John Ford: «Dreifache Konsum-Revolution»

Das Reich der Mitte wandelt sich von einer Exportnation zu einer auf den Binnenkonsum ausgerichteten Volkswirtschaft.

John_Ford_2284_1John Ford (Bild), Chief Investment Officer von Fidelity International in Hongkong, beschreibt in einer dreiteiligen Artikelserie für finews.ch die fundamentalen Veränderungen in China und erklärt, was die Anleger daraus für Lehren ziehen können.

Die weiteren zwei Beiträge erscheinen am 11. Mai sowie am 13. Mai 2011.

«Der Konsument von Morgen lebt in China»

Die Zukunft ist heute. In einer Zeit, in der sich Unternehmen weltweit nach neuen Märkten umsehen, um ihre Güter und Dienstleistungen zu vermarkten, und Anleger neue Wachstumsquellen suchen, bin ich davon überzeugt, dass China auf dem Weg ist, zu einem der wichtigsten Konsumländer der nächsten Jahrzehnte zu werden.

Zwar ist das Land schon lange vor allem als globales Produktions-Drehkreuz bekannt. Künftig dürfte allerdings die Konsummacht Chinas mindestens ebenso wichtig werden wie seine kostengünstigen Exporte.

Schon heute konsumieren die Chinesen für mehr als 2‘000 Milliarden Dollar (zur Information: in den USA und in der EU entfallen auf den Konsum über 41'000 Milliarden Dollar respektive 5'000 Milliarden Euro)

Und die reine Grösse der chinesischen Bevölkerung, sowie die rapide Verstädterung und die Entwicklung der ländlichen Bereiche des Landes verstärken die Schlagkraft seiner Konsumenten.

Aufs BIP kommt’s an

Die chinesische Bevölkerung umfasst nun mehr als 1,3 Milliarden Menschen. Nur Indien kommt mit einer Bevölkerung von über 1,2 Milliarden Menschen an diese Grössenordnung heran.

Entscheidend ist allerdings, dass das indische Bruttoinlandprodukt (BIP) mit etwa 1'300 Milliarden Dollar nur das elfgrösste der Welt ist. Dagegen bleibt China mit einem BIP von etwa 6'000 Milliarden Dollar nur hinter den Vereinigten Staaten zurück.

Expansion sogar während der Finanzkrise

In den letzten Jahren verzeichnete China die stärksten Wachstumsraten der Welt. Das Land expandierte sogar während der globalen Finanzkrise kräftig. Dieser wirtschaftliche Erfolg führte zu beträchtlichen Lohnerhöhungen, einem höheren verfügbaren Einkommen und logischerweise auch zu steigenden Konsumausgaben.

Selbst wenn sich das Tempo des Wirtschaftswachstums in China in den nächsten Jahren abschwächen könnte, erwarte ich, dass der Anteil des Landes am globalen BIP-Wachstum nach oben tendieren wird.

Viele Prognosen gehen sogar davon aus, dass die chinesische Volkswirtschaft die der USA innerhalb der nächsten zehn Jahre überholen wird. Dieses Zusammenspiel von enormer Bevölkerungsgrösse und der Stärke seiner Volkswirtschaft verleiht den chinesischen Konsumenten eine einzigartige Schlagkraft.

Boom im städtischen Wachstum

Die Bedeutung der chinesischen Konsumenten wird durch die Verstädterung noch verstärkt – eine wichtige strukturelle Entwicklung in diesem Land, die sich in den letzten Jahren beschleunigte.

Massnahmen zur Unterstützung sind bereits im chinesischen Fünfjahresplan für 2011-2015 enthalten, etwa der Bau von 10 Millionen bezahlbaren Eigenheimen und 36 Millionen Wohneinheiten im laufenden Jahr. Dabei besteht das ultimative Ziel darin, weniger für Eigenheime zu sparen und dafür mehr Geld für den Konsum auszugeben.

Urbane Mega-Zentren entstehen

An der bereits erschlossenen Ostküste des Landes werden urbane Mega-Zentren entstehen, aber auch im Westen und in der Mitte Chinas werden sich moderne Grossstädte entwickeln. Gemäss Prognosen sollen bis im Jahr 2020 fast 60 Prozent der Bevölkerung in urbanen Zentren leben – 2009 waren es noch weniger als 50 Prozent.

Die Menschen haben dann einen leichteren Zugang zu einem grösseren Angebot an Gütern und Dienstleistungen. Es ist bereits feszustellen, dass viele chinesische Konsumenten in der Stadt weniger an Strassenständen einkaufen und statddessen mehr in Kaufhäusern. Dies wiederum bewirkt ein stärkeres Markenbewusstsein und einen höherwertigen Konsum.

Vom Cognac zum Wein

Die Chinesen verringern zum Beispiel den Konsum von importiertem Cognac bei festlichen Anlässen und gönnen sich dafür Weine höherer Qualität, was besondere Fähigkeiten und Fachwissen erfordert. Ich gehe davon aus, dass derartige Entwicklungen möglich sind, weil der Prozess der Verstädterung mit einem Umverteilungstrend des Wohlstands einher geht.

Oder anders formuliert: Ein grösserer Anteil der städtischen Haushalte wird zur Mittelschicht oder gar wohlhabend. Wie in der Vorkriegszeit im Westen ist die Mittelschicht das Rückgrat eines äusserst kräftigen Wachstums- und Modernisierungsprozesses in China.

Gigantisches Potenzial im ländlichen Raum

Derzeit klafft noch eine breite Kluft im BIP pro Kopf zwischen einerseits der bereits kräftig entwickelten chinesischen Ostküste und andererseits dem ländlich geprägten Inneren des Landes. Allerdings verringert sich die Stadt-Land-Diskrepanz.

Die chinesische Regierung fördert diesen Trend und befasst sich stärker mit dem Thema der geografisch bedingten Einkommensunterschiede. So liegen die ländlichen Einkommen im Durchschnitt zwar noch unter den städtischen, aber sie wachsen kräftig. Ebenso erlebt die Landbevölkerung allmählich den Beginn der gleichen Neuverteilung des Wohlstands wie in den Städten, dabei steigen immer mehr Menschen in die Mittelschicht auf.

Raus aus dem Existenzminimum

Ich bin zuversichtlich, dass dies, sowie die Modernisierung der ländlichen Infrastruktur – die Nachfrage nach neuen Strassen, Brücken, Bahnhöfen und Flughäfen – eine wichtige treibende Kraft der chinesischen Konjunktur bleiben und den Nachholbedarf der ländlichen Haushalte bei nichtzyklischen Konsumgütern gehobener Qualität freisetzen wird.

Dadurch wird sich auch die Nachfrage von Konsumenten der Unter- und Mittelschicht nach zyklischen Konsumgütern erhöhen, da viele von ihnen, die noch vor Kurzem am Existenzminimum gelebt haben, nun erstmals über ein Einkommen verfügen werden.

Derartige Wachstumstreiber sind die wichtigsten Prioritäten im aktuellen Fünfjahresplan der chinesischen Regierung. Angestrebt werden ein nachhaltiges Wachstum, eine Ausweitung des Binnenkonsums und die Förderung der ländlichen und inländischen Entwicklung.

Die USA bereits überholt

John_Ford_qIch bin davon überzeugt, dass das Potenzial der chinesischen Konsumenten besonders interessant ist für Unternehmen, die nach neuen Märkten suchen, um ihre Güter und Dienstleistungen zu verkaufen, da viele Sektoren in China noch Nachholbedarf haben.

Die Sektoren, in denen der Konsum-Boom bereits eingesetzt hat, glänzen mit attraktiven Wachstumszahlen. Der chinesische Personenwagen-Sektor zum Beispiel wuchs in den letzten zehn Jahren um etwa 30 Prozent jährlich und hat die USA als den grössten Automarkt der Welt mittlerweile überholt.

Beispiel Süsswaren

Süsswaren sind ein weiteres interessantes Beispiel. Zwar wurden in China schon immer relativ wenige Süsswaren verbraucht, aber dieser Markt wuchs zwischen 1999 und 2009 jährlich um gut 8 Prozent.

Dies zeigt die möglichen Vorteile, wenn man in Sektoren einsteigt, die zwar heute eventuell noch in ihren Anfängen liegen, aber dank der Konsumfreude der chinesischen Konsumenten bald schnell und kräftig wachsen könnten.

 

 

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