Birgit Olsen, Bellevue: «Europa wird unterschätzt und genau darin liegt die Chance»
Wer an die grossen Gewinner des Booms rund um künstliche Intelligenz denkt, landet fast zwangsläufig bei Nvidia, Microsoft oder den anderen amerikanischen Technologieriesen. Doch möglicherweise lohnt es sich, den Blick von der Wall Street abzuwenden und stattdessen nach Europa zu richten.
Davon ist Birgit Olsen, Head Entrepreneur Investments bei Bellevue Asset Management, überzeugt. Seit 15 Jahren investiert sie mit dem Fonds Bellevue Entrepreneur Europe Small in europäische Small und Mid Caps und hat damit seit der Lancierung eine annualisierte Nettorendite von rund 11 Prozent erzielt.
Im Gespräch mit finews erklärt die erfahrene Fondsmanagerin, weshalb die Börse das Potenzial zahlreicher europäischer Unternehmen noch immer unterschätzt.
«Europa ist ein Aussenseiter»
Während amerikanische Technologiekonzerne die internationalen Aktienindizes dominieren, führen europäische Nebenwerte an den Kapitalmärkten ein vergleichsweise bescheidenes Dasein. Sie werden weiterhin mit einem Bewertungsabschlag gegenüber den grossen Unternehmen gehandelt.
Für Olsen ist das allerdings nicht zwingend ein Nachteil.
«Europa ist ein Aussenseiter», sagt sie. Doch gerade diese Position könne für Anleger interessant sein. Denn wer unterschätzt werde, habe aus Sicht des Risiko-Rendite-Verhältnisses einen Vorteil.
Hinzu kommt, dass sich die wirtschaftlichen Perspektiven allmählich aufhellen. Frühindikatoren hätten sich verbessert, und die Wachstumserwartungen für Europa würden tendenziell nach oben revidiert – «sogar in Deutschland».
Olsen warnt deshalb davor, europäische Aktien allein anhand der politischen und wirtschaftlichen Schlagzeilen zu beurteilen. Viele der Unternehmen, in die sie investiert, sind international aufgestellt und in ihren jeweiligen Marktnischen führend.
Die versteckten Gewinner des KI-Booms
Besonders interessant wird das Gespräch, als es um künstliche Intelligenz geht.
Die gewaltigen Investitionen der amerikanischen Technologiekonzerne fliessen nämlich keineswegs ausschliesslich zu den bekannten Halbleiterherstellern. Der Aufbau von Rechenzentren erfordert Kühlung, Stromversorgung, industrielle Komponenten und komplexe technische Lösungen.
Genau hier sieht Olsen erhebliche Chancen für europäische Industrie- und Engineering-Unternehmen.
«Man mag es nicht glauben, aber europäische Small und Mid Caps haben sehr gute Chancen, von diesen Cashflows zu profitieren», erklärt sie.
Der KI-Boom könnte damit Unternehmen zugutekommen, die in der öffentlichen Wahrnehmung kaum mit künstlicher Intelligenz in Verbindung gebracht werden.
Und KI ist längst nicht der einzige Wachstumstreiber. Auch die Elektrifizierung, der Wunsch nach grösserer Energiesicherheit und Investitionen in die Infrastruktur eröffnen neue Geschäftsmöglichkeiten.
«Ich habe noch nie in meiner Karriere so viele strukturelle Wachstumsthemen gesehen», sagt Olsen.
Für sie hat die Renaissance europäischer Industrieunternehmen deshalb bereits begonnen.
Warum Familienunternehmen die besseren Investments sein können
Ein weiterer Schwerpunkt des Podcasts ist eine Anlagephilosophie, der Olsen seit vielen Jahren treu bleibt: Sie bevorzugt Unternehmen mit starken Ankeraktionären, insbesondere Gründer- und Familienunternehmen.
Dahinter steckt eine einfache Überlegung. Familien, die einen erheblichen Teil ihres Vermögens im eigenen Unternehmen halten, haben ein besonderes Interesse an dessen langfristigem Erfolg.
Solche Unternehmen seien häufig konservativer finanziert, hätten tiefere Verschuldungsgrade und setzten stärker auf profitables Wachstum aus eigener Kraft.
Doch auch hier gibt es Warnsignale. Hohe Schulden, häufige Wechsel in der Geschäftsleitung und eine fehlende langfristige Perspektive machen Olsen skeptisch.
Was zeichnet einen erfolgreichen Hidden Champion aus? Und woran erkennt man frühzeitig, dass eine vermeintlich attraktive Investmentgeschichte nicht aufgeht?
Auch darauf liefert die Fondsmanagerin konkrete Antworten.
«Wir haben uns ordentlich verfranst»
Bemerkenswert offen spricht Olsen über die Fehler ihrer bisherigen Karriere.
«Wir haben neben den Erfolgen auch einige Positionen, wo wir uns ordentlich verfranst haben», räumt sie ein.
Gerade im Medizintechnikbereich verliefen nicht alle Investments nach Plan. Im Podcast nennt sie konkrete Beispiele, darunter Carl Zeiss Meditec, und erklärt, weshalb selbst überzeugende Geschäftsmodelle nicht automatisch erfolgreiche Aktienanlagen sind.
Entscheidend sei, Fehlentwicklungen rechtzeitig zu erkennen, sie im Team kritisch zu diskutieren und konsequent zu handeln.
Dass der Fonds über 15 Jahre eine annualisierte Nettorendite von rund 11 Prozent erreicht hat, führt Olsen denn auch nicht auf einzelne spektakuläre Börsentreffer zurück.
Viel wichtiger seien ein konsequenter Anlageprozess, starke Bilanzen, gutes Management und die Bereitschaft, kurzfristigen Modetrends zu widerstehen.
Warum europäische Nebenwerte vor einer Neubewertung stehen könnten, welche Unternehmen vom KI-Boom profitieren, was Familienunternehmen an der Börse besonders macht und welche Lehren Birgit Olsen aus ihren eigenen Investmentfehlern gezogen hat – darüber spricht sie im neuen finews-Podcast.
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