Fünf Fragen zur Beurteilung von Evergreen-Fonds

Bei Evergreen-Fonds rückt nicht mehr der Zugang, sondern zunehmend die Fondsarchitektur in den Fokus. Anlass war das erste Quartal 2026, als Verkaufsanträge von über 10 Milliarden US-Dollar auf Evergreen-Fonds im Private Credit trafen. Einzelne Manager beschränkten Rücknahmen, andere bedienten sie vollständig. Ausschlaggebend waren Unterschiede in der Fondsstruktur. Das Investment-Team von HarbourVest hat für den Einstieg in einen Evergreen-Fonds einen fünfstufigen Leitfaden zusammengestellt.

1. Wie setzt sich die Anlegerbasis zusammen?

Entscheidend ist, welche Investoren zeitgleich Rücknahmen verlangen könnten. Fonds, die nahezu ausschliesslich über den Wealth-Kanal gewachsen sind, waren besonders exponiert: Ihre Anleger folgen häufig denselben Empfehlungen und handeln entsprechend korreliert. Eine diversifizierte Basis mit institutionellem Anteil wirkt stabilisierend, da Zu- und Abflüsse zeitlich variieren. Langfristig gebundenes Kapital verbessert die Planbarkeit in Stressphasen.

2. Welche Liquiditätsquellen stehen nach einem Gate zur Verfügung?

Ein Gate verschafft Zeit, ersetzt aber kein tragfähiges Liquiditätskonzept. Relevant sind vier Elemente: auf Stressszenarien ausgelegte Liquiditätsreserven, auch in Marktschwäche verfügbare Kreditlinien, ein Portfolio mit eigenständigen Rückflüssen sowie die Möglichkeit, Positionen nahe am fairen Wert zu veräussern. Besonders die letzten beiden Faktoren sind wichtig: Secondaries generieren in der Regel früher und regelmässiger Rückflüsse als andere Anlageklassen.

3. Hat das Wachstum die Anlagedisziplin beeinflusst?

Rasch wachsende Anlageklassen sind zunehmendem Wettbewerb und Investitionsdruck ausgesetzt, was Qualitätsstandards aufweichen kann. Überzeugend sind Manager, die bei begrenztem Angebot zurückhaltend investieren, auch wenn dies kurzfristig als Nachteil erscheinen mag. Ein Indikator ist das Verhältnis von geprüftem Dealflow der Plattform zu tatsächlichen getätigten Investitionen: Eine niedrige Quote spricht für Selektivität, eine hohe stellt sie eher in Frage.

4. Reagiert die Bewertung zeitnah auf Marktveränderungen?

Bei Closed-End-Fonds dient die Bewertung primär der Berichterstattung, bei Evergreen-Fonds bestimmt sie den Transaktionspreis. Anfang 2026 wurden Bewertungen teils deutlich angepasst: Ein Manager reduzierte den Nettoinventarwert (NAV) um 19 Prozent, ein anderer bewertete die Verbindlichkeit eines Softwareunternehmens mit rund 78 Cent pro Dollar. Kritisch sind verzögerte Anpassungen: Bereits ein Quartal Verzögerung kann dazu führen, dass Anleger zu überhöhten Preisen ein- oder aussteigen.

5. Profitiert die Strategie von Marktverwerfungen oder ist sie anfällig dafür?

Das Verhalten einer Strategie sollte zum Liquiditätsversprechen des Fonds passen: Während manche Strategien in Marktverwerfungen zusätzliche Opportunitäten finden, geraten andere genau dann unter Druck, wenn die Rücknahmen steigen. Dadurch können sich Aktiv- und Passivseite gleichzeitig verschlechtern. Hinzu kommt die strukturelle Prozyklizität von Evergreen-Fonds, die sich durch Struktur und Governance zwar abschwächen, aber nicht vollständig beseitigen lässt.

Fazit: Was sich aus den Stresstests 2026 ableiten lässt

Die fünf Fragen bilden einen Ausgangspunkt für die Beurteilung von Evergreen-Fonds, ersetzen aber keine umfassende Analyse. Der erste echte Stresstest der Evergreen-Architektur dürfte nicht der letzte gewesen sein. Widerstandsfähig waren nicht zwangsläufig die Fonds mit den besten Anlagen, sondern jene, bei denen Kapitalbasis, Liquiditätsinstrumente, Anlagedisziplin, Bewertungsprozess und Strategie auch unter Druck ineinandergreifen und nicht nur in ruhigen Marktphasen funktionieren.

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