30 Minuten Mittagspause - Snack reinschieben am Parkplatz

7. und letzter Teil der Reportage «Banker unter Tage», von Hannes Grassegger.

Open Pit, die Sonne scheint, wirft Streiflicht im Staub. Die können noch so viel wässern mit ihren Trucks, es geht doch immer was in die Luft. Punkt zwölf die Explosionen. Dann kommen die Bagger. Zurück ins Office, Proben anschauen. Risk Assessment. Felsstürze. Neue Strassen auffahren, neuen Risikoplan anfertigen. Irgendjemand muss den Überblick bewahren. Primitiv ist das alles nicht. In der Mine fahren Caterpillar-Trucks, sieben Meter hoch, Ladung 500 Tonnen. Riesensteuerrad. Vier Millionen Dollar teuer. Vier-Meter-Reifen. Ein Reifen kostet über 30 000 Dollar. Das erste Mal in dieser Landschaft kommt man sich vor wie in einem Science-Fiction. Am Rand des Pits liegen die Gleise. Die Züge, die von hier Richtung Norden fahren, haben 234 Anhänger, sind 2,4 Kilometer lang. 112 Tonnen hochgradiges Eisenerz pro Anhänger. Verdienst pro Tonne 80–100 Dollar. Alle fünf Stunden fährt ein Zug.

«Wie ich hierhin gekommen bin?» Bob, der Ex-Banker, lacht. Er trägt ein Poloshirt von Ralph Lauren, den Kragen im Genick hochgeklappt. Am Handgelenk ist eine dieser massiven metallenen Uhren. «Ja, ich habe studiert.» Accounting an der renommierten Sydney-Uni. «Yeah. Yeah», sagt er gequält. «Davon habe ich im Vorstellungsgespräch für den Minenjob aber nichts gesagt. Das hätte nichts gebracht. Dass ich früher nachts Taxi gefahren bin, hat sie überzeugt.» Nach dem Studium arbeitete Bob für eine Merrill-Lynch-Tochtergesellschaft. Bis zur Finanzkrise verkaufte der damals 27-Jährige als Projektmanager Immobilien-Kredite. Vor allem an Leute, die sich eigentlich gar keine Häuser leisten konnten. «Ich habe genau das gemacht, was die Krise in den USA ausgelöst hat.» Bob lacht. Als er sich selbständig machen wollte, brach der Markt zusammen. Bob begann von vorne, suchte sich einen Job in der Tourismus-Branche, verkaufte Reisen, stieg langsam auf. Das Gehalt reichte nicht so weit, denn Bob hat monatlich fast 3000 Dollar abzuzahlen. «Mein eigenes Haus. Der australische Traum.»

Die Last des Kredits lag ihm im Nacken. Die Familie seiner Frau sei aus Singleton. Sie hätte ihm von den Chancen in der Minenindustrie erzählt. Jetzt macht er einen zwölfmonatigen Traineejob, lernt Maschinen bedienen. Nach einer solchen Testphase wüssten die Minenunternehmen, wer sich für eine Festanstellung eigne. So komme man hinein. «Die wollen nicht jeden.»

Also Cheers. Sammy lacht noch einmal über die Austern, die an Weihnachten in die Wüste eingeflogen wurden. Immerhin kostet das Bier in der Wet-Mess nur einsachtzig. Ob die anderen hier rauskommen? Es ist ein Teufelskreis. Die Jungs entwickeln echt krasse Hobbys. Eigentlich kommen die ja in die Mine, um ihr Haus abzubezahlen. Und dann, nach zwei Wochen Arbeit im Dreck, kommt man zurück in die Stadt und will sich was Gutes tun. Was die für Ferien ausgeben, oh Mann. Dicke Harleys, V8-Flitzer, Kitesurfen. Yachten kaufen. Die kommen gar nicht zum Hausabzahlen. Gleichzeitig verlierst du den Kontakt mit Leuten, die nicht mitmachen. Mit deiner Familie. Draussen geht ja das Leben weiter. Da kannst du nicht mithalten. Also weitermachen.

Lebensentwürfe wie jener von Rob sind keine Ausnahmen. Die Sogwirkung der Rohstoffbranche hat das Land ergriffen. Die Bergbauindustrie hat innerhalb der letzten zehn Jahre ihre Belegschaft in Australien verdoppelt, nach Angaben des Australischen Bureau of Statistics auf etwa 220 000 direkt angestellte Mitarbeiter. Die Rohstoffbranche erwirtschaftet zwar 10 Prozent des Bruttoinlandproduktes, beschäftigt landesweit aber lediglich 1,7 Prozent der Arbeitnehmerschaft. Doch derzeit suchen Recruiting-Büros geeignete Bewerber. Die Jahreslöhne von durchschnittlich 120 000 Dollar liegen im Minensektor weit über dem Landesschnitt von 65 000.

Der Boom wird anhalten. Neue Projekte im Wert von einer halben Billion australischer Dollar sind geplant. Schon jetzt betragen die Rohstoffexporte etwas mehr als die Hälfte aller Exporte Australiens.

Doch die wirkliche Umorientierung des Landes bemerkt man nicht in Statistiken. Es sind die gesellschaftlichen Konsequenzen. Sozialwerke klagen über die Effekte des Fly-In-Fly-Out-Lebensstils. Familien zerbrächen an der ungewohnten Rollenteilung, wenn die Familienväter einmal alle vier Wochen auftauchten und plötzlich den Anspruch stellten, im Alltag notwendig zu sein. Mieten für einfache Drei-Zimmer-Appartments in entlegenen Rohstoff-Regionen betragen bis 2000 Dollar die Woche. Unerreichbar für jene, die nicht direkt von den Minen profitierten.

Der Wandel, der sich von der Wirtschaft über die Politik ins Private zieht, hat längst die Werteebene erreicht. Früher einmal gab es in der ehemaligen Strafgefangenenkolonie Australien ein egalitäres Ideal. Das «Tall Poppy»-Syndrom bezeichnet eine gesellschaftliche Ablehnung, die all jenen entgegenschlug, die herausstehen wollten. Heute sind nicht nur Yachten und teure Autos akzeptiert, blühen nicht nur in Sydney und Perth die Luxusbars auf – es regt sich auch niemand über die enormen Profite und Löhne in der Rohstoffbranche auf. «Wofür Banker traditionell angegriffen werden, scheint bei Mineuren einfach durchzugehen», wundert sich auch Paul Cleary.
Australien ist das erste westliche Land, das im asiatischen Jahrhundert offensichtlich beginnt, sich neu zu verorten. Noch vor wenigen Monaten sorgte es für einen öffentlichen Aufschrei, als ein bekannter Rohstoffunternehmer davon sprach, dass sich Australien an Moçambique zu messen habe. Gemeint war die Wettbewerbsfähigkeit punkto Preis und Qualität der Kohle, die beide Länder produzieren. Mittlerweile gewöhnt man sich an solche Vergleiche.

«Die Geschwindigkeit des Wandels wird immer grösser», sagt Felix aus Perth. Er sei ein Konservativer und spare zur Sicherheit ein bisschen.

Aber wahrscheinlich ist der Wandel unaufhaltbar, sosehr Paul Cleary, der grösste Skeptiker des Superbooms, auch dagegen ankämpfen mag. Es gibt einen ganz einfachen Gedankengang, der den Wertewandel erklärt.

In den 1980ern und 1990ern, als Australien nach langer Stagnation erkannte, dass es sich wirtschaftlich öffnen musste, um mit den anderen entwickelten Ländern mitzuhalten, da ging es um Hightech. Bis zur Jahrtausendwende waren die entwickelten Länder die wichtigsten Handelspartner, denn diese erwirtschafteten zwei Drittel des globalen Wachstums. Serviceindustrie und Forschung – dort lag der Profit. Nun, zu Beginn dieses Jahrzehnts aber erwirtschaften die Entwicklungsländer zwei Drittel des globalen Wachstums: Fünf Milliarden Menschen in Asien, Südamerika und Teilen Afrikas warten darauf, den Sprung in die Mittelklasse zu machen. Was nichts anderes als Verstädterung und Industrialisierung bedeutet. Diesen fünf Milliarden Menschen sind Stahl und Eisen ungleich wertvoller als Softwarelösungen. Und gegen diese Industrialisierung der fünf Milliarden ist jede vorangegangene Industrialisierung nur ein sanfter Anklang. «Fuck the Future», das könnte auch die schmerzhafte Einsicht des studierten Sinologen Kevin Rudd sein, dass sein Land nicht zu dem wird, was er sich einst erträumt hatte, sondern zu einem Volk von Hightech-Gräbern, die den Superboom füttern.

«Have Fun in Neverland» liest Sammy auf dem Abschiedsbrief, dem ihm seine Kollegen aus der Mine mitgegeben haben. «Hey Mates.» Gestern wurde nochmals so gesoffen wie in der guten alten Zeit. Der Pick-up rast über die rote Schotterpiste. Der Verkehr hier im Niemandsland ist heftig. So sterben wohl die meisten Mineure, übermüdet nach zehn Stunden Flug, bei der Weiterfahrt, in der Kurve. So staubt man die meisten Backpacker ein. Unter dem blauen 180-Grad-Himmel zieht das rote Gestein mit dem schönen, hellgrünen, stachligen Spinifex-Gras vorbei. In der Mine gab es gar nichts Grünes. Die Blätter an den Büschen sehen echt nicht gut aus. Hm. Erstmal schauen, wie ich das mit Anne wieder hinkrieg, wenn ich zu Hause in Fremantle bin. Das war Fantasyland in der Mine. Eigentlich fängt jetzt die Zukunft an.

 

Den ganzen Text inklusive Illustrationen und Glossar können Sie kostenlos als PDF herunterladen.


 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Magazines REPORTAGEN.

REPORTAGEN ist das Ende Oktober 2011 neu lancierte deutschsprachige Magazin, das sich ausschliesslich auf Reportagen fokussiert: Sechs Mal pro Jahr erzählen herausragende Autoren und Autorinnen unerhörte Geschichten aus aller Welt. Erhältlich in Buchhandlungen und am Bahnhofskiosk.

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