Vom Nachbarn kennt er eigentlich nur das Pissgeräusch, man hört ihn Pornos schauen

2. Teil der siebenteiligen Reportage «Banker unter Tage», von Hannes Grassegger.

Nachts ist in Perth die Hölle los. Weil die Mineure ihr Geld verfeiern. Zurückkommen vom Schichtbetrieb, fly in – fly out, endlich heraus aus den Wellblech-Wohncontainern, ab unter die Leute, eine Woche, um 4000, 6000, 8000 Dollar rauszuhauen. Erste Station: am Swan River auf die Holzplanken ins «Lucky Shag» – deutsch: Glücksfick. Hier sind kleine Flat-Screens in der Wand über den Pissoirs eingelassen, damit man die Pferderennen nicht verpasst, so schick ist das. Bier? Neun Australische Dollar (7 Euro, 9 Franken). Hier treffen die Perther Ladys mit den ballkleidartigen Fetzen die kurzhaarigen Stiernacken mit den kräftigen Oberkörpern in engen Van-Dutch-Shirts. Mineure essen grosse Burger, Krabben und fleischige «Caesar»-Salate. Runden werden geschmissen. Paddy aus Irland raucht eine Zigarette – Schachtel 15 Dollar – und mag es, dass er sich jetzt alles leisten kann. «Ich meine alles. Wenn ich einen Banker sehe, weiss ich, ich habe genauso viel Cash wie er. Wenn ich ein Steak sehe, und das kostet 130 Dollar, dann sag ich fuck, yeah. Ich gehe nach Bali, Thailand, fucking Europa, wenn ich sieben Tage frei habe. Zehn Jahre Mine, und du hast alles. Du sagst deiner Frau: Ich kann mir in der Stadt sechs Tage die Woche den Arsch abarbeiten, und es bringt uns nirgendwohin. Oder ich gehe zehn Jahre Up North und dann haben wir alles, was wir wollen. End of Story.» Er tätschelt Fiona in rosa Seide am Hintern. «Ich habe ein viel sozialeres Leben als vorher als Arbeiter. Facebook in der Mine? Fuck it. Porno und Youtube!» Sein Kumpel Fred, der auch aus Irland kam, um Geld zu machen, nickt, schaut mir in die Augen und sagt, Minen seien nix für Schwuchteln. Dann streicht er sich über die Glatze, streckt den Oberkörper durch, Daumen in die Gürtelschleifen, auf den Fussspitzen wippen. Die meisten Mineure sind Singles.

Später gehts an die Meile, nach Northbridge. Fast wie St. Pauli. Am Elephant Pub bildet sich eine Schlange. Türsteher machen eine Passkopie, noch ein Foto – und dann ist man unter Hunderten von Kumpeln, die gerade zusammen «Macho Man» von den Village People mitsingen. Überall Bier. Kein Champagner, sondern Whiskey Cola aus dem Hahn.

In Perth spüre man Boom, nicht Krise, weil man auf der richtigen Seite der Welt liege, findet Felix. Europa, die USA, sind weit genug weg. «Wir spüren einfach, wie die Chinesen kommen. Und alles andere spüren wir nicht.» Wir fahren durch Strassen voller Hipster, die in schicken Cafés sitzen und zwischen Weihnachtsshoppen und Promenieren den Freitagabend-Kater ausklingen lassen. Bald wird der Einzelhandel in Perth Rekordergebnisse vermelden. Zwei Ferraris überholen uns.

Im Donga, dem Wellblech-Wohncontainer, ist es dunkel, aber Sammy wird jedes Mal durch das Prasseln der Pisse seines Nachbarn geweckt. Der geht jetzt ins Bett. Noch mal Pinkeln. Um halb fünf. Die Wände der Dongas sind dünn. Vom Nachbarn kennt er eigentlich nur das Pissgeräusch. Man hört ihn Pornovideos schauen. Aber man selber ist ja nicht besser. Stimmt’s Sammy? Bald ist Schichtbeginn. «Guten Morgen, Herr Ingenieur», flüstert Sammy sich zu, «bald ist’s vorbei.» Die Klimaanlage über dem Bett rauscht. Finger über die Schreibtischfläche gleiten lassen im Rausgehen. Nur ein bisschen roter Staub. Über die Rasenfläche ins Fitnesscenter. Halb in Trance. Es ist noch dunkel. Jeden Tag die gleichen Fressen. Axe-Deo. Männerfüsse. Dusche. Leuchtendgelbe Schutzkleidung an. Stahlkappenschuhe. Helm. Schutzbrille. Rüber in die Dry-Mess. Frühstück aus der Kantine. Richtig luxuriös, mit allem, was man will. Alles gratis. Die Glotze läuft durch. Übertönt fast das konstante Wummern der Mine. Der Laster und der Bagger und der Bohrer und das Laufband und der Crusher. Die Mine unter dem australischen Sternenhimmel. 24/7 immer weiter, immer tiefer. Eisenerz aus der Ader kratzen. Keine SMS von Anne. Empfang ist da, aber schwach. Die Pilbara, Up North von Perth aus, ist ein entlegener Fleck.

 


 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Magazines REPORTAGEN.

REPORTAGEN ist das Ende Oktober 2011 neu lancierte deutschsprachige Magazin, das sich ausschliesslich auf Reportagen fokussiert: Sechs Mal pro Jahr erzählen herausragende Autoren und Autorinnen unerhörte Geschichten aus aller Welt. Erhältlich in Buchhandlungen und am Bahnhofskiosk.

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