Der UBS-Chefökonom zu Thilo Sarrazins Buch

Thilo Sarrazins neues Buch «Europa braucht den Euro nicht» könnte noch erfolgreicher werden, glaubt Andreas Höfert, Chefökonom der Schweizer Grossbank UBS.

Thilo Sarrazin (Bild oben), ehemaliges Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank, machte bereits vor knapp zwei Jahren von sich reden, als er sein umstrittenes Werk «Deutschland schafft sich ab» publizierte und davon mehr als 1,5 Millionen Exemplare verkaufte.

Jetzt doppelte er nach, nachdem die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte hatte: «Scheitert der Euro, dann scheitert Europa.»

Kritische Würdigung

Sarrazin setzt dem seine These entgegen, Europa habe bereits vor der Einführung des Euro jahrzehntelang auch ohne eine gemeinsame Währung gut funktioniert. Der Euro sei keine notwendige Bedingung für die Europäische Union, wie auch das Fachmagazin «Institutional Money» berichtet.

Andreas_HoefertAndreas Höfert (Bild), Chefökonom der UBS, geht in seiner aktuellen Kolumne in der Kundenpublikation «UBS investor´s guide» auf einige Aussagen von Sarrazin ein und unterzieht das Werk «Europa braucht den Euro nicht» einer kritischen Würdigung.

So sei der Euro tatsächlich nie ein wirtschaftliches, sondern stets ein politisches Projekt gewesen. Seit seiner Einführung mangle es dem Euro an den Institutionen, die ihn zur Währung eines optimalen Währungsraums machen würden, schreibt Höfert. Die Euro-Krise reiche indessen tiefer als eine Staatsschuldenkrise, da sie in erster Linie eine Krise der Ungleichgewichte zwischen den Ländern der Eurozone nach der Euro-Einführung sei.

Einige Thesen sind gemäss Höfert weniger überzeugend. So behaupte Sarrazin etwa, europäischen Ländern ohne den Euro sei es besser ergangen als jenen mit dem Euro. Die anhaltende Rezession und der Inflationsdruck in Grossbritannien oder die von der Schweiz beschlossene Untergrenze für den Franken von 1.20 zum Euro, eine De-facto-Euro-Einführung zur Abwendung eines düstereren Schicksals, widersprächen oder relativierten indes Sarrazins Behauptung, findet Höfert.

Falsche Argumente

Ebenfalls nicht zu überzeugen vermöge das Argument, Deutschland habe nicht wirklich vom Euro profitiert, weil die Exporte in die Schwellenländer stärker gestiegen seien als jene in die anderen Länder der Eurozone. Hier lasse Sarrazin unerwähnt, dass die Schwellenländer deutlich stärker gewachsen seien als die europäischen Länder und der Anstieg der deutschen Exporte in die Schwellenländer wohl auch davon getragen wurde, dass weniger wettbewerbsfähige europäische Länder Marktanteile an Deutschland verloren hätten.

In seiner Schlussfolgerung stellt der UBS-Ökonom fest, dass das Buch recht verwirrend sei. Sarrazin führe zwar zu Recht an, ein Ausstieg aus dem Euro würde auch für Deutschland Kosten verursachen, und widerspricht damit implizit seiner Behauptung, Deutschland habe vom Euro nicht profitiert, erklärt dann aber, wenn die Eurozone funktionieren solle, müssten alle ihre Mitglieder dem Vorbild Deutschlands folgen.

Welches Modell?

«Dies ist ein klassisches Beispiel für mangelnde ökonomische und historische Tiefe», schreibt Höfert. «Wenn ein Modell wie das aktuelle deutsche Modell heute erfolgreich ist, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass es das auch in der Vergangenheit gewesen wäre oder in der Zukunft sein wird. Ende der 1980er Jahre sollten wir uns alle verhalten wie Japaner. Ende der 1990er- und Anfang der 2000er Jahre war das angloamerikanische Modell das Mass aller Dinge. Deutschland galt damals als veraltet», stellt Höfert fest.

Dabei sei Europa schon immer von der Vielfalt seiner Wirtschaftsmodelle gekennzeichnet gewesen. Genau darin liege seiner Ansicht nach auch letztlich die Stärke Europas, findet Höfert. Die Kombination aus niedriger Inflation und starker Währung habe Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg zum Wirtschaftswunder verholfen. Gleiches gelte aber für Italien, dessen miracolo economico auf der Kombination aus höherer Inflation und schwächerer Währung beruhte.

«Wenn der Euro überleben solle, brauche es gewiss mehr Integration, aber auch eine kritische Auseinandersetzung mit der Frage, welcher Gestalt diese Integration sein soll», zieht Höfert als Bilanz.

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Der Versicherer hat in der Romandie Wohn- und Büroimmobilien im Volumen von rund 290 Millionen Franken erworben. Dabei handelt es sich bislang um die grösste Immobilieninvestition in der Westschweiz für die Allianz Suisse. Angesichts des anhaltenden Tiefzinsumfelds investiert der Versicherer verstärkt in Immobilien.

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Die Ratingagentur Fitch hat das Rating für Finanzstärke für den Rückversicherer Swiss Re mit AA– und den Ausblick mit «stabil» bestätigt. Auch das Langfristrating bleibt mit stabilem Ausblick unverändert bei A+.

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