Über die Kunst, gute Fragen zu stellen

In der Debatte über Bankenregulierung sind nicht nur die Antworten wichtig, sondern auch die Fragen. Manchmal sind sie sogar wichtiger, schreibt Markus Staub von der Bankiervereinigung.

Markus Staub SBVMarkus Staub ist Leiter Bankenpolitik und Bankenregulierung bei der Schweizerischen Bankiervereinigung.

In der Septemberausgabe von «NZZ Folio» wird über eine eindrückliche Serie von Experimenten berichtet, mit denen um 1980 Studien in verschiedenen Ländern den Lernerfolg von PrimarschülerInnen im Fach Mathematik untersuchten. Pikanterweise versuchten diese regelmässig auch unlösbare Aufgaben zu «lösen», indem sie vorhandene Zahlen in absurder Weise zu einer vermeintlichen Lösung verrechneten.

Frage: «Ein Hirte hat 125 Schafe und 5 Hunde. Wie alt ist er?»

Antwort: «125 und 5 ist 130, das ist ein bisschen zu gross, und 125 weg 5 ist 120, das ist immer noch zu gross, aber 125 durch 5 geht ... ich glaube, er ist 25 Jahre alt.»

Dieser Antwort kann man immerhin noch den Versuch einer Plausibilisierung zugute halten, hingegen ist das Fehlen einer kritischen Distanz zur Frage erschreckend. Aus bildungspolitischer Perspektive noch schlimmer erscheint die Tatsache, dass der Anteil der Kinder, die sinnlose Antworten auf absurde Fragen gaben, über mehrere absolvierte Schuljahre sogar zunahm!

Wie alt ist ein 27 Jahre alter Hirte?

Systematisch stellte sich heraus, dass die grosse Mehrheit von Schulkindern die Angaben aus der Aufgabenstellung auf unzulässige Art kombinierte, um die unlösbare Fragestellung irgendwie zu beantworten.

Auf der einen Seite haben diese Befunde natürlich Unterhaltungswert, auf der anderen sind sie alarmierend. Höhepunkt waren schliesslich Fragen, welche die Antwort offensichtlich bereits enthielten: «Ein 27 Jahre alter Hirte hat 25 Schafe und 10 Ziegen. Wie alt ist der Hirte?» Sogar solche Aufgaben wurden unsinnig angegangen.

Und jetzt? Was hat das mit Bankenregulierung zu tun?

Ich ziehe drei Schlüsse:

  • Erstens, zu den Fragen: Sie können irreführend sein, vor allem wenn Suggestivfragen als normale Fragen getarnt sind. «Wie können wir das Bankensystem in Zukunft sicher machen und Systemrisiken vermeiden?» Diese Frage beispielsweise täuscht darüber hinweg, dass vollständige Systemstabilität weder möglich ist – noch aufgrund der damit verbundenen Kosten überhaupt ökonomisch optimal wäre. Stattdessen haben solche Fragen das Potential, uns bei der Suche nach Antworten von Anfang an in falsche Richtungen zu lenken. Es ist deshalb wichtig, auf der Suche nach regulatorischen Antworten auch die Fragen zu hinterfragen – und gegebenenfalls als verfänglich zu entlarven.
  • Zweitens, zu den Antworten: Wir müssen verhindern, einfach vorhandenes Wissen in abstruser Weise zu Schein-Antworten zu verwursten. Wenn wir nur die Anzahl Schafe und Ziegen kennen, ist es sinnlos, über das Alter des Hirten zu spekulieren. Wenn in der politischen Diskussion voreilig Antworten in Form von Massnahmen und Wundermitteln gegeben werden, wäre häufig zunächst eine Debatte über die verfolgten Zielsetzungen beziehungsweise zu beantwortenden Fragen wünschbar. Die aktuelle Diskussion um Trennbanken und Eigenhandel beispielsweise lässt aus meiner Sicht bisher eine klare Fragestellung beziehungsweise einen tragfähigen Konsens über die Ziele vermissen. Unter Regulierungs-Ökonomen kursiert der Witz: «Capital is the answer. But what exactly is the question?».
  • Und schliesslich drittens: Das Ausprobieren möglicher Lösungen («125 und 5 ist ein bisschen zu gross») hat den Sex-Appeal der Plausibilisierung. Als Methode zur Kalibrierung regulatorischer Vorgaben ist es hingegen ein bisschen dürftig – und überdies gesamtwirtschaftlich riskant. So hoffe ich zum Beispiel, dass bei der Festlegung der Parameter für die neue Liquiditätsregulierung nicht nur ausprobiert wird.

Übrigens: Inspiration der erwähnten Experimente bildete angeblich ein Brief des Schriftstellers Flaubert an seine Schwester: «Weil du gerade Geometrie und Trigonometrie machst, will ich dir eine Aufgabe geben: Ein von Boston kommendes, mit Baumwolle beladenes Schiff von zweihundert Registertonnen segelt also nach Le Havre; der Grossmast ist zerbrochen, auf der Back befindet sich ein Schiffsjunge, zwölf Passagiere sind an Bord, der Wind steht Ostnordost, die Schiffsuhr zeigt Viertel nach Drei am Nachmittag, und es ist Mai ... Wie alt ist der Kapitän?»

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Die Ratingagentur Fitch hat das Rating für Finanzstärke für den Rückversicherer Swiss Re mit AA– und den Ausblick mit «stabil» bestätigt. Auch das Langfristrating bleibt mit stabilem Ausblick unverändert bei A+.

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Swiss Life Asset Managers erweitert ihr Immobilienportfolio in Deutschland um das Wohn- und Geschäftshaus Bernsteincarré in Leipzig. Auf 6'500 qm Mietfläche werden Geschäfte, Gastronomie und Büros entwickelt. Hinzu kommen 18 Wohnungen. Das Projekt befindet sich aktuell im Bau, die Fertigstellung ist für 2017 vorgesehen.

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Am 1. Dezember hat der internationale Vermögensverwaltungs-Arm der Genfer Bank Syz eine Niederlassung in München eröffnet. Wie finews.ch exklusiv berichtete, wird die Niederlassung von Michael Schlieper, Region Head Deutschland und Österreich, geleitet.

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Das Dotationskapital der Tessiner Kantonalbank wird massiv von 240 auf 500 Millionen Franken ausgeweitet. Dies teilte der Kanton Tessin als Eignerin des Instituts mit.

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Die staatliche ägyptische Housing and Development Bank, einer der grossen Hypotheken-Institute im nahöstlichen Land mit 1,5 Millionen Kunden, ist auf das Kernbanken-System von Temenos migriert. Der Genfer Bankensoftware-Hersteller wurde dabei von der ägyptischen Partnerfirma Masaref unterstützt.

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