Gold: Der «sichere Hafen» ist nachgelagert

Während die Börsenkurse angesichts der Katastrophe in Japan fallen, steigt der Goldpreis kaum. Woran liegt das? LGT-Goldexperte Bayram Dincer hat Antworten.

Dincer_Bayram_1Bayram Dincer ist Commodity Market Analyst bei LGT Capital Management in Pfäffikon SZ.

Herr Dincer, die Katastrophe in Japan lässt die Börsenkurse weltweit einbrechen. In solchen Situationen gilt Gold als «sicherer Hafen». Warum steigt das Edelmetall nun nicht?

Das Szenario des «sicheren Hafens» ist in diesem Fall nachgelagert. Es wird als so genannter Zweitrunden-Effekt wirksam werden.

Können Sie das genauer erklären?

Die Ereignisse in Japan haben zuerst dazu geführt, dass die Investoren vermehrt in kurzfristige Liquidität investierten. Ein weiterer Grund für den temporären Sell-off von Gold waren die Verkäufe von japanischen Sparern, die ihre Goldakkumulations-Pläne und die daraus resultierenden physischen Goldbestände liquidiert haben, um Cash zu bekommen.

Sehen Sie eine Trendwende in dieser Entwicklung?

Viele tradingorientierte Goldinvestoren sind auch via Futures oder Forwards mit Fremdkapitalanteil (Leverage) investiert. Sie mussten in den letzten Tagen auf Grund negativer technischer Tradingsignale verkaufen. Wir haben gestern Mittwoch bei Goldpreisen von rund 1‘390 Dollar pro Feinunze jedoch physische Kaufaktivitäten von staatlichen Institutionen aus den Schwellenländern sowie von indischen Schmuckfabrikanten beobachtet.

Wovon wird die Entwicklung des Goldpreises in den nächsten Wochen abhängen?

Die aktuell niedrigeren Goldpreise stellen eine Kaufopportunität dar. Nachdem der Erst-Runden-Effekt abgeklungen ist, werden der Zweit-Runden-Effekt und das Argument des «sicheren Hafens» zu einer positiven Preis-Entwicklung beitragen.

Was treibt den Goldpreis nachhaltig nach oben?

Gold hat verschiedene Gesichter. Mal fungiert es als Rohstoff, das nächste Mal als Investitionsgut, und immer wieder ist Gold für Investoren der sichere Anker in Krisensituationen. Das Edelmetall ist in den Augen vieler Anleger das universelle Heilmittel gegen Wachstumsschwäche, Inflation, Dollar-Abwertung und Euro-Krise.


«Wir sehen in diesem Jahr einen Höchststand von 1'777 Dollar»

Wir gehen davon aus, dass dem leicht erhöhten globalen Angebot infolge gesteigerter Minenproduktion und Recycling-Altgold eine starke Nachfrage der Schmuckindustrie und der Industrie generell gegenübersteht. Das wird den Goldpreis positiv unterstützen. Zudem dürften Investitionen in physisches Gold über börsengehandelte Produkte oder direkt in Barren den Preis im Jahresverlauf massgeblich positiv beeinflussen.

Die Prognosen für neue Höchststände im Gold reichen von 1'800 bis 10'000 Dollar die Unze. Was ist realistisch?

Bei der jährlichen Umfrage der London Bullion Market Association (LBMA) unter ausgewählten Analysten lagen zu Jahresbeginn unsere Preiserwartungen im Vergleich zu den 23 anderen Analysten um circa 3 Prozent höher. Auf das Gesamtjahr betrachtet erwarten wir in der ersten Jahreshälfte einen Goldpreis bei 1‘450 Dollar und in der zweiten Jahreshälfte bei 1‘550 Dollar.

Auf Basis von Optionspreisen und Wahrscheinlichkeitsrechnungen sehen wir für 2011 realistisch einen absoluten Höchststand von 1‘777 Dollar.


«Steigende reale Opportunitätskosten wären ein Verkaufssignal»

Was sind die Signale, dass der Goldpreis nachhaltig sinkt, und es Zeit wäre, auszusteigen?

Die steigenden und hohen realen Opportunitätskosten – also Nominalzins minus Inflationsrate – von Goldinvestitionen haben einen negativen Einfluss auf den Goldpreis und könnten Verkaufssignale darstellen.

Innert weniger Jahre hat sich Gold zu einer eigenständigen Anlageklasse (zurück-) entwickelt. Bleibt es dabei?

Diese Entwicklung wurde durch die Einführung börsengehandelter Produkte, die in physisches Gold investieren, massgeblich gefördert. Früher haben die Investoren mittels Goldminen-Aktien indirekt in Gold investiert. Allerdings haben verschiedene Untersuchungen gezeigt, dass die Mehrheit sowohl privater wie auch institutioneller Investoren nach wir vor nur über eine geringe oder keine Goldallokation verfügt.


«Gold als eigenständige Anlageklasse wird sich weiterentwickeln»

Unseres Erachtens sollte der moderne Investor in einen aktiv gemanagten Goldfonds investieren, bei dem Fundamental- und quantitative Analyse kombiniert werden. Demzufolge wird sich die Anlageklasse «Rohstoffe und Edelmetalle» weiterentwickeln, und die passiven Investitionen werden durch aktive direkte Investitionen zunehmend ersetzt.

Warum sollte ein Anleger heute noch Gold kaufen?

Neben den intakten fundamentalen Rahmenbedingungen für physisches Gold, auf deren Grundlage wir zu unseren positiven Preiserwartungen kommen, können auch negative makroökonomische Kennzahlen (Inflation, Staatsschulden), geopolitische Unsicherheiten und ein Vertrauensverlust in Papierwährungen Kaufargumente darstellen.

Schützt Gold auch gegen Inflation?

Gold hat einen impliziten Inflationsschutz und schützt somit den Investor vor höheren Inflationsunsicherheiten sowie bei einer überraschenden Veränderung der Inflationserwartungen.


«Gold macht auch zwecks Diversifikation Sinn»

Inwiefern sollten institutionelle Anleger ein Engagement in Gold in Betracht ziehen?

Für institutionelle Anleger gelten im Prinzip die gleichen Argumente wie für Privatanleger. Ein Goldinvestment ist auch im Sinne einer breiteren Diversifikation in Erwägung zu ziehen.

Ist das bei Schweizer Institutionellen der Fall?

Ja. Institutionelle tätigen hierzulande bereits Anlagen in Rohstoffe respektive Gold.

Welche Bedeutung hat Gold im Geschäftmodell der LGT?

Im Geschäftsbereich «Investment Management Commodities» beschäftigen sich zwei Fachleute täglich mit dem globalen Rohstoffmarkt: Peter Sigg als Unit-Head und ich als Analyst. Wir sind für die aktiven also direkten Rohstoff- und Goldinvestitionen zuständig. Zudem findet sich das Thema Rohstoffe und Gold auch als strategisches Investment in unseren Multi Asset Class Lösungen. Ebenso bieten wir einen quantitativ gemanagten Goldfonds an, der allerdings nicht zum öffentlichen Vertrieb zugelassen ist.

 

 

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Syz Asset Management

Am 1. Dezember hat der internationale Vermögensverwaltungs-Arm der Genfer Bank Syz eine Niederlassung in München eröffnet. Wie finews.ch exklusiv berichtete, wird die Niederlassung von Michael Schlieper, Region Head Deutschland und Österreich, geleitet.

Varia US Properties

Die Zuger Immobilienfirma Varia US Properties hat am Donnerstag ihren ersten Handelstag an der Schweizer Börse SIX. Insgesamt wurden 3,5 Millionen Aktien zu einem Preis von 35 Franken ausgegeben. Varia konzentrier sich auf den US-Miethäusermarkt.

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Das Dotationskapital der Tessiner Kantonalbank wird massiv von 240 auf 500 Millionen Franken ausgeweitet. Dies teilte der Kanton Tessin als Eignerin des Instituts mit.

Geldwäscherei

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Der Immobilienfonds von Swiss Life REF Swiss Properties kauft eine Immobilie in der Innenstadt von Basel. Damit steigt der Wert des Immobilienportfolios auf 620 Millionen Franken. Zur Finanzierung weiterer Akquisitionen will Swiss Life dem Fonds weitere 100 Millionen Franken zuführen. Dies soll über eine Kapitalerhöhung geschehen. Geplant ist die Emission neuer Anteile mit einem Bezugsverhältnis von 5:1.

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Die staatliche ägyptische Housing and Development Bank, einer der grossen Hypotheken-Institute im nahöstlichen Land mit 1,5 Millionen Kunden, ist auf das Kernbanken-System von Temenos migriert. Der Genfer Bankensoftware-Hersteller wurde dabei von der ägyptischen Partnerfirma Masaref unterstützt.

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Die Eidgenössische Finanzaufsicht revidiert ihre Anforderungen an die externe und interne Auslagerung von Bankdiensten. An systemrelevante Banken werden für die Auslagerung kritischer Dienstleistungen nochmals erhöhte Anforderungen gestellt.

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