Es menschelt mehr im Management

Plötzlich können Top-Leute auf dem Finanzplatz offen eingestehen, dass sie die Nase voll haben, dass sie müde werden oder austauschbar sind: Das war der unterschätzte Trend des Jahres 2013.

Die «NZZ am Sonntag» griff das Phänomen an diesen Wochenende auf: Im Schnitt bleiben Topmanager immer kürzer am Ruder, bei den CEO liegt die Verweildauer im Job inzwischen bei fünf Jahren. Die Erklärung: Leistungsdruck und Ungeduld der Aktionäre (respektive Aufsichtsgremien).

Doch es gibt auch ein anderes Phänomen, das da reinspielen dürfte und das im ablaufenden Jahr besonders deutlich wurde – in der Finanzbranche mehr als andernorts. Nämlich dass es stärker menschelt an den oberen Etagen.

Und dass die Spitzenleute daher eher bereit sind, den Bettel hinzuschmeissen. Oder offen einzugestehen, dass sie die Nase voll haben.

ABB, Richemont, Shell, Roche, Swiss Re, Raiffeisen...

  • Eines der berühmtesten Beispiele des Jahres war ABB-Chef Joe Hogan: Er kündigte im Juni seinen Rücktritt an, weil er sich stärker der Familie widmen wolle.
  • Fast zeitgleich meldete Richemont-Chef Johann Rupert, dass er eine Auszeit braucht: zwölf Monate Pause. «Ich will endlich wieder Herr über meine Zeit sein», so die Erklärung.
  • Der Schweizer Shell-CEO Peter Voser kündigte ebenfalls einen Rücktritt an – mit der Begründung, es sei Zeit für einen «Wandel im Lebensstil» sowie mit dem Wunsch, mehr Zeit für seine Familie zu haben.
  • Auch beim Wechsel von Christoph Franz von Lufthansa zu Roche soll das Ziel, näher bei der Familie und ferner vom Dauerdruck zu sein, eine Hauptrolle gespielt haben.

Die Männer oben schämen sich offenbar nicht mehr für die Einsicht, dass ihre Belastungsfähigkeit Grenzen hat. Und sie stehen dazu, dass sie austauschbar sind.

Die Finanzbranche war bei diesem Trend für einmal voll dabei: Mit Stefan Lippe hatte sie ja schon früh ein prominentes Signal gesetzt – der Swiss-Re-Konzernchef wählte bekanntlich Anfang 2012, mit nur 56 Jahren, die Frühpensionierung. Anlass zu einer kleinen Schweizer Aussteigerdiskussion bot dann dieses Jahr Pierin Vincenz: Der Raiffeisen-Chef tauschte im Herbst den Büro- mit dem Strandsessel und genoss ein Sabbatical.

«...um seiner Familie mehr Zeit zu widmen»

Bemerkenswert sind hier zwei Aspekte: Während unlängst noch jede Top-Kündigung mit hohlen Floskeln verbrämt wurde («im gegenseitigen Einvernehmen», «neue Herausforderung suchen»), so werden Rücktritte aus gesundheitlichen, persönlichen oder familiären jetzt plötzlich offen bekanntgegeben:

Hätte man sich so ewas vor fünf oder zehn Jahren vorstellen können?

So der so: Der Kulturwandel ist klar

Natürlich kann man spekulieren, ob da nicht einfach die Tarnbegriffe ausgetauscht werden: Statt «Uneinigkeit über die strategische Ausrichtung» heisst es jetzt halt moderner «aus familiären Gründen».

Doch alleine dies würde ja bereits einen dramatischen Kulturwandel belegen.

Zudem: Zwei andere Ereignisse machten dieses Jahr noch dem letzten in der Branche klar, dass Stress, Überbelastung und Durchbeissen keineswegs sinnvolle Nebeneffekte der Arbeit in der Finanzwelt sind, sondern Fehlentwicklungen sein können. Da war zum einen der Tod des überbelasteten Merrill-Lynch-Praktikanten in London. Und da war andererseits der Freitod des Zurich-Finanzchefs Pierre Wauthier.

Nebeneffekt der Super-Boni

Mehr und mehr begannen also grosse Banken, ihren Mitarbeitern Programme und Hilfsangebote zu offerieren, welche Auswege aus der Stressfalle bieten (siehe etwa hier oder hier).


Warnung vor dem Burnout: Ein im August veröffentlichter Spot von Credit Suisse


Es gäbe allerdings noch eine weitere Erklärung für den Trend zur offen kommunizierten Menschlichkeit: Die Top-Gehälter sind in den letzten Jahren in Höhen gestiegen, wo es sich ein 45-, 50- oder 55-Jähriger viel lockerer leisten kann, die Sinnfrage zu stellen – und sich dann für den Ausstieg zu entscheiden.

Es wäre ein ökonomisch nicht eingeplanter Nebeneffekt der steigenden Managerlöhne: Am Ende schrumpft der Pool an Spitzenleuten. Und die Super-Ehrgeizlinge bleiben noch viel stärker unter sich.


Wie bringt man Top-Job und Familie unter einen Hut? Tipps von Jim O'Neill, damals noch Chairman Goldman Sachs Asset Management (Mai 2012)

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