Das Coronavirus hat die Schwachstellen unseres alten Systems aufgedeckt und bewiesen, dass wir in der Lage sind, selbst die drastischsten Änderungen in kürzester Zeit umzusetzen – wenn wir nur wollten, schreibt der gefeierte Jazzmusiker und Komponist Niels Lan Doky in einem exklusiven Essay für finews.first.


In dieser Rubrik nehmen Autorinnen und Autoren Stellung zu Wirtschafts- und Finanzthemen.


Seit einigen Woche befinden wir uns noch tiefer in diesem neuen Zustand der Welt. Dabei haben sich zwei gegensätzliche Denkweisen herausgebildet, die meine Aufmerksamkeit erregen. Auf der einen Seite haben wir Menschen, deren tägliches Leben sich nun in einen glückseligen Moment des Friedens und der Ruhe verwandelt hat, mit dem Ansporn, über die Welt nachzudenken und sich inspirieren zu lassen, um in Zukunft möglicherweise einen Paradigmenwechsel zu schaffen.

Am entgegengesetzten Ende des Spektrums haben wir diejenigen Menschen, die sich verzweifelt nach einer Rückkehr zur «Normalität» sehnen, zurück zu ihrem Status quo, dem Business-as-usual wie vor «Corona». Natürlich verstehe ich die Sehnsucht nach körperlichem Kontakt mit geliebten Menschen, nach dem Besuch von Live-Konzerten und anderen sozialen Aktivitäten. Das «normale» Leben ist jedoch auch zu einem sehr grossen Teil egoistisch, ungesund, unhaltbar und irrational.

Unnötig zu sagen, dass ich zur ersten Gruppe gehöre. Und es fällt mir manchmal schwer, die letztere Gruppe zu verstehen – obwohl ich mir viel Mühe gebe.

«Das erinnert mich an die beiden derzeit berüchtigtsten Politiker der Welt – Trump und Bolsonaro»

Mein erster Gedanke ist, könnte es mit Bildung zu tun haben? Ich weiss es nicht. Aber in Prozent des BIP, das für Bildung ausgegeben wird, rangiert mein Teil der Welt – also Norwegen, Schweden und Dänemark – mit 8 Prozent, 7,7 Prozent respektive 7,6 Prozent des BIP unter den Top 10.

In scharfem Kontrast dazu rangieren die USA mit nur 5 Prozent auf Platz 65, und im Gegensatz zu Norwegen, Schweden und Dänemark verfügen die USA nicht über ein universelles Gesundheits- und Bildungswesen, so dass ihre Ausgaben hauptsächlich privat und nicht öffentlich getätigt werden.

Ironischerweise liegt Kuba mit 12,9 Prozent des BIP, das für Bildung ausgegeben wird, auf Platz 1. Und zufälligerweise spielt Kuba derzeit eine bedeutende Rolle in der medizinischen Forschung und unterstützt den weltweiten Kampf gegen Covid-19. Kuba verfügt über einige der besten Ärzte der Welt, und bis zum 1. April hatte Kuba nicht weniger als 593 medizinische Mitarbeiter in 14 Ländern entsandt, darunter nach Italien und die USA, um den Kampf gegen die Corona-Pandemie zu unterstützen.

Dies erinnert mich an die beiden derzeit berüchtigtsten Präsidenten auf dieser Welt – den Amerikaner Donald Trump und seinen brasilianischen Amtskollegen Jair Bolsonaro – und daran, wie bedeutungslos Demokratie ohne Bildung ist. In diesen beiden Ländern ist Bildung ein Privileg, das der Mehrheit der Bevölkerung entweder direkt oder indirekt nicht zur Verfügung steht.

«Viele Probleme auf dieser Welt sind relativ einfach und erfordern keinen Doktortitel, um sie zu verstehen»

Wenn man nicht das Wissen und die Bildung erhält, um die Intelligenz zu stimulieren und das Bewusstsein so weit schärfen, dass man versteht, wofür man stimmt, dann macht Demokratie keinen Sinn – sie kann sich dabei sogar selber zerstören. Um dies an einem Beispiel zu illustrieren: Als Bolsonaro auf groteske und absurde Weise den Filmschauspieler Leonardo DiCaprio beschuldigte, Geld zu spenden, dass der Amazonas brenne, lautete dessen Kommentar schlicht: «Ich weiss nicht, wer dümmer ist, Bolsonaro oder die Leute, die ihn gewählt haben.»

In ähnlicher Weise ist wohl auch die surreale und katastrophale Wahl von Trump als US-Präsident darauf zurückzuführen, dass eine Mehrheit der Amerikaner untergebildet ist – weil das System der Mehrheit der Bevölkerung den Zugang zu höherer Bildung verwehrt.

Glücklicherweise sind viele Probleme auf dieser Welt relativ einfach und erfordern keinen Doktortitel, um sie zu verstehen. Darum fordert in meinem Teil der Welt eine rasch wachsende Anzahl von Bürgern, Medien, Unternehmen und Konzernen eine «Post-Corona-Wirtschaft» auf der Grundlage eines «Green New Deal» mit einem neuen Verständnis von sozialer Gerechtigkeit.

«Es ist an der Zeit, auf ‹Delete› und ‹Empty Trash› zu drücken und ein neues System von Grund auf aufzubauen»

Dabei spielt die Ungleichheit eine wichtige Rolle. Denn wie können Sie sich um Ihren CO2-Fussabdruck sorgen, wenn Sie sich täglich nur darum bemühen müssen, genug Geld zu verdienen, um Ihre Kinder zu ernähren? Viele von uns haben mehr als genug von dieser alten Weltordnung. Leute, die so denken, werden immer zahlreicher und sind auf dem besten Weg zur kritischen Masse. Insofern ist an der Zeit, sozusagen auf «Delete» und «Empty Trash» zu drücken und ein neues System von Grund auf aufzubauen.

Das Coronavirus ist ein heimlicher Segen, der die Schwächen unseres alten Systems aufgedeckt hat. Dabei zeigt sich, dass wir tatsächlich in der Lage sind, selbst die drastischsten Veränderungen im Handumdrehen umzusetzen, wenn wir es nur wollen. Aber so weit sind wir noch nicht.

Im Jahr 1654 schrieb der Wissenschaftler und Philosoph Blaise Pascal: «Alle Probleme der Menschheit rühren von der Unfähigkeit des Menschen her, ruhig und allein in einem Raum zu sitzen.» Für mich ist dies die beste Metapher für unsere gegenwärtige Isolation wegen Covid-19. Sie stellt gleichzeitig einen Aufruf dar, unsere Seele, unseren Verstand und unseren Geist wieder verstärkt zu nutzen, ohne all die Betäubungen, die normalerweise durch die Myriaden von Lärm und Ablenkungen in unserer Konsumgesellschaft verursacht werden.

«Sind wir völlig verrückt geworden?»

Hier sind meine Denkanstösse: Die Weltwirtschaft ist aufgrund der Tatsache, dass wir nur noch das Nötigste kaufen, zusammengebrochen. Dies beweist unweigerlich, dass unsere gesamte Wirtschaft in erster Linie (das heisst nicht ausschliesslich, sondern überwiegend und zu einem sehr grossen Teil) auf dem Kauf und Verkauf von Gütern und Dienstleistungen aufgebaut ist, die wir nicht wirklich brauchen. Und dabei haben wir unseren Lebensraum verwüstet, unsere natürlichen Ressourcen ausgebeutet, vielen Menschen unermessliches Leid zugefügt und das Aussterben zahlreicher anderer Arten verursacht.

Sind wir völlig verrückt geworden? Ist es für uns alle nicht an der Zeit, aus dieser lächerlichen Verleugnung aufzuwachen und neu zu starten, unsere Kräfte zu bündeln und mit dem Aufbau einer neuen Welt zu beginnen? Eine Welt, die es wert ist, an künftige Generationen weitergegeben zu werden.


Niels Lan Doky ist ein international anerkannter dänischer Musiker und Komponist. Er wurde 1963 als Sohn einer dänischen Mutter und eines vietnamesischen Vaters in Kopenhagen geboren. Er spielte zunächst Gitarre, wechselte aber mit 11 Jahren zum Klavier. Im Alter von 15 Jahren begann er mit Thad Jones zu arbeiten. In den 1980er-Jahren besuchte er das Berklee College of Music. Bis heute hat er als Leader 42 Alben veröffentlicht und mit Niels-Henning Ørsted Pedersen, John Scofield, Gino Vannelli, Pat Metheny, Joe Henderson, Michael Brecker, David Sanborn, Ray Brown, Woody Shaw, Charlie Haden, John McLaughlin und vielen anderen zusammengearbeitet. Im Jahr 2010 wurde er von der dänischen Königin zum Ritter geschlagen. Sein jüngstes Album heisst «River of Time».


Bisherige Texte von: Rudi BogniRolf BanzWerner VogtWalter WittmannAlfred Mettler, Robert HolzachCraig MurrayDavid ZollingerArthur BolligerBeat KappelerChris RoweStefan GerlachMarc Lussy, Nuno FernandesRichard EggerDieter RuloffMarco BargelSteve HankeUrs Schoettli, Maurice PedergnanaStefan Kreuzkamp, Oliver BussmannMichael BenzAlbert Steck, Martin DahindenThomas FedierAlfred MettlerBrigitte Strebel, Mirjam Staub-Bisang, Thorsten PolleitKim IskyanStephen DoverDenise Kenyon-RouvinezChristian DreyerKinan Khadam-Al-JameRobert HemmiAnton AffentrangerYves Mirabaud, Hans-Martin KrausGérard Guerdat, Mario BassiStephen ThariyanDan SteinbockRino BoriniBert FlossbachMichael HasenstabGuido SchillingWerner E. RutschDorte Bech VizardAdriano B. LucatelliKatharina BartMaya BhandariJean TiroleHans Jakob RothMarco Martinelli, Thomas Sutter, Tom King, Werner PeyerThomas KupferPeter Kurer, Arturo Bris, Frédéric Papp, James Syme, Dennis Larsen, Bernd Kramer, Marionna Wegenstein, Armin JansNicolas Roth, Hans Ulrich Jost, Patrick Hunger, Fabrizio QuirighettiClaire Shaw, Peter FanconiAlex Wolf, Dan Steinbock, Patrick Scheurle, Sandro Occhilupo, Will Ballard, Michael Bornhäusser, Nicholas Yeo, Claude-Alain Margelisch, Jean-François Hirschel, Jens Pongratz, Samuel Gerber, Philipp Weckherlin, Anne Richards, Antoni Trenchev, Benoit Barbereau, Pascal R. Bersier, Shaul Lifshitz, Ana Botín, Martin Gilbert, Jesper Koll, Ingo Rauser, Carlo Capaul, Markus Winkler, Konrad Hummler, Thomas Steinemann, Christina Böck, Guillaume Compeyron, Miro Zivkovic, Alexander F. Wagner, Eric Heymann, Christoph Sax, Felix Brem, Jochen Möbert, Jacques-Aurélien Marcireau, Peter Hody, Ursula Finsterwald, Claudia Kraaz, Michel Longhini, Stefan Blum, Zsolt Kohalmi, Karin M. Klossek, Nicolas Ramelet, Søren Bjønness, Lamara von Albertini, Andreas Britt, Gilles Prince, Darren Williams, Shanu Hinduja, Salman Ahmed, Stéphane Monier, Peter van der Welle, Beat Wittmann, Ken Orchard, Michael Welti, Christian Gast, Didier Saint-Georges, Jürgen Braunstein, Jeffrey Vögeli, Gérard Piasko, Fiona Frick, Stefan Schneider, Matthias Hunn, Andreas Vetsch, Teodoro Cocca, Mark Hawtin, Fabiana Fedeli, Marionna Wegenstein, Kim Fournais, Carole Millet, Ralph Ebert, Lars Jaeger, Swetha Ramachandran, Brigitte Kaps, Thomas Stucki, Teodoro Cocca, Neil Shearing, Claude Baumann, Guy de Blonay, Tom Naratil, Oliver Berger, Robert Sharps, Santosh Brivio, Tobias Müller, Florian Wicki, Jean Keller und Fabrizio Pagani.