«Nur wenige Schweizer Banken haben eine klare IT-Strategie»

Banken müssen mehr Geld für Technologie aufwenden. Doch Schweizer Finanzinstitute tun sich wesentlich schwerer damit als die Konkurrenz im Ausland. Warum?

Die Schweizer Bankenbranche hat sich ihren Ruf nicht erschaffen, indem sie besonders innovativ war. Das sollte sie ändern, denn Innovationen – das heisst Investitionen in Technologie und IT-Systeme – sind zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor geworden.

Martin Engdal 160Diese Feststellung ist nicht neu, aber sie hat je länger je mehr Gültigkeit. Branchen-Insider und IT-Spezialisten wie Martin Engdal (Bild links) vom global tätigen Softwareunternehmen Advent stellen gerade unter Schweizer Privatbanken Versäumnisse und zögerliches Verhalten fest. «Im Vergleich zum Beispiel zu Wealth Managern in den USA stellen wir fest, dass nur sehr wenige Schweizer Banken überhaupt eine klare IT-Strategie für das Kundengeschäft haben», sagt Engdal im Gespräch mit finews.ch.

Goldman Sachs wandelt sich

In den USA geht mit Goldman Sachs die traditionsreichste Investmentbank über, sich in ein Technologieunternehmen zu wandeln. US-Banken stecken in den vergangenen zwei Jahren einen wachsenden Anteil ihrer IT-Ausgaben in Innovationen, welche allein dazu dienen, die Kundenzufriedenheit zu steigern: Apps, Multi-Channeling, Kommunikation, digitale Dienstleistungen.

Währenddessen hat das Beratungsunternehmen Ernst & Young in seinem «Global IT in Wealth Management Survey» festgestellt, dass Schweizer Privatbanken ihre IT-Budgets in erster Linie dafür verwenden, den Betrieb aufrecht zu erhalten und Compliance-Standards zu treffen.

Immerhin: Der Innovations-Anteil ist von 2010 bis 2013 von 33 auf 37 Prozent angestiegen. In Singapur liegt laut Ernst & Young dieser Anteil hingegen bei 45 Prozent, Luxemburg bei 41 Prozent.

Zeit und Nerven

Dass die Banken mittels digitalen Dienstleistungen und Kommunikationskanälen näher an den Kunden müssen, ist zurzeit in aller Munde. Denn Kundenzufriedenheit ist ein Schlüssel zu höheren verwalteten Vermögen und zu mehr Transaktionen. Zudem lassen sich mittels guten IT-Systemen Kosten sparen und Risiken minimieren – alles positive Effekte für die Profitabilität einer Bank.

Advent hat nun in einer Studie festgestellt, dass hohe Technologiestandards in Privatbanken nicht nur die Kundenzufriedenheit erhöhen, sondern auch die Zufriedenheit der Kundenberater. Veraltete und komplizierte IT-Systeme kosten nämlich Zeit und Nerven und erhöhen die Fehleranfälligkeit.

Gute Plattformen ziehen gute Leute an

Engdal fasst es so zusammen: «Technologisch hochstehende IT-Plattformen sind somit auch ein wichtiger Faktor für Banken geworden, gutes Personal anzuziehen und zu behalten.»

Die Umfrageergebnisse belegen dies: 76 Prozent der befragten Kundenberater sagten, eine schlechte IT-Plattform könne ein wichtiger Grund sein, den Arbeitgeber zu wechseln. Und 73 Prozent gaben an, bei einem Wechsel würden sie die Qualität der IT-Plattform des künftigen Arbeitgebers einer vertieften Prüfung unterziehen. Jeder vierte Berater hält die Plattform seiner Bank für ungenügend, um bestehende Kunden zu bedienen und neue Kunden zu akquirieren.

Ineffiziente und veraltete Systeme

Die Studie gibt weitere Beispiele, wie ineffizient veraltete IT-Systeme sind: Annähernd die Hälfte aller befragten Kundenberater muss auf drei oder mehr IT-Systeme zurückgreifen, um für einen Kunden das Jahresreporting zu erstellen. Entsprechend sei auch viel «Handarbeit» involviert, was erstens unnötig viel Zeit koste und zweitens eine potenzielle Fehlerquelle darstelle.

Diese Ergebnisse der Advent-Umfrage seien zwar auf Grund einer reinen Schweizer Umfrage entstanden, so Engdal. Aber der Marktspezialist des Softwareunternehmens meint aufgrund seiner zahlreichen Kundenkontakte in der Schweiz, dass die hiesigen Banken im Vergleich zu den internationalen Mitbewerbern in Bezug auf eine innovative IT-Strategie eher konservativ seien.

Das schadet der Kundenbeziehung

Tatsächlich sind in vielen Privatbanken die traditionellen Strukturen eines Back-Office, eines Front-Office mit der Kunden- und Anlageberatung noch physisch verankert, während innovative Plattformen Funktionen, Abläufe und Datenmanagement vernetzt abbilden.

Vernetztheit und «alles aus einem Guss» stellt wiederum für den Kontakt und die Kommunikation mit den Kunden eine Notwendigkeit dar. Denn diese haben aufgrund von Internet und Echtzeit-Marktdaten vielfach einen Informationsvorsprung gegenüber ihrem Kundenberater. Das ist für beide Seiten unbefriedigend, schadet der Kundenbeziehung – und dem Geschäft.

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Temenos

Die staatliche ägyptische Housing and Development Bank, einer der grossen Hypotheken-Institute im nahöstlichen Land mit 1,5 Millionen Kunden, ist auf das Kernbanken-System von Temenos migriert. Der Genfer Bankensoftware-Hersteller wurde dabei von der ägyptischen Partnerfirma Masaref unterstützt.

Finma

Die Eidgenössische Finanzaufsicht revidiert ihre Anforderungen an die externe und interne Auslagerung von Bankdiensten. An systemrelevante Banken werden für die Auslagerung kritischer Dienstleistungen nochmals erhöhte Anforderungen gestellt.

UBS

Die Grossbank muss nach einem Entscheid der amerikanischen Finanzbehörde Finra weitere 18,5 Millionen Dollar an Investoren in Puerto-Rico-Anleihen zahlen. Nach hohen Verlusten auf den Papieren sieht sich die Bank nicht abreissen wollenden Forderungen ausgesetzt. Laut Medienberichten ist dies die höchste Einzelzahlung, welche die UBS in dem Fall bisher leistete.

Gottex

Der angeschlagene Vermögensverwalter Gottex will den Nennwert seiner Aktien von 1 auf 0,10 Franken senken. Darüber sollen die Aktionäre am 30. Dezember an einer ausserordentlichen GV befinden. Das Unternehmen hat erst kürzlich die zweite Runde einer Rekapitalisierung abgeschlossen.

Generali

Im Verlaufe des Jahres 2017 werden zentrale Funktionen von Generali Schweiz in Adliswil ZH zusammengeführt. Dazu werden rund 100 Stellen aus Nyon VD dorthin verschoben, wie auch finews.ch berichtete. Nun hat der Versicherer ein Konsultations-Verfahren eröffnet. Die gewählte Arbeitnehmer-Vertretung startet umgehend mit den Arbeiten.

Bellevue

Der BB Healthcare Trust ist an der London Stock Exchange mit einem Volumen von 150 Millionen Pfund gelistet. Der erste Handelstag ist der 2. Dezember. Portfoliomanager des Trusts ist Bellevue Asset Management.

Acron

Die auf Immobilieninvestments spezialisierte Acron hat den Kauf des projektierten Sheraton Fisherman‘s Wharf Hotels im kalifornischen San Francisco abgeschlossen. Das gesamte Investitionsvolumen bewegt sich im mehrfachen, dreistelligen Millionenbereich und stellt damit das bisher grösste Einzelinvestment der Acron-Gruppe dar.

Raiffeisen

Die beiden Raiffeisenbanken Fulenbach-Murgenthal-Langenthal und Oberes Gäu-Aare haben sich für einen Zusammenschluss entschieden. Die neue Raiffeisenbank soll unter dem Namen «Raiffeisenbank Aare-Langete» auftreten.

Schroder

Schroder Real Estate hat drei Schweizer Geschäftsimmobilien für den kotierten Immoplus-Fonds erworben. Die Transaktion bringt das Fondsvermögen auf rund 1,5 Milliarden Franken. Das Portfolio hat Rockspring Investment Managers verkauft. Es handelt sich dabei um vollständig vom «Do it yourself»-Spezialisten Hornbach Baumarkt gemietete Liegenschaften.

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