Thorsten Polleit: «Die Zentralbanken haben ein Potemkinsches Dorf aufgebaut»

Thorsten Polleit, einer der angesehensten Gold-Experten unserer Zeit, über die gefährliche Politik der Zentralbanken, den wirtschaftlichen Scheinboom in den USA und seine Preisvorstellungen für das gelbe Edelmetall.

Herr Polleit, nach gut zwölfjähriger Hausse scheint das Gold nun doch merklich an Glanz zu verlieren. Finden Sie nicht?

Solange die Zentralbanken Geld drucken und die Zinsen manipulieren, damit das Papiergeld-Regime nicht kollabiert, werden die Marktkräfte unterdrückt. Das sollte jedem Investor bewusst sein.

Im Prinzip haben die Zentralbanken ein Potemkinsches Dorf aufgebaut. Darum ist der Haupttrend im Goldpreis nach wie vor intakt. Er zeigt nach oben, weil das Papiergeld-System, das in den letzten hundert Jahren existierte, nicht mehr fortbestehen kann.

Bis jetzt hat die Strategie der Notenbanken aber doch recht gut funktioniert.

In der Tat. Wie sich zeigt, lässt sich dieses Spielchen sehr weit treiben. Viele Investoren gingen davon aus, dass das System schon viel früher kollabieren würde und waren dann überrascht, dass es doch so lange hält.


«Dann findet der Extremfall statt»


Das erklärt auch teilweise die Preisrückgänge beim Gold. Die Zentralbanken können tatsächlich jeden Schuldner zahlungsfähig halten, solange sie Geld drucken und die Zinsen manipulieren. Damit wird aber bloss der Zerfallsprozess überdeckt.

Mit welcher Konsequenz?

Der Extremfall findet dann statt, wenn die Geldnachfrage versiegt. Dann, wenn die Menschen nicht mehr bereit sind, das neu geschaffene Geld zu halten und stattdessen in Gold, Immobilien und andere Sachwerte flüchten. Aber diese Entwicklung ist bislang nicht erkennbar. Noch nicht.

Darum braucht man auch kein Gold zu haben.

Die Zentralbanken können die Überschuldung über die Zeitachse ziehen, indem sie die Zinsen so senken, dass die laufende Geldentwertungsrate höher ist als der nominale Zins. Dadurch werden die Schulden «weginflationiert».


«Das war der Beginn der Korrektur»


Diese Politik haben die USA zwischen 1942 bis 1951 betrieben. Weil der Prozess so länger dauert, wird er von der Öffentlichkeit eher akzeptiert. Allerdings ändert dies nichts an der Tatsache, dass der Papiergeld-Besitzer über die Zeit sein Vermögen verliert.

In den vergangenen zwei Jahren hat das Gold eine wechselvolle Entwicklung durchgemacht. Wie interpretieren Sie die Ereignisse der letzten 24 Monate?

Meine Leseart ist die folgende: Als das gelbe Edelmetall im Herbst 2011 die Marke von 1'900 Dollar pro Unze erreichte, befürchteten viele Anleger, das Finanzsystems und der Euro könnten kollabieren. Doch dann realisierten sie, dass das doch nicht so schnell geht, weil die Zentralbanken eine Menge Tricks auf Lager haben. Das war der Beginn der Korrektur.

Wie ging es dann weiter?

Viele Anleger haben in Aktien investiert, was das Gold weiter unter Druck brachte. Die Spekulationen um das Ende des «Quantitative Easing» in den USA trug dann alles Weitere zur Baisse bei. Zwischen September 2011 und heute verlor das Gold rund 35 Prozent an Wert.


«Wir sind in einer Phase der Unterbewertung»


Das klingt zwar nach viel. Doch in Aktien erlebt man viel grössere Einbrüche. Zudem möchte ich auch daran erinnern, dass wir in früheren Jahrzehnten schon wesentlich grössere Kurschwankungen im Gold beobachten konnten.

Nämlich?

Als man 1971 das Gold vom Dollar abkoppelte, stieg der Preis von 35 Dollar auf 180 Dollar! Bis Mitte 1976 fiel er allerdings wieder auf 100 Dollar. Doch dann ging der Bullenmarkt erst richtig los: Das Gold kletterte Anfang der achtziger Jahre bis auf 850 Dollar.

So gesehen ist die Bewegung der letzten Jahre sehr moderat. Persönlich denke ich, dass wir bereits wieder in einer Phase der Unterbewertung sind.

Tatsächlich?

Meine Einschätzung beruht auf einem hypothetischen Goldpreis. Er errechnet sich aus der Geldmenge in Relation zu den offiziellen Goldreserven. Dieses Deckungsverhältnis wird dann in Beziehung zum tatsächlichen Goldpreis gesetzt. Das langfristig beobachtbare Deckungsverhältnis entspricht derzeit einem Goldpreis von ungefähr 1'300 Dollar pro Unze.


«Der Bankensektor ist überdimensioniert»


Angesichts der vielen ungelösten Probleme, die eine weitere Ausweitung der Geldmenge in vielen Ländern bewirken dürften, hat der Goldpreis noch einiges Potenzial nach oben. Oder anders ausgedrückt: Momentan ist der Preis des gelben Edelmetalls vermutlich nicht zu teuer.

Eine kühne Behauptung! Haben Sie weitere Anhaltspunkte für Ihre These?

In den USA erleben wir derzeit einen wirtschaftlichen Scheinboom. Das musste selbst die amerikanische Notenbank einsehen, als sie ihr «Quantitative Easing» doch nicht einstellen konnte. Im Euroraum wiederum ist der Bankensektor nach wie vor überdimensioniert, und die meisten Institute haben zu wenig Eigenkapital.


«Das Papiergeld ist nicht mehr sicher»


Vor diesem Hintergrund wird die Europäische Zentralbank (EZB) unter Mario Draghi weiter Geld drucken, so dass der Euro gegenüber dem Dollar immer tiefer fällt. Das Papiergeld und die in Papiergeld ausgewiesenen Finanzvermögen sind nicht mehr sicher.

Was für Preise sind beim Gold möglich?

Als seriöser Analytiker ist es sehr schwierig, genaue Preismarken zu nennen. Investoren sollten eher in mittel- bis langfristigen Trends denken. Aus aktueller Sicht scheinen mir der Aufbau oder der Zukauf von Goldpositionen durchaus sinnvoll.

In einem Portefeuille darf der Goldanteil ohne weiteres 10 bis 20 Prozent ausmachen.


«Rund 1'800 Dollar pro Unze sind denkbar»


Eine Prognose, wohin der Goldpreis gehen könnte, könnten Sie uns trotzdem geben.

Ausgehend von meinen Überlegungen halte ich einen Preis von rund 1'800 Dollar pro Unze denkbar. Natürlich kann man nicht mit Sicherheit erwarten, dass sich dieser Preis unmittelbar einstellt.

Wie gesagt, es geht um die Richtung. Ich denke, in einigen Jahren wird es ohnehin keine Rolle mehr spielen, ob man bei 1'100 oder bei 1'300 Dollar gekauft hat.


Der bald 46-jährige Thorsten Polleit ist Chefökonom der Degussa Goldhandel. Zuvor war er rund zwölf Jahre für die britische Investmentbank Barclays in Frankfurt tätig. Er ist zudem Präsident des Ludwig von Mises Institut Deutschland, Partner der Polleit & Riechert Investment Management LLP und Honorarprofessor an der Frankfurt School of Finance & Management. Unlängst hat er im Finanzbuchverlag das Buch «Ludwig von Mises – Leben und Werk für Einsteiger» herausgegeben.

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