Das neue Statussymbol trägt man im Mund

Eine Luxusuhr lässt sich ablegen, ein Ferrari in der Garage stehen lassen. Die eigenen Zähne trägt man dagegen immer mit sich. Für Nazanin Böhle, Kieferorthopädin und Gründerin der Zürcher Praxis House of Smiles, gehören gepflegte Zähne deshalb längst zum persönlichen Auftreten. «Gesunde, gepflegte Zähne sind ein stilles Statussymbol», sagt sie im Gespräch mit finews in ihrer Praxis an der Löwenstrasse. Wenn Böhle spricht, funkelt an einem ihrer oberen Schneidezähne ein kleiner Schmetterling – ein «Tooth Gem», wie der Zahnschmuck heute genannt wird.

Was sie ihren Patienten ersparen will

Dass sie einmal selbst auf der anderen Seite des Behandlungsstuhls sitzen würde, wusste sie erstaunlich früh. Nicht, weil sie als Kind gerne zum Zahnarzt ging. Im Gegenteil. Sechs Jahre dauerte ihre eigene kieferorthopädische Behandlung. Mehrere Zähne wurden gezogen, zeitweise musste sie einen sogenannten «Headgear» tragen – und den, gibt sie lachend zu, habe sie natürlich möglichst wenig getragen. Die Behandlung zog sich dementsprechend in die Länge.

Nazanin Boehle

Bereits mit 15 Jahren war für Nazanin Böhle klar, dass sie Kieferorthopädin werden will. (Bild: zVg)

«Das hat mich dazu gebracht, einen besseren, einfacheren Weg zu finden.» Mit gerade mal 15 Jahren stand für Böhle fest: Sie wollte Kieferorthopädin werden. Die gebürtige Iranerin wuchs in Dubai auf, studierte Zahnmedizin und bildete sich später unter anderem in Deutschland, Madrid und Paris weiter. Seit vier Jahren lebt und arbeitet sie in Zürich.

Hollywood war gestern

Böhle hat es in ihrem Beruf teilweise mit Patienten zu tun, denen ganz andere Möglichkeiten offenstehen als ihr selbst damals. Doch nicht nur die Technik hat sich verändert. Auch die Vorstellung davon, was ein schönes Lächeln ausmacht, habe sich gewandelt. Jahrelang war das Ziel, möglichst gerade, möglichst weisse, möglichst makellose Zähne zu haben. Das klassische Hollywood-Smile eben. Inzwischen, beobachtet Böhle, verliere dieses Ideal an Strahlkraft.

«Die moderne Ästhetik bedeutet eher, weniger zu machen und trotzdem das bestmögliche Ergebnis zu erzielen.» Eine kleine Fehlstellung korrigieren, die Zahnreihen harmonisieren, vielleicht die Farbe aufhellen – ohne dass am Ende jeder Zahn aussieht wie der nächste. Besonders wichtig sei diese Zurückhaltung bei Kunden aus der Finanzbranche und allgemein aus Berufen mit viel Kundenkontakt. «Meine Kundschaft aus dem Finanzwesen will alles sehr diskret haben. Es soll nicht fake aussehen, sondern immer noch natürlich.»

behandlungsstuhl

Noch ist der Stuhl leer: Ein Blick in eines der Behandlungszimmer von Nazanin Böhle. (Bild: zVg)

Hauptsache, keiner sieht’s

Wer täglich Kunden empfängt, präsentiert oder ein Team führt, würde nicht unbedingt mit sichtbaren Metallbrackets im Büro sitzen wollen. Transparente Schienen hätten die Kieferorthopädie deshalb auch für Erwachsene interessanter gemacht. Während Zahnspangen früher vor allem mit Teenagerjahren verbunden waren, sei ihre Kundschaft heute wesentlich breiter, erzählt Böhle. Vom fünfjährigen Kind bis zum über 70-jährigen Patienten sei alles dabei.

Das Ergebnis gibt es quasi vorab

Bevor Böhle die erste Schiene einsetzt, könne sie ihren Patienten bereits zeigen, wohin die Reise gehen soll, was die Kieferorthopädin für einen entscheidenden Fortschritt hält. Am Bildschirm erscheint das mögliche Ergebnis einer Behandlung, die noch gar nicht begonnen hat. Dafür wird der Mund digital erfasst. Künstliche Intelligenz helfe anschliessend dabei, Zahnbewegungen vorauszuplanen und einzelne Behandlungsschritte zu simulieren, erklärt Böhle. Für die Patienten werde damit sichtbar, wie sich die Zahnstellung im Laufe der Behandlung verändern soll.

zähne mit ki

Das neue Lächeln entsteht zuerst am Bildschirm. (Bild: zVg)

Schneller schön – aber zu welchem Preis?

Auch die Behandlungsdauer habe sich verkürzt. Fälle, für die früher mehrere Jahre nötig gewesen seien, liessen sich laut Böhle teilweise innerhalb weniger Monate behandeln. Bei einfachen Korrekturen seien mitunter rund zehn Wochen möglich.

Wer bei der Ästhetik noch weiter gehen möchte, kann allerdings schnell viel Geld loswerden. Mit 440 Franken gehört ein professionelles Bleaching bei House of Smiles noch zu den überschaubareren Eingriffen. Abhängig davon, wie viel Kaffee oder Rotwein jemand trinkt oder ob geraucht wird, halte das Ergebnis ungefähr ein bis zwei Jahre.

Gebiss

Kleine Schale, grosser Preis: Ein Veneer kann bei Böhle 2'400 Franken kosten. (Bild: zVg)

Ein Ferrari für die Zähne

Eine ganz andere Preisklasse sind sogenannte «Non-Prep-Veneers». 2'400 Franken kostet eine der dünnen Keramikschalen pro Zahn. Wer zehn Zähne im Oberkiefer behandeln lässt, landet damit bei 24'000 Franken. Nazanin Böhle nennt diese Behandlung selbst den «Ferrari» ihres Angebots.

An die Substanz geht Böhle nicht

Ihr sei es dabei ein grosses Anliegen, die gesunde Zahnsubstanz zu bewahren. «Zahnsubstanz ist unersetzbar», betont sie. Bevor Keramik zum Einsatz komme, versuche sie deshalb zunächst, die Zähne kieferorthopädisch in die gewünschte Position zu bringen.

Kritisch sieht Böhle dagegen Methoden, bei denen gesunde Zähne stark abgeschliffen werden. Unter dem Schlagwort «Turkey Teeth» kursieren auf TikTok und Instagram zahlreiche solcher Bilder: Natürliche Zähne werden teils massiv präpariert, bevor sie überkront oder verblendet werden.

Und was findet die Expertin selbst schön?

Bleibt noch die Frage, was eine Frau eigentlich selbst als schön empfindet, die sich jeden Tag beruflich mit Ästhetik beschäftigt. «Für mich ist Schönheit vor allem Harmonie und Individualität», sagt sie. Jeder Mensch sei anders – und genauso individuell sollte am Ende auch das Ergebnis sein. Entscheidend sei nicht, einem bestimmten Ideal möglichst nahezukommen, sondern sich selbst darin wiederzuerkennen.