Revolution des Finanzsystems – ganz ohne Kalorien

Ein Ingenieur, ein Computer, ein Bildschirm – und fertig ist die Börse der Zukunft. Ein Experiment der Grossbank UBS in London zeigt, warum die nächste Innovationswelle im Banking ganz «light» ausfallen könnte. finews.ch war vor Ort.

Die Blockchain ist definitiv im Banking angekommen. Wie auch finews.ch am Dienstag berichtete, schliessen sich neun globale Finanzriesen zusammen, um gemeinsam die Möglichkeiten der als revolutionär bejubelten Technologie auszuloten. Darunter befinden sich – erstaunlicherweise – auch die beiden Erzrivalinnen UBS und Credit Suisse.

Die Banken finden nicht aus rein selbstlosen Motiven zusammen. Von der Blockchain-Technologie, die etwa hinter der digitalen Währung Bitcoin steckt, erwarten sie sich massive Einsparungen.

Entlastung für die Bilanzen

Denn: Die Blockchain ermöglicht Transaktionen auf rein digitaler Basis. Im Zentrum steht die Information über den Transfer von Werten – die wiederum fortlaufend in einer Datenbasis gespeichert und so überprüfbar gemacht wird. Der Effizienzgewinn etwa gegenüber dem heutigen Zahlungsverkehr gilt als enorm.

Und nicht nur das. Die Blockchain könnte künftig den Wertschriftenhandel massiv beschleunigen, die Haltefristen von Wertpapieren auf den Büchern der Banken verringern, herkömmliche Börsen obsolet machen und auch den Wust an Compliance minimieren. Das würde den Banken nicht nur enorme Einsparungen bringen. Sondern auch deren Bilanzen entlasten.

Intelligente Anleihen

Oliver Bussmann 160Der Clou dabei: Die Innovation via die Blockchain ist unerwartet günstig. Oliver Bussmann (Bild links), der umtriebige oberste Innovations-Verantwortliche bei der Schweizer Grossbank UBS, bezeichnete sie jüngst gar als «Innovation light». Was er damit meinte, demonstrierte sein Team kürzlich im UBS-Laboratorium im Londoner Fintech-Inkubator Level 39. Finews.ch war bei dem Experiment zugegen.

Konkret zeigten die UBS-Mitarbeiter unter Teamleiter Alex Batlin, woran sie in den letzten Monaten gearbeitet hatten: Einer Plattform für den Handel mit «smart bonds», also intelligenten Anleihen, über die finews.ch bereits berichtete.

Nur: Im mit bunten Grafitti geschmückten «UBS-Lab» im 42 Stock des höchsten Wolkenkratzers des Londoner Bankenviertels Canary Wharf waren keine Finanzchefs zu sehen. Noch Investmentbanker, noch Broker, weder ein Handelsraum noch Profi-Investoren. Sondern nur ein riesiger Flachbildschirm, ein mit einer speziellen Software präparierter Mac-Computer – und ein etwas übernächtigt wirkenden IT-Ingenieur (Bild unten).

UBSLab 500

Handel ohne Mittelsmänner

Damit begann das Experiment. Die linke Hälfte des Bildschirms repräsentierte dabei den Anleihen-Emittenten, die Rechte den Investor. In einem ersten Schritt kreierte der Emittent ein «Angebot», komplett mit dem gewünschten Kredit, Coupon- und Rückzahlungsbedingungen. Sekunden später erschien das Angebot auf dem Bildschirm des Investors – ohne Zutun irgendwelcher Intermediäre.

Wenn der Investor zukaufen will, signalisiert er dem Emittenten erst sein Interesse. Wird diese anerkannt, kommt die «intelligente Anleihe» zustande: Eine Art Vertrag, der Kredit, Zinszahlungen und Tilgung automatisch ausführt und der für die Handelspartner jederzeit und von überall her einsehbar in einem Register abgelegt wird.

Minuten statt Tage

Während der Handel einer herkömmlichen Anleihe aktuell Tage in Anspruch nehmen kann – von der Emission einer Obligation ganz zu schweigen – ging die Transaktion im UBS-Laboratorium in wenigen Minuten über die Bühne. Die Installation der Software, versicherte der IT-Mann, nehme nicht mehr als 20 Minuten in Anspruch.

Das Programm, das all dies leistet, hat er selber geschrieben – weitgehend allein und innerhalb weniger Wochen. Ende 2015 will Batlins Team einen Prototyp bereit zur weiteren Entwicklung haben.

Das war Anfang September. Noch ist es nicht Oktober, und die UBS präsentiert zusammen mit acht weiteren Finanzriesen die gemeinsame Initiative in New York. Als Plattform für die Entwicklung eines Branchenstandards dient dabei ein bis dato unbekanntes Fintech-Startup – R3. Wie die «Financial Times» (Artikel bezahlpflichtig) berichtete, wird die Jungfirma für die grosse Aufgabe mit «einigen Millionen» ausgestattet.

Gemessen an den Beträgen, welche die Banken fast im Monats-Rhythmus für Verfehlungen der Vergangenheit aufwerfen müssen, erscheinen die Investitionen in die Zukunft tatsächlich federleicht.

Light©Shutterstock

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Banco Stato

Das Dotationskapital der Tessiner Kantonalbank wird massiv von 240 auf 500 Millionen Franken ausgeweitet. Dies teilte der Kanton Tessin als Eignerin des Instituts mit.

Geldwäscherei

Das vierte GAFI-Länderexamen zur Bekämpfung der Geldwäscherei und Terrorismus-Finanzierung stellt der Schweiz ein gutes Zeugnis aus. Nur Italien und Spanien schnitten bisher besser ab. Kritisiert wurde etwa, dass hierzulande der Schwellenwert für Bargeld-Transaktionen bei 25'000 Franken liegt. Das ist mehr als der vorgesehene GAFI-Schwellenwert von 15'000 Dollar.

Swiss Life

Der Immobilienfonds von Swiss Life REF Swiss Properties kauft eine Immobilie in der Innenstadt von Basel. Damit steigt der Wert des Immobilienportfolios auf 620 Millionen Franken. Zur Finanzierung weiterer Akquisitionen will Swiss Life dem Fonds weitere 100 Millionen Franken zuführen. Dies soll über eine Kapitalerhöhung geschehen. Geplant ist die Emission neuer Anteile mit einem Bezugsverhältnis von 5:1.

Temenos

Die staatliche ägyptische Housing and Development Bank, einer der grossen Hypotheken-Institute im nahöstlichen Land mit 1,5 Millionen Kunden, ist auf das Kernbanken-System von Temenos migriert. Der Genfer Bankensoftware-Hersteller wurde dabei von der ägyptischen Partnerfirma Masaref unterstützt.

Finma

Die Eidgenössische Finanzaufsicht revidiert ihre Anforderungen an die externe und interne Auslagerung von Bankdiensten. An systemrelevante Banken werden für die Auslagerung kritischer Dienstleistungen nochmals erhöhte Anforderungen gestellt.

UBS

Die Grossbank muss nach einem Entscheid der amerikanischen Finanzbehörde Finra weitere 18,5 Millionen Dollar an Investoren in Puerto-Rico-Anleihen zahlen. Nach hohen Verlusten auf den Papieren sieht sich die Bank nicht abreissen wollenden Forderungen ausgesetzt. Laut Medienberichten ist dies die höchste Einzelzahlung, welche die UBS in dem Fall bisher leistete.

Gottex

Der angeschlagene Vermögensverwalter Gottex will den Nennwert seiner Aktien von 1 auf 0,10 Franken senken. Darüber sollen die Aktionäre am 30. Dezember an einer ausserordentlichen GV befinden. Das Unternehmen hat erst kürzlich die zweite Runde einer Rekapitalisierung abgeschlossen.

Generali

Im Verlaufe des Jahres 2017 werden zentrale Funktionen von Generali Schweiz in Adliswil ZH zusammengeführt. Dazu werden rund 100 Stellen aus Nyon VD dorthin verschoben, wie auch finews.ch berichtete. Nun hat der Versicherer ein Konsultations-Verfahren eröffnet. Die gewählte Arbeitnehmer-Vertretung startet umgehend mit den Arbeiten.

Bellevue

Der BB Healthcare Trust ist an der London Stock Exchange mit einem Volumen von 150 Millionen Pfund gelistet. Der erste Handelstag ist der 2. Dezember. Portfoliomanager des Trusts ist Bellevue Asset Management.

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