Thomas «Tom» Meier: «Fintech ist inzwischen auch ein Hype»

Sobald die Integration des Indien-Geschäfts von Merrill Lynch vollzogen ist, steht Julius Bär für weitere Übernahmen bereit. Im Interview mit finews.ch erklärt Asien-Chef Thomas Meier zudem, weshalb er dem ganzen Fintech-Thema auch mit einer gewissen Skepsis begegnet, und warum der Finanzplatz von Singapur der Schweiz etwas voraus hat.


Herr Meier, geht die Konsolidierung im internationalen Private Banking weiter?

Ganz klar, ja. Schauen Sie die letzten Asien-bezogenen Übernahmen an: BSI, Société Générale, Coutts International. Allen fehlte die kritische Grösse – auch, um sich innerhalb ihrer Organisation zu behaupten. Ist ein Geschäftsbereich innerhalb einer Grossbank zu klein, wird er zu einer Irritation. Darum hat auch Merrill Lynch sein internationales Wealth-Management-Geschäft verkauft.

Bieten sich für Julius Bär neue Übernahmemöglichkeiten?

Julius Bär wird im Zusammenhang mit solchen Transaktionen oft erwähnt. Dabei haben wir keine expliziten Ziele in dieser Hinsicht und verfügen bereits über die kritische Grösse. Sollte sich aber der richtige Partner zeigen, sind wir bereit, ihn zu integrieren. Wir sind ein attraktiver Käufer.

Digitalisierung ist ein weiterer Trend im Private Banking. Was unternimmt Julius Bär in diesem Bereich, insbesondere in Asien, wo sich die Kunden offenbar stark für dieses Thema erwärmen.

Grundsätzlich ist die Entwicklung von Fintech und digitalen Innovationen im Finanzbereich sehr spannend – aber Fintech ist inzwischen auch ein Hype. Wir werden sehen, welche Anwendungen und Geschäftsmodelle sich durchsetzen werden.

«Auch mit Fintech bleibt Private Banking ein People's Business»

Julius Bär verfolgt in diesem Bereich einen differenzierten Ansatz. Wir beobachten den Markt genau und würden auch mögliche digitale Anwendungen prüfen, wobei das Private Banking ein «People's Business» ist und der menschliche Kontakt ein Schlüsselelement bleibt.

Trotzdem verhilft die Digitalisierung doch zu beträchtlichen Effizienzsteigerungen und zu einer Vereinfachung der Abläufe.

Das ist eine Übergangsphase, die auch Julius Bär durchläuft, und in die wir viel investieren. Unsere neue IT-Plattform wird ja zuerst in Asien aufgesetzt und dient dann als Vorlage für die Implementierung in anderen Regionen.

Die Übernahme des internationalen Wealth-Management-Geschäfts von Merrill Lynch hat die verwalteten Vermögen von Julius Bär in Asien um 30 Milliarden Franken erhöht. Noch ausstehend ist der Transfer der Depots in Indien, obwohl dies eigentlich schon Mitte 2015 geplant war.

Der Bewilligungsprozess für die Übernahme dieser Gelder und für den Start unserer Onshore-Tätigkeit in Indien als ausländische Privatbank ist eine ziemlich komplexe und aufwendige Angelegenheit.

«Man kann in Indien nicht mit den gleichen Erwartungen wie anderswo Geschäfte machen»

Um die Vermögen von Merrill Lynch zu übernehmen, mussten wir erst eine indische Plattform aufbauen. Dieser Prozess ist soweit abgeschlossen, und wir sind zuversichtlich, dass wir von den Behörden in den nächsten Wochen alle Bewilligungen und Lizenzen erhalten.

Ist die indische Bürokratie wirlich so berüchtigt?

Die Verhältnisse in Indien sind bei solchen Verfahren sicherlich anders als etwa in Singapur. Man kann in Indien nicht mit der gleichen Einstellung und denselben Erwartungen Geschäfte machen, wie man es auf Grund von anderen internationalen Erfahrungen gewohnt ist.

«Das ist die höchste Transferrate»

Es braucht in Indien mehr Flexibilität in den Denkprozessen, und man muss seine Sichtweise laufend anpassen. Aber das ist uns bisher gut gelungen. Wir sind zuversichtlich, dass diese Integration zu einem vollen Erfolg wird. Wir wären dann die erste Schweizer Bank mit einer Volllizenz in Indien, nachdem andere Institute diesen Plan wieder aufgegeben hatten. 

Unter dem Strich, hat sich der ganze Aufwand wirklich gelohnt?

Auf alle Fälle. Die von uns übernommenen indischen Onshore-Gelder von Merrill Lynch bestehen aus einem sehr treuen Kundenstamm. Und rund 95 Prozent aller Kunden wollen mit uns bleiben. Das ist die höchste Transferrate in der gesamten Transaktion und rund 10 Prozent der asiatischen Assets aus. Julius Bär ist nun in Mumbai präsent sein sowie mit kleineren Filialen auch in Neu Delhi, Bangalore, Chenai sowie in Kalkutta.

Auch das indische Non-Resident-Geschäft von Julius Bär in Singapur ist bedeutend. Wie sind Sie an diese Kunden gelangt?

Es gibt zwei Aspekte zum Thema Kundennähe. Erstens: Das frühere Offshore-Banking, wonach man einfach auf die Kunden warten kann, funktioniert nicht mehr. Heute ist auch im Offshore-Banking physische Präsenz wichtig. Für einen Dialog muss man auf die Kunden zugehen, mit ihnen kommunizieren, ihnen Vorschläge unterbreiten können. Man muss sie auch zu Anlässen einladen können.

Und der zweite Aspekt?

Das sind die Produkte und Dienstleistungen. Das Angebot muss so gestaltet sein, dass es jeden Kunden anspricht. Ein chinesischer Kunde hat eine stärkere Vorliebe fürs Trading als ein indischer, der wiederum stärker in heimische Anlagen investieren will. In Taiwan wiederum wünscht der Kunde eher ein diskretionäres Vermögensverwaltungs-Mandat.

«In Singapur sprechen die Behörden mit einer einzigen Stimme»

Kundennähe heisst: Man muss den Kunden verstehen und dieses Verständnis in ein Angebot umsetzen können, das auf seine spezifischen Bedürfnisse zugeschnitten ist.Darum sind auch die Herausforderungen für die Banken in Asien so gross. Es braucht eine kritische Grösse, einen Fokus und den Willen, ein rentables Private Banking aufzuziehen.

Sehen Sie in Singapur eine klarere Finanzplatz-Strategie als in der Schweiz?

Sie ist auf jeden Fall fokussierter. Es beeindruckt mich immer wieder, wie schnell Dinge hier umgesetzt werden. Nehmen Sie die Lizenzierung der Anlageberater: Innerhalb von drei Jahren war der Prozess vollzogen. Im internationalen Wettbewerb ist Singapur zudem sehr darauf bedacht, dass bei der Einführung neuer internationaler Regulierungen das «plain level playing field» gilt – also die gleichen Wettbewerbsbedingungen für alle.

Als Marktteilnehmer fühlt man sich ernst genommen. Der Vorteil in Singapur ist sicher, dass die Behörden mit einer Stimme sprechen und die Interessen geeint sind. In der Schweiz hingegen hat man oft den Eindruck, dass gerade in der Finanzbranche die verschiedenen Interessengruppen gegeneinander arbeiten.


Der 53-jährige Thomas «Tom» Meier leitet seit 2005 die Marktregion Asien bei Julius Bär. Seine ersten Erfahrungen in diesem Gebiet als Banker machte der promovierte Jurist 1995, als er für die Credit Suisse in Südostasien, Neuseeland und Hongkong tätig war. Im Jahr 1997 wurde er Marktleiter für Singapur. Später verantwortete er die Geschäfte in Hongkong. Nach einem Abstecher zur Deutschen Bank stiess er 2005 zu Julius Bär. Nach mehreren kleineren Umstrukturierungen hat Meier seit 2011 die Leitung für die gesamte Region Asien-Pazifik inne.

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Der Hedgefondsanbieter Gottex hat die Publikation seiner Halbjahreszahlen verschoben. Das Unternehmen begründet die Verschiebung mit einem Verzug in den Verhandlungen um eine zweite Finanzierungstranche nach den Rekapitalisierungs-Massnahmen vom Sommer.

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