Der Ökonom Walter Wittmann über den Goldpreis in Zeiten des Aufruhrs und die drohende Inflation, über den Euro und dessen Gefahren.


WalterWittmannWalter Wittmann ist emeritierter Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Freiburg. Bekannt wurde er durch diverse wirtschaftspolitische Sachbücher. Unter anderem veröffentlichte er 2007 «Der nächste Crash kommt bestimmt», in dem er die nachfolgenden Ereignisse vorweg nahm. Im Frühjahr letzten Jahres erschien sein nicht weniger prophetisches Buch «Staatsbankrott».

Herr Wittmann, in Ägypten und weiteren arabischen Staaten herrscht Revolutionsstimmung, in Europa weisen die Inflationssignale nach oben: Da müsste der Goldpreis doch wieder aufwärts streben.
Natürlich schaffen solche Meldungen Druck nach oben. Wenn man die Realwerte betrachtet und die Inflation herausrechnet, liegt der Goldpreis nicht mal bei der Hälfte des Standes von 1980. Von einer Blase kann man noch nicht reden, solch eine Situation liegt jenseits der Marke von 1400 Dollar pro Unze. Und damit man es mit einer Mania zu tun hat, müsste der Unzenpreis schon innert Monaten um 400, 500 oder 600 Dollar klettern.

Das halten Sie weiterhin für möglich?
Durchaus. Vor allem, wenn sich die Schuldenkrise wieder verschärft und wenn ein europäischer Staat den Mut hat, den Schuldendienst einzustellen. Im Moment ist die Lage einfach durch den Euro-Rettungsschirm beruhigt. Aber so eine Situation kommt wohl erst später – im Jahr 2012 oder so.

Viele Experten vertreten die Ansicht, dass beim Gold jetzt ein Peak erreicht sei.
Wenn man vor zwei Wochen auf den Chart blickte, sah es tatsächlich nach einem Peak aus: Mehrere Punkte konnten nicht nach oben durchstossen werden. Jetzt korrigiert der Markt nach unten. Die Stütze liegt bei 1300 Dollar pro Unze: An diesem Punkt müsste es drehen. Möglich ist allerdings auch, dass die Spekulation bei 1300 nochmals versucht, den Preis bis 1250 Dollar zu drücken. Danach geht es wieder aufwärts.


«Die Stütze beim Gold liegt bei 1300 Dollar pro Unze: An diesem Punkt müsste es drehen»


Am Wef einigten sich die Politiker auf die Formel, der Euro habe das Schlimmste überstanden. Und tatsächlich konnte sich die Einheitswährung in den letzten Wochen wieder fangen. Ist das die Trendwende?
Nein. Wir haben jetzt einfach eine Erholung, ausgehend von der Marke bei 1,25 Franken. Und tatsächlich mag diese Erholung bis 1,32/1,34 Franken gehen. Wenn Sie auf einen Indikator wie den MACD schauen, sehen Sie es genau. Aber nachher fällt der Euro wieder. Der Trend weist abwärts.

Doch neuste Daten zeigen, dass Europas Inflationszahlen ernsthaft steigen. Das sollte die Zinsen wieder nach oben führen – und somit letztlich den Euro.
Die Inflationsgefahr ist tatsächlich beträchtlich. Und in normalen Zeiten würden die Notenbanken die Zinsen hochsetzen und eine restriktive Politik betreiben. Aber das möchten sie sich jetzt – wegen der allgemeinen Wirtschaftslage – nicht leisten. Darum könnte die Inflation dieses Jahr wirklich ein Problem werden.

Sie raten also völlig ab von Euro-Anlagen?
Das Hauptproblem ist die ungelöste Schuldenkrise. Mit dem Rettungsschirm haben die Regierungen die Lage etwas beruhigt, man unternimmt alles, um einen Staatsbankrott herauszuschieben. Das könnte beim Euro vorübergehend zu einer Beruhigung führen. Deshalb: Wer bereits Euro hat, braucht sie nicht zu verkaufen, sondern investiert am besten in Aktien mit hoher Rendite, beispielsweise Deutsche Telecom oder Total. Aber unter keinen Umständen in Anleihen! In keiner Währung! Wenn die Zinserhöhungen kommen, kann man auf Anleihen viel Geld verlieren.


«Aber unter keinen Umständen in Anleihen! In keiner Währung!»


Was kann die Schweizerische Nationalbank gegen den starken Franken tun?
Nichts. Wir sollten endlich zur Kenntnis nehmen, dass die Nationalbank den Wechselkurs weder zum Euro noch zum Dollar ernsthaft beeinflussen kann. Sie kann einen Trend weder brechen noch drehen. Denn sie verfügt schlicht nicht über die Frankenbeträge, um das globale Meer an Euros oder Dollars zu bewegen.

Welcher Vorschlag zur Linderung wäre dann am brauchbarsten?
Es kursieren ja zahlreiche Fantasien. Zum Beispiel die Übernahme des Euro. Aber das scheidet a priori aus, es ist politisch irreal. Oder die Anbindung des Franken an den Euro. Auch das kann nicht klappen: Es wäre ein gefundenes Fressen für die ausländische Spekulation. Die Nationalbank müsste ständig Euro kaufen, um den Wechselkurs zu verteidigen, und dabei würde sie schon wieder massive Verluste erleiden.

Was halten Sie von den Aufforderungen an die Schweizer Banken, sich mit der Spekulation einzuschränken.
Solch ein «Gentleman's Agreement» wäre ebenfalls wirkungslos. Die Spekulation wird vom Ausland her betrieben.

In den Siebzigerjahren bekämpfte der Bundesrat die Flucht in den Franken mit einem Zwang zu Negativzinsen für ausländische Anleger.
Ja, und momentan werden in der Debatte allerlei «Ladenhüter» aus den Sechzigern und Siebzigern ausgegraben. Auch solche Negativzinsen würden ihr Ziel verfehlen, denn Schweizer Franken kann man ja im Ausland halten. Der Kurs des Franken wird nicht im Inland, sondern zu rund 90 Prozent im Ausland gemacht.


«Es ist denkbar, dass die Franken-Euro-Parität bis Ende dieses Jahres erreicht sein wird»

Also bleibt der Exportwirtschaft wenig anderes übrig als die Sache auszusitzen und zu hoffen, dass der Trend gegen den Euro bald wieder dreht?
Das eigentliche Problem scheint mir, dass der Trend im Euro sehr grundsätzlich nach unten weist. Die Schuldenkrise hat erst begonnen, sie wird den Euro noch lange belasten. Es ist denkbar, dass die Franken-Euro-Parität bis Ende dieses Jahres erreicht sein wird. Damit erodieren die Gewinnmargen der Exporteure, und inländische Anbieter geraten unter Druck durch die billigeren Importe.

Da könnte man doch gelassen sagen: Immerhin trifft der Druck in der Schweiz auf eine solide wirtschaftliche Basis.
Aber wenn die Gewinnmargen schmelzen, müssen die Unternehmen rationalisieren und Personal abbauen. Die grossen Firmen verlagern vermehrt Arbeitsplätze ins Ausland. Und wenn am Ende sogar ausländische Arbeitskräfte abwandern, könnte sich das auch auf den Immobilienmarkt auswirken: Es drohen Leerbestände.

Da sprechen Sie aber von einer Gefahr, die allenfalls auf mittlere und lange Sicht drohen könnte.
Wir haben es jedenfalls schon erlebt: In den Neunzigerjahren schufen die Schweizer Unternehmen fast eine halbe Million Arbeitsplätze im Ausland – zugleich hatten wir eine Immobilienkrise. Man kann die Zyklen seit 1945 betrachten: Der Immobilienmarkt korreliert immer mit dem Nettoergebnis zwischen Ein- und Auswanderung. Aber natürlich gehen diese Zyklen über Jahre. Sicher ist aber auch, dass unsere rekordtiefen Zinsen eine Ausnahme sind – das letzte Mal hatten wir dieses Niveau in den Fünfzigerjahren.