«Die Banken haben in den letzten 500 Jahren gar nichts erfunden»

Harald Nedwed, Chef der Migros Bank, fährt einen Ferrari, trägt aber eine Armbanduhr für 19.90 Franken. Gegenüber finews.ch erklärt er, wie das zusammenpasst, und wieso die Schweizer Banken die neuen Bedingungen im US-Programm nicht annehmen sollten, – und warum ihn die digitale Revolution in der Schweiz an das alte Moskau erinnert.


Herr Nedwed, wie viele zornige Emails von Kunden haben Sie persönlich diesen Monat erhalten?

Ein einziges.

Erstaunlich eigentlich. Die Migros Bank löste jüngst einen Sturm der Entrüstung aus. Sie drohte nämlich, die Wertschriften-Depots von Kunden zu saldieren, die den neuen Depotvertrag nicht unterschreiben würden. Laut dem Vertrag stehen sämtliche Retrozessionen auf Finanzprodukten der Migros Bank zu.

Ich muss relativieren. Nur 2 Prozent von insgesamt 60'000 Depot-Kunden haben noch nicht unterschrieben. Von einem Sturm zu sprechen, ist da ein wenig übertrieben.

Für eine Bank, die Kundenfreundlichkeit im Leitbild nennt, war es trotzdem ein PR-Gau. Sah man das nicht kommen?

Die Direktheit der Kommunikation mag einige verärgert haben. Damit mussten wir rechnen. Aber wir nehmen Änderungen in Standardverträgen lieber explizit vor, als dass wir sie ins Kleingedruckte schmuggeln.


«Der Interessenskonflikt liegt anderswo»


Dabei muss man verstehen, dass es für ein Retail-Institut wie die Migros Bank aus Effizienzgründen zwingend ist, mit Standardverträgen zu arbeiten, um attraktive Konditionen bieten zu können. Wenn jemand diesen Standardverträgen nicht zustimmt, ist eine Geschäftsbeziehung leider nicht mehr möglich.

Aber der Trend geht klar Richtung retrofrei. Warum stemmen Sie sich so dagegen?

Wir hätten tatsächlich den Weg anderer Banken gehen und sagen können: Wir leiten etwaige Retrozessionen an den Kunden weiter – dafür erhöhen wir die Depot-Gebühren. Aber stattdessen bieten wir lieber weiterhin attraktive Konditionen. Für unsere Kunden ändert sich also mit dem neuen Vertrag überhaupt nichts. Und: Der wirkliche Interessenskonflikt liegt auch nach dem Bundesgerichtsurteil über die Retros ganz anderswo.

Wo denn?

Das Retro-Wesen war intransparent, zugegeben. Darum schaffen wir nun mit unserem neuen Depotvertrag Transparenz. Seit dem Urteil droht aber folgende Situation: Die Bankbranche verdient am Vertrieb von Drittfonds nichts mehr – an eigenen Produkten aber 50 bis 100 Basispunkte. Das setzt die Anreize bestimmt nicht in Richtung einer breiteren Auswahl für die Kunden.


«Vieles wird heute ‹Beratungsgebühr› genannt»


Die grössten Banken des Landes – UBS, Credit Suisse und auch die Zürcher Kantonalbank – wollen in der Vermögensverwaltung künftig mit Beratung statt mit Retros Geld verdienen. Ist das so falsch?

Heutzutage wird zwar vieles ‹Beratungsgebühr› genannt. Aber wir sind noch weit von der Situation entfernt, wo der Kundenberater den Taxameter stellt und dann nach Zeit abrechnet. Die heute lancierten Gebührenmodelle richten sich immer noch nach Volumen oder Stückzahlen. Dass Banker wie Anwälte oder Ärzte abrechnen: Das wird sich in der Branche schwer durchsetzen lassen.

Demgegenüber zeigt sich die Migros Bank in anderen Bereichen progressiv. Mit einem speziellen Prozess der Steuerdeklaration werben Sie um US-Kundschaft. Mit Erfolg?

Es hat sich gezeigt, dass die Einführung bei der bisherigen Kundschaft keine Probleme verursachte. Zudem konnten wir auch neue Kunden gewinnen.


«Wir konnten neue US-Kunden gewinnen»


Das sind oftmals Doppelbürger, Expats oder Schweizer, die in den USA arbeiten. Zu konkreten Zahlen geben wir im Moment keine Auskunft. Das ganze Auslandgeschäft ausserhalb der Schweiz und Europas macht bei uns aber weiterhin weniger als 2 Prozent der Kundenvermögen aus.

Anderseits kämpft auch die Migros Bank im US-Geschäft mit der Vergangenheit. Als Kategorie-2-Bank im US-Programm zur Beilegung des Steuerstreits kann sie nicht ausschliessen, Amerikanern bei Steuerdelikten geholfen zu haben. Nun verschärften die US-Behörden die Bedingungen im Programm massiv. Wie reagieren Sie?

Die Bedingungen des «Non Prosecution Agreements» wurden leider allzu restriktiv aufgesetzt. Ein Schweizer Unternehmen darf auf diese neuen Forderungen nicht eingehen, weil es sich sonst in der Schweiz strafbar machen würde. Ich hoffe aber immer noch, dass man einen Weg finden wird.

Insgesamt 73 Schweizer Banken und ihre Anwälte haben dem US-Justizdepartement einen Brief geschickt, um ihre Situation zu erklären. Hand aufs Herz – was nützt das?

Ich kann nicht beurteilen, ob die Amerikaner einen Schritt zurück machen. Die Migros Bank hat alle die geforderten Daten fristgerecht in die USA geschickt. Es wäre schade, wenn das umsonst gewesen wäre.


«Jetzt liegt die Sache auf Eis für uns»


Sie sagen, die Migros Bank sei allen Forderungen fristgerecht nachgekommen. Wann rechneten Sie denn mit einem Abkommen, das Schutz vor Strafverfolgung bietet?

Ursprünglich hatten wir noch dieses Jahr mit einem Abschluss des Verfahrens gerechnet. Jetzt liegt die Sache für uns auf Eis.

Sie stellten bereits Geld für Verfahrenskosten und Bussen zurück. Daran ändern Sie nichts?

Nein.

Eine Busse käme dennoch ungelegen. Letztes Jahr wuchsen die Kosten bei der Migros Bank schneller als der Ertrag, der Bruttogewinn war zuletzt leicht rückläufig. Wie schlagen Sie sich 2014?

Auf der Ertragsseite ist es schwierig, nicht nur im Kommissionsgeschäft, sondern auch im Zinsgeschäft. Wir werden aber in beiden Bereichen wieder steigende Erträge ausweisen – bei stabilen Kosten.

Wie geht das?

Dank unseren neuen Niederlassungen konnten wir unsere Vertriebskraft verstärken und dadurch die Anzahl Kunden und das Geschäftsvolumen vergrössern.


 «Die P2P-Zahlungen sind erfreulich gestartet»


Das erlaubt es uns, dass wir bei unseren ohnehin schon mit knappen Margen kalkulierten Hypothekarkonditionen nicht weitere Zugeständnisse machen müssen. Das unterstützt die Erträge.

Das Zinsengeschäft ist Ihr wichtigstes Standbein, die digitalen Angebote das Neueste. Diesen Juli lancierte die Migros Bank ein System zur Debit-Geldüberweisung von Handy zu Handy. Was erhoffen Sie sich davon?

Grundsätzlich ist es unsere Strategie, Neuerungen um uns herum auch für unsere Kunden nutzbar zu machen. Die Technologie haben nicht wir erfunden – die Banken haben in den vergangenen 500 Jahren gar nichts erfunden.

Aber wir wollen diese Technologien für unsere Kunden nutzbar machen. Insbesondere eine jüngere Generation von Kunden lebt und erledigt viel mit mobilen Geräten. Wenn diese Klientel so auch zahlen will, dann müssen wir den entsprechenden Service bieten.

Und, wie kommt der Service an?

Die neue P2P-Bezahlmöglichkeit zwischen Smartphones ist erfreulich gestartet. Der überwiesene Betrag beläuft sich im Schnitt auf knapp 100 Franken.

P2P-Zahlungen von der Migros Bank, digitale Portefeuilles von PostFinance und die NFC-App von Swisscom: Bei der digitalen Revolution kocht hierzulande jeder sein eigenes Süppchen. Ist das im Angesicht von Giganten wie Google oder Apple nicht fatal?

Ich sehe solche Dienste mehr als Convenience denn als digitale Revolution. Gleichzeitig ist es klar, dass wir vorne mit dabei sein wollen. In dieser Gründerzeit braucht es einen evolutorischen Wettbewerb, bei der sich die beste Lösung dann als Standard durchsetzt.


«Das erinnert mich ans alte Moskau.»


Von Anfang an eine Lösung für die Schweiz etablieren – das erinnert mich mehr ans alte Moskau.

Es gibt ja nicht nur den Zahlungsverkehr, sondern auch den auf der Strasse. Sie ernteten jüngst wieder Häme wegen Ihrer  Vorliebe in der Fortbewegung – fahren Sie Ihren Ferrari noch?

Ich bin ein Technik-Freak. Einen Ferrari, ein tolles Auto, das technisch anspruchsvoll ist, fuhr ich schon lange vor meiner Zeit bei der Migros Bank. Und ich glaube nicht, dass ich wegen einiger Zeilen in den Medien nun dringend meine Hobbys anpassen muss, noch dass dies überhaupt jemanden interessiert.

Umgekehrt interessieren mich teure Markenkleider und Uhren nicht. Die teuerste Uhr, die ich trage, kostet gerade einmal 19.90 Franken.


Der 54-jährige Harald Nedwed ist seit Ende 2003 Präsident der Geschäftsleitung der Migros Bank – und damit einer der dienstältesten Bankchefs der Schweiz. Das von ihm geführte Finanzinstitut ist mit einer Bilanzsumme von 38,8 Milliarden Franken und 65 Niederlassungen eine der grössten Retailbanken im Land. Die Migros Bank ist eine 100-prozentige Tochter der Migros-Genossenschafts-Gruppe.

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Allianz Suisse

Der Versicherer hat in der Romandie Wohn- und Büroimmobilien im Volumen von rund 290 Millionen Franken erworben. Dabei handelt es sich bislang um die grösste Immobilieninvestition in der Westschweiz für die Allianz Suisse. Angesichts des anhaltenden Tiefzinsumfelds investiert der Versicherer verstärkt in Immobilien.

Swiss Re

Die Ratingagentur Fitch hat das Rating für Finanzstärke für den Rückversicherer Swiss Re mit AA– und den Ausblick mit «stabil» bestätigt. Auch das Langfristrating bleibt mit stabilem Ausblick unverändert bei A+.

Swiss Life

Swiss Life Asset Managers erweitert ihr Immobilienportfolio in Deutschland um das Wohn- und Geschäftshaus Bernsteincarré in Leipzig. Auf 6'500 qm Mietfläche werden Geschäfte, Gastronomie und Büros entwickelt. Hinzu kommen 18 Wohnungen. Das Projekt befindet sich aktuell im Bau, die Fertigstellung ist für 2017 vorgesehen.

Syz Asset Management

Am 1. Dezember hat der internationale Vermögensverwaltungs-Arm der Genfer Bank Syz eine Niederlassung in München eröffnet. Wie finews.ch exklusiv berichtete, wird die Niederlassung von Michael Schlieper, Region Head Deutschland und Österreich, geleitet.

Varia US Properties

Die Zuger Immobilienfirma Varia US Properties hat am Donnerstag ihren ersten Handelstag an der Schweizer Börse SIX. Insgesamt wurden 3,5 Millionen Aktien zu einem Preis von 35 Franken ausgegeben. Varia konzentrier sich auf den US-Miethäusermarkt.

Banco Stato

Das Dotationskapital der Tessiner Kantonalbank wird massiv von 240 auf 500 Millionen Franken ausgeweitet. Dies teilte der Kanton Tessin als Eignerin des Instituts mit.

Geldwäscherei

Das vierte GAFI-Länderexamen zur Bekämpfung der Geldwäscherei und Terrorismus-Finanzierung stellt der Schweiz ein gutes Zeugnis aus. Nur Italien und Spanien schnitten bisher besser ab. Kritisiert wurde etwa, dass hierzulande der Schwellenwert für Bargeld-Transaktionen bei 25'000 Franken liegt. Das ist mehr als der vorgesehene GAFI-Schwellenwert von 15'000 Dollar.

Swiss Life

Der Immobilienfonds von Swiss Life REF Swiss Properties kauft eine Immobilie in der Innenstadt von Basel. Damit steigt der Wert des Immobilienportfolios auf 620 Millionen Franken. Zur Finanzierung weiterer Akquisitionen will Swiss Life dem Fonds weitere 100 Millionen Franken zuführen. Dies soll über eine Kapitalerhöhung geschehen. Geplant ist die Emission neuer Anteile mit einem Bezugsverhältnis von 5:1.

Temenos

Die staatliche ägyptische Housing and Development Bank, einer der grossen Hypotheken-Institute im nahöstlichen Land mit 1,5 Millionen Kunden, ist auf das Kernbanken-System von Temenos migriert. Der Genfer Bankensoftware-Hersteller wurde dabei von der ägyptischen Partnerfirma Masaref unterstützt.

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