei Jahre erlauben. Es darf nicht überraschen, wenn die EZB in den nächsten Monaten weitere Expansionsschritte ankündigen würde.

6. Die Bank of Japan kann ihr Programm bereits im Oktober erweitern

Die Inflationsprognosen der Bank of Japan (BoJ) liegen immer noch deutlich über dem Marktkonsens. Die nächsten Makroprognosen der Notenbank sind Ende Oktober fällig.

Sollte die BoJ ihre Voraussagen für die Inflation ein weiteres Mal reduzieren, könnte dies der Anlass für eine nochmalige Ausweitung ihres Wertschriftenkaufprogramms sein. Spätestens sei dieser Expansionsschritt im kommenden April zu erwarten, vermutet Gisler.

7. Euro gegen den Franken absichern – nicht den Dollar

Seit Mitte Juli neigt der Franken zur Schwäche. Der Euro-Franken-Kurs stand am 11. September 2015 erstmals nach Aufgabe des Mindestkurses im Januar wieder über der Marke von 1.10 Franken. Devisenkäufe der SNB, Kaufkraftparität, Zinsdifferenz und vor allem der schleichende Verlust von Standortvorteilen für die Schweiz machen einen schwächeren Franken aber plausibel.

Da ein sinkender Franken jedoch auf einen noch schwächeren Euro stossen könnte, ist die Absicherung des Euro gegen den Franken opportun. Dollar-Positionen hingegen brauchen nicht abgesichert werden, wie Gisler feststellt.

8. Es kommt keine nachhaltige Aktien-Baisse

Eine langanhaltende Baisse an den Aktienmärkten bedingt normalerweise eine wirtschaftliche Rezession. Das Weltwirtschaftswachstum hat sich zwar abgeschwächt, aber ein Einbruch ist nicht zu erwarten.

Die Kursbewegungen der letzten Monate dürften lediglich als saftige Korrektur interpretiert werden, nicht als Trendwende, sag Bruno Gisler. Die Hysterie um eine weltwirtschaftliche Rezession lege sich, und die Aktienmärkte würden bis Jahresende wieder steigen.

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