Jan Schoch: «Wir haben im Ausland den grössten Wachstumsbedarf»

Der Chef des Derivate-Spezialisten Leonteq sagt, wo er am meisten Stellen schaffen will, wie die Chancen für Fintech in der Schweiz stehen – und wieso er Hotelbesitzer wurde.

Herr Schoch, zur Bilanzpräsentation erscheinen Sie im Karo-Hemd und ohne Krawatte. Ein klares Statement, dass Sie keine blosse Finanzfirma, sondern eben ein Fintech-Unternehmen führen?

Ich trete authentisch auf – so wie ich mich auch zu Hause kleide. Das entspricht der Kultur von Leonteq.

Mit 60 Prozent mehr Gewinn und einem Drittel mehr Umsatz als 2013 legte Leonteq erneut ein starkes Resultat hin. Lässt das für die ganze Fintech-Branche in der Schweiz hoffen?

Auf jeden Fall. Ich glaube sehr stark an Fintech. Die ganze Finanzindustrie steht unter Zugzwang, sich zu ändern und ihr Geschäft mehr nach dem Willen der Kunden auszurichten. Denn die zahlen ja am Ende die Rechnung. Das läuft daraus hinaus, dass sich die Anbieter spezialisieren werden. Dies wiederum bietet zahlreichen neuen Geschäftsmodellen Chancen. Wir bleiben derweil unserem aktuellen Fokus treu.


«Finanzdienstleister müssen fokussieren»


Und die Banken werden an den Rand gedrängt?

Es ist eine Zusammenarbeit. In der Autoindustrie beträgt die Fertigungstiefe 30 Prozent, im Banking ist sie viel höher. Finanzdienstleister, die das erkennen und auf gewisse Bereiche – etwa nur die Kundenfront – fokussieren, werden auch in einem stagnierenden Markt sehr erfolgreich sein.

Kurzfristig sehen aber auch Sie die Zukunft nicht nur rosig. Dass die Kosten bei Leonteq zu 78 Prozent in Franken anfallen, schmälert die Gewinnkraft. Backen Sie künftig kleinere Brötchen als 2014?

Wir geben keine Prognosen. Wir sind zuversichtlich bezüglich unseres Geschäftsmodells. Es ist unserer Meinung nach einzigartig, und die Eintrittshürden für potenzielle Konkurrenz werden täglich höher.

Also alles bestens?

Es trifft zu, dass sich Unsicherheiten auf die Volumen niederschlagen können. Die Anleger meiden dann möglicherweise neue Investitionen, wie es sich auch bei uns kurzfristig nach dem SNB-Entscheid vom Januar zeigte. Insofern könnten auch die gegenwärtigen geopolitischen Risiken noch Spuren hinterlassen.


«Konzentrieren uns auf Asien und Europa»


Letztes Jahr sprühten Sie noch vor Optimismus. Leonteq nahm Kapital auf, investierte kräftig in Technologie und schuf 70 neue Stellen. Am schnellsten bauten sie dabei das Personal in Asien aus, wo sie mit der Singapurer Bank DBS einen neuen Partner gewonnen haben. Verlagert auch Leonteq das Wachstum zunehmend dorthin?

Zahlenmässig stellten wir zuletzt mit 42 Personen in der Schweiz am meisten Personal ein. Anderseits beschäftigen wir hierzulande schon mehr als 270 Personen. Darum haben wir gemessen an der Gesamtfirma im Ausland den grössten Wachstumsbedarf.

Wohin zieht es Leonteq?

Es ist klar, dass wir weiterhin auf Asien und Europa fokussieren. Was Europa betrifft, stellt sich für uns weniger die Frage nach einzelnen Ländern, sondern nach einem Partner, der Produkte in der ganzen Region vertreiben kann. Solche Partner finden sich eher in den grösseren Märkten.

Erstmals kam bei Leonteq 2014 mehr Ertrag aus dem Geschäft mit Partnern als mit eigenen Produkte-Emissionen. Wieviel neue Partner müssen Sie 2015 gewinnen, um die Skaleneffekte Ihrer Finanzprodukte-Plattform optimal zu nutzen?

Wir haben nach unseren Investitionen vom vergangenen Jahr in Technologie und Personal die Fähigkeit, mehrere Partner pro Jahr gleichzeitig an Bord zu holen. Das war auch der Haupttreiber für unsere Kapitalerhöhung. Vorher konnten wir nur eine Bank und einen Versicherer pro Jahr einbinden.


«Wir sind in Gesprächen»


Letztes Jahr konnte Leonteq keinen Versicherer gewinnen. Sind Sie da zuversichtlicher für 2015?

Sie können davon ausgehen, dass in der Schweiz verschiedene Gespräche stattfinden. Genaueres werden wir zu gegebener Zeit kommunizieren.

Eine andere wichtige Partnerschaft ist jene mit der Genossenschafts-Bank Raiffeisen, die auch Aktionärin von Leonteq ist. Durch das kürzlich erfolgte Schiedsurteil im Streit zwischen Raiffeisen und Vontobel bleibt Ihnen nun Raiffeisen bis 2017 als gewichtiger Produkte-Partner versagt. Wieviel Potenzial geht Ihnen da ab?

Die Emission strukturierter Anlageprodukte durch die Notenstein Privatbank – einer Tochtergesellschaft von Raiffeisen – über die Leonteq-Plattform kann unverändert weitergeführt werden. Ebenso ist der Vertrieb dieser Produkte ausserhalb des Raiffeisen-Kanals nicht vom Urteil betroffen.

Aber?

Einzig die Distribution von strukturierten Anlageprodukten der Notenstein Privatbank an die Raiffeisenbanken wird mit einer Beschränkung bis zum Ende der Kooperationsvereinbarung zwischen Vontobel und Raiffeisen im Juni 2017 belegt. Dieses Geschäft machte 2014 weniger als rund 1 Prozent der Erträge von Leonteq aus. Der Vertrieb von strukturierten Anlageprodukten von Leonteq an die Raiffeisenbanken sowie der Vertrieb von Notenstein-Produkten an eigene Kunden der Notenstein Privatbank ist vom Urteil nicht betroffen.


«Der Gesellschaft etwas zurückgeben»


Zu reden gab auch Ihr Investment in das Hotel Bären in Gonten AI. In der Branche wurde spekuliert, Sie wechselten bald ins Immobilienfach. Zu recht?

Mein langfristiges Engagement gilt klar und zu 100 Prozent Leonteq. Beim Bären ging es mir in erster Linie darum, der Region und der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Der ehemalige Präsident der Credit Suisse, Hans-Ulrich Dörig, hatte den Umbau des Bären eingeleitet. Der wird jetzt abgeschlossen, und diesen April wird der Bären mit 17 Vollangestellten neu eröffnen.


Der 37 Jahre junge Jan Schoch konnte als Chef des Derivate-Spezialisten Leonteq für 2014 einmal mehr ein starkes Resultat vorweisen. Bevor er Leonteq mitgründete, arbeitete Schoch als Kader im Derivate-Geschäft von Lehman Brothers in Zürich sowie bei Goldman Sachs in der Schweiz und London. Leonteq ging 2013 aus der 2007 gegründeten und seit 2012 börsenkotierten EFG Financial Products hervor. Das Unternehmen ist mittlerweile durch Vertriebsstellen in Zürich, Genf, Monaco, Guernsey, Frankfurt, Paris, London, Singapur und Hongkong präsent und beschäftigt 361 Mitarbeitende weltweit. Im Jahr 2014 erwirtschaftete Leonteq einen Gewinn von 62 Millionen Franken.

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