Bordeaux und Bolgheri: Peter Sloterdijks Anleitung zum Geniessen

Darf man geniessen, wenn anderswo die Bomben niederprasseln? Mit dieser Leitfrage steckte Giuseppe Gracia, Herausgeber des «Schweizer Monat», den Rahmen seines Gesprächs mit Peter Sloterdijk ab. Der aus Deutschland angereiste Philosoph bejahte sie am Donnerstagabend im Literaturhaus Zürich in humorvollen Verschlängelungen.

«Der Mensch als gebendes Wesen begnügt sich nicht damit, Gedanken zu verwalten», sagte der Alt-68er. In den genussfeindlichen Tendenzen der Gegenwart erkannte er eine Art «post-calvinistische Belastungsstörung». Post-zwinglianisch hätte auch gepasst.

Calvin lässt grüssen

Die alte Gegenüberstellung von genussfreundlichen Katholiken und strengen Protestanten sei allerdings falsch. Schon das früheste Christentum habe einen deutlich antihedonistischen Zug getragen. Die Bejahung des Daseins im Diesseits sei ein eher neues Phänomen.

Vor Christus sei Gottähnlichkeit mit Leidlosigkeit gleichgesetzt worden, durch Christus sei dieser Weg dann «versperrt» worden. Den Genuss lobte Sloterdijk als «Lustmomente», eingesprengselt in die allgemeine Leidensgeschichte des Menschen, die Passion.

Kommissar und Yogi

Seine biografischen und philosophischen Wurzeln liegen in der 68er-Bewegung. Diese habe sich um zwei Pole gruppiert: den Kommissar und den Yogi, modellhaft herausgearbeitet von Arthur Koestler in seinem Essayband von 1945.

Die Yogi-Seite habe eine «pro-erotische Stimmung» postuliert, als Gegengift zur angeblich bewusst herbeigeführten libidinösen Unterversorgung des Proletariats. «Ich gehörte zur hedonistischen Linken!», bekannte Sloterdijk und schob vergnügt nach: «Mit gewissen Formen der Bereicherung habe ich mich abgefunden.»

Kreuzzug gegen den Rebensaft

Mit «Bereicherung» meint der Philosoph unter anderem Bordeaux und Bolgheri, seine bevorzugten Weinprovenienzen. Darin reimte er sich auf Philipp Schwander. Der Inhaber der Selection Schwander warnte zum Abschluss der Veranstaltung vor dem Kreuzzug, den die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und Journalisten gegen den Alkohol führten.

Philipp Schwander am Rednerpult, rechts Peter Sloterdijk, im Literaturhaus Zürich. (Bild: finews)
Philipp Schwander widmete sich der Weltgesundheitsorganisation. (Bild: finews)

Mit den Spassbremsen hatte er bereits früher, unter anderem im Interview mit finews, abgerechnet: «Da ist eine philisterhafte, besserwisserische Art von Mensch am Werk, die keine Freude am Leben hat.»

Vom langen Leben

Zurück zu Sloterdijk: Den Epikureismus, wonach man nur so sehr geniessen solle, dass man es «nicht mit Leiden bezahlen muss», ordnete er als das klassische Kleinbürger-Motto ein: nichts im Übermass.

Den neuen Puritanismus im Namen der Gesundheit quittierte er mit Selbstironie: «Ich bin leider so alt geworden, dass ich diesen noch wahrnehmen muss.» Und weiter: «Physische Langlebigkeit ist kein erstrebenswertes Ziel. Ich werde demnächst 80 und mokiere mich über die 90-Jährigen und die, die es werden wollen.»

Ein besseres Lied

Zum Schluss griff Sloterdijk zu Heinrich Heine und dessen «Deutschland. Ein Wintermärchen»:

Ein neues Lied, ein besseres Lied,
O Freunde, will ich euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten.

In Ansätzen gelang das beim anschliessenden Apéro riche, mit Weinen von Schwander und Delikatessen der Engadiner Metzgerei Hatecke.