Decalia-Fondsmanager: «Bezahlt, um die Benchmark zu schlagen»
Der Zinsschock von 2022 hat zahlreiche thematische Wachstumsfonds abgehängt. Dazu gehörte geraume Zeit auch der Future Society Fund von Decalia. In diesem Jahr hat sich das Blatt jedoch gewendet. In seiner Morningstar-Kategorie mit rund 2'500 Fonds zählt er seit Jahresbeginn und über ein Jahr zu den besten 10 Prozent, über drei Jahre liegt er im 13. Perzentil. «Das weckt automatisch Interesse», sagt Quirien Lemey, der den Fonds seit dessen Lancierung Ende 2021 verwaltet und ihn kürzlich in Zürich vorstellte.
Seit Auflage liegt der Fonds allerdings noch hinter dem MSCI World zurück. Lemey weicht der Frage nach dem Grund nicht aus. «Da wir in Innovation und Disruption investieren, haben wir automatisch eine Wachstumsneigung. Das ist schlicht eine Tatsache.» Hinzu kommen eine Technologielastigkeit und eine bewusste Ausrichtung auf Mid Caps – «hatten wir immer, werden wir immer haben». So wurde 2022 zum perfekten Sturm: «Wir erlebten einen der steilsten und schnellsten Zinsanstiege überhaupt. Alle Wertpapiere, deren Wachstum in der Zukunft liegen, leiden dann: Small Caps, Technologie, Growth.»
Übergewicht bei kleineren Firmen
Rund ein Drittel des Vermögens steckt in Unternehmen mit einer Börsenkapitalisierung von unter 40 Milliarden Dollar, «deutlich mehr als es im Index der Fall ist». Fast vier Jahre lang bremste das die Performance. «Erst seit diesem Jahr funktionieren Small und Mid Caps.» An die damalige Stimmung erinnert sich Lemey lebhaft. «Ich werde nie vergessen, dass Technologie irgendwann ein Schimpfwort war. Man konnte mit Kunden nicht über Technologie sprechen. Big Tech war tot.» Er musste sogar vor dem eigenen Verwaltungsrat das Gegenteil vertreten. «2022 war ein sehr deprimierendes Jahr, machen wir uns nichts vor.»
Das Urteil über die gesamte Bilanz solle man bis Ende November abwarten, sagt er, wenn der Fonds fünf Jahre alt wird und sein Fünfjahres-Rating von Morningstar erhält. Gegenüber seinen 16 engsten in der Schweiz vertriebenen Konkurrenten liegt Future Society seit Auflage auf Rang eins, so Lemey.

Mid und Small Caps sowie Healthcare: Hier weicht Future Society vom Index ab. (Quelle: Decalia, Stand 22. September 2026)
Nicht einfach ein weiterer Wachstumsfonds
Ein Blick auf die zehn grössten Positionen lässt einen konventionellen globalen Wachstumsfonds vermuten. Lemey räumt ein, dass es so aussieht: «Wer unsere Top Ten anschaut, denkt: Ach, das ist einfach ein Fonds wie jeder andere. Da bin ich völlig einverstanden.» Die Erklärung liegt in der Benchmark. «Ich werde nach wie vor dafür bezahlt, eine Benchmark zu schlagen. Wenn ich bei Nvidia positiv bin, brauche ich mindestens 5 Prozent Nvidia. Sonst bin ich in Nvidia eigentlich untergewichtet.»
Was ins Portfolio kommt, entscheidet trotzdem die Überzeugung: «Meta hatten wir nie. Hätten wir haben sollen. Tesla hatten wir nie. Hätten wir haben sollen. SpaceX haben wir nicht. Apple haben wir fast keine, und Microsoft gewichten wir neutral.» Unterhalb der Top Ten – die zehntgrösste Position wiegt rund 1,7 Prozent – folgt ein langer Schwanz von rund 70 Unternehmen, viele davon kleiner, hochinnovativ und teuer. «Die Bewertung ist einer der Hauptfaktoren, die das Gewicht im Fonds bestimmen. In der Regel gilt: Je tiefer die Bewertung, desto höher das Gewicht.»
Ein KI-Ausverkauf, der «sehr schnell ging»
Der Sommer brachte einen heftigen Ausverkauf bei KI-Titeln. «Das KI-Momentum lag irgendwo zwischen minus 30 und minus 50 Prozent, und das innert weniger Wochen.» Lemey hatte hoch bewertete Titel schon zuvor reduziert: Cybersecurity-Aktien wie CrowdStrike, Cloudflare und Palo Alto Networks sowie kleinere KI-Zulieferer wie SiTime und Lattice. «Es ging sehr schnell. Wir dachten: Okay, das gerät jetzt ausser Kontrolle.»
Nach der Korrektur stieg das Team wieder in KI ein, aber nicht in der vordersten Reihe. «Wir haben uns entschieden, wieder in Titel zu gehen, die KI-exponiert sind, aber nicht an vorderster Front stehen und nicht die höchsten Bewertungen aufweisen.» Statt CrowdStrike und Cloudflare kaufte es Okta, statt SiTime GlobalFoundries, «gehandelt zum 18-Fachen des Gewinns». Und: «Wir haben sogar noch etwas Nvidia zugekauft, zum 14-Fachen des Gewinns.»
Erneuerbare: Gute Geschäftsmodelle sind rar
Nicht jeder Schritt dreht sich um KI. Der Kauf von Nordex spiegelt eine antizyklische Sicht auf erneuerbare Energien: «Wir glauben, dass der Pessimismus bei den Erneuerbaren seinen Höhepunkt erreicht hat. Das einzige Problem: Es ist nicht einfach, gute Geschäftsmodelle zu finden.» Auf der Verkaufsseite musste Netflix gehen, eine Position seit über zehn Jahren. «Ich glaube einfach, dass die alte Wachstumsgeschichte der letzten zehn Jahre vorbei ist.»
Auf KI-Infrastruktur entfallen rund 35 Prozent des Portfolios. Ist das zu viel? Lemey dreht die Frage um: «Nennen Sie mir ein anderes Thema, das funktioniert und die Zukunft der Gesellschaft prägt. Nennen Sie mir eins.»

KI als nächste lange Innovationswelle. (Quelle: Decalia; illustrativ)
Strukturelle Unterthemen
Das Engagement sei über strukturelle Unterthemen diversifiziert, argumentiert er – etwa Hochspannungs-Rechenzentren, optische Konnektivität und Verbindungshalbleiter, die unabhängig von den Investitionsausgaben weiter wachsen dürften. Bei den Grenzen dieses Arguments ist er allerdings offen: «Wenn die KI-Investitionen plötzlich sinken, werden wahrscheinlich alle fallen, weil der Markt keine Unterschiede machen wird.»
Und zur Kritik an der zirkulären Finanzierung rund um Nvidia, in der manche eine Blase sehen: «Wir sind sehr wachsam. Irgendwann werden die Investitionen zurückgehen. Aber bisher sehen wir buchstäblich null Datenpunkte, die darauf hindeuten. Da draussen gibt es nichts, buchstäblich nichts.» Die Visibilität reiche 12 bis 18 Monate. «Ich habe eine Meinung dazu, wie es in drei oder vier Jahren aussieht, aber ich weiss es nicht. Gestützt auf viele Datenpunkte bin ich mir hingegen ziemlich sicher, dass das nächste Jahr kein Problem sein wird.»
Zuversichtlich nach der Bewertungskorrektur
Aus der Bahn werfen könnte das nur etwas von aussen, «zum Beispiel, wenn KI etwas Verrücktes tut und ein Ereignis mit zahlreichen Todesopfern verursacht». Geopolitische und makroökonomische Schocks ausgenommen, ist Lemey nach der Bewertungskorrektur und den Ausblicken von Nvidia und Broadcom optimistisch: «Ich glaube, wir stehen vor einer KI-Rally.»
Die grösste Verschiebung dieses Jahres fand ausserhalb der Technologie statt. Innert weniger Monate stieg das Healthcare-Engagement von 11 auf über 18 Prozent. Wie Software litt der Sektor unter einem «Covid-Kater» und steht vor einer Patentklippe, sagt Lemey. Doch historisch sei Healthcare «der Sektor, der langfristig bei der Performance gleich nach Technologie kam». Anfang Jahr «sahen wir in den Unternehmensergebnissen Verbesserungen, also entschieden wir uns, voll einzusteigen».
Healthcare: negative Korrelation mit Technologie
Ebenso wichtig war die Diversifikation: In diesem Jahr drehte die Korrelation des Sektors mit Technologie und KI deutlich ins Negative. «Endlich hatten wir Überzeugung in etwas, das nichts mit KI zu tun hat – und genau das wollen wir in unserem Fonds finden.»
Iana Perova, die Healthcare-Spezialistin des Teams, widerspricht der Darstellung, dem Gesundheitssektor sei die Luft ausgegangen. «Das liegt nicht daran, dass es keine Innovation gäbe. Es gibt viele neue Zulassungen, neuartige Medikamente für Krankheiten, die wir früher nicht behandeln konnten.» Die Schweiz sei «einer der am besten positionierten Märkte in Europa», sagt sie, und der Fonds halte wohl mehr Schweizer Healthcare-Titel als der durchschnittliche globale Fonds.
Die grösste Healthcare-Wette gilt Life Sciences
Perova nennt Galderma; Sandoz, die Marktführerin bei Biosimilars, die profitieren dürfte, wenn Big Pharma an die Patentklippe stösst, mit «denselben innovativen Medikamenten, aber zu tieferen Kosten»; sowie Lonza, den grössten Auftragsentwickler und -hersteller der Branche, der Krebsmedikamente der nächsten Generation, sogenannte Antikörper-Wirkstoff-Konjugate, produziert und kürzlich ein Werk in den USA übernommen hat – «für alle, die angesichts von Trumps Vorgaben in den USA produzieren wollen».
Die grösste Healthcare-Wette sind jedoch Life Sciences: die Lieferanten von Anlagen für die Medikamentenherstellung und von Instrumenten für die Laborforschung. Nach dem Lageraufbau der Covid-Zeit «dauerte die Normalisierung länger, als irgendjemand erwartet hatte. Es dauerte vier Jahre.» Nun setze ein doppelter Rückenwind ein. Zum einen das Reshoring in die USA: «All diese Pharmawerke müssen mit Produktionsanlagen ausgestattet werden.» Zum anderen die KI-gestützte Wirkstoffforschung, die zum Trainieren der Modelle hochwertige Labordaten benötigt. «Wir sehen eine zunehmende Aktivität bei Laborexperimenten.»
Ziel: 200 Millionen an verwalteten Vermögen
Kommerziell will der Fonds die Marke von 200 Millionen an verwalteten Vermögen «so schnell wie möglich» überschreiten, «weil das andere Kunden erschliesst». Die Performance-Ambition ist noch höher: «Sind wir mit den Top 10 Prozent zufrieden? Ich bin lieber im ersten Perzentil.» Bei seinem früheren Arbeitgeber sei er über ein, zwei, drei und fünf Jahre im ersten Perzentil gewesen, sagt Lemey.
Weshalb wechselte er 2021 von Degroof Petercam in Brüssel nach Genf? «Ich will mich hinter nichts verstecken. Da ist definitiv der finanzielle Aspekt. Die Löhne sind ein Vielfaches höher als in Belgien.» Der zweite Grund sei die unternehmerische Kultur von Decalia und die Chance, «am möglichen Erfolg direkter teilzuhaben».
Genf: «Im Sommer unschlagbar»
Bereut? «Wenn ich es bereuen würde, wäre ich nicht hier.» Genf im Sommer sei unschlagbar: «Es ist der einzige Ort, den ich kenne, wo wir mittags rausgehen, in den Fluss springen – oder in den See – und um zwei Uhr wieder zurück sind.»
Innerhalb von Decalia gehört Future Society zu den vielversprechendsten Fonds im institutionellen Asset Management, dem drittgrössten Geschäftsbereich der Gruppe.
Quirien Lemey ist Lead Portfolio Manager von Decalia Future Society und Senior Fund Manager Global Equities bei Decalia in Genf, wo er 2021 eintrat. Zuvor war er elf Jahre bei Degroof Petercam in Brüssel tätig, ab 2015 als Fund Manager Global Equities und davor als Buy-Side-Analyst für Telekommunikation, Medien und Technologie.
Iana Perova ist seit März 2026 Fondsmanagerin bei Decalia und verwaltet Future Society mit Schwerpunkt Healthcare mit. Sie stiess 2020 zu Decalia und war ab 2022 als Aktienanalystin für den globalen Gesundheitssektor tätig.














