«150 Reaktoren in fünf Jahren: Für den KI-Investitionswahn reicht der Strom nicht»
In der Anlagewelt gilt KI als Wundermittel, das die Grenzen der menschlichen Intelligenz überwinden und eine utopische Zukunft erschaffen soll. In Wirklichkeit hat die Technologie mehrere Engpässe, die ihre Versprechen eher nach Wunschdenken als nach greifbaren Ergebnissen klingen lassen.
Diese Ansicht vertritt Laszlo Gömöri, CEO der Market-Timing- und Behavioural-Analytics-Firma Spectralwaves. Gömöri berät seit Jahrzehnten institutionelle Anleger. Zuvor war er CMO von Pictet Asset Management in Genf, CIO Emerging Markets der Bank J. Safra Sarasin und Chefökonom von Novartis.
Das Nadelöhr: der Strom
Die physischen Grenzen der KI seien unübersehbar, sagt Gömöri. Allen voran: der Strom.
«Die Investitionsankündigungen in dieser Branche waren in den vergangenen Monaten bemerkenswert», sagt Gömöri. KI-Firmen wie Google hätten ihren Energiebedarf für die kommenden Jahre öffentlich gemacht. «Sie kaufen derzeit Strom für die nächsten fünf Jahre ein.»
Rechne man diese Anforderungen zusammen, sei das Ergebnis frappierend: Die USA müssten ihre Stromerzeugungskapazität in den nächsten fünf Jahren um 150 Gigawatt ausbauen, um neue Rechenzentren zu versorgen. «Ein solcher Ausbau ist schlicht nicht machbar.»
Zum Vergleich: Ein typischer Kernreaktor hat laut dem US-Energieministerium eine installierte elektrische Leistung von rund 1 GW. Um die zusätzliche Nachfrage zu decken, bräuchte es also mindestens 150 Reaktoren, sagt er.
Die Prognosen von McKinsey stützen Gömöris Einschätzung. «Selbst in einem Szenario mit geringer Rechenzentrumsnachfrage könnte der US-Stromsektor bis 2030 mehr als 150 GW an Kapazität zubauen, um den IT-Strombedarf zu decken», heisst es bei der Beratungsfirma. Rechenzentren würden zudem in einem Tempo gebaut, das fast 30 GW Leistung pro Jahr erfordere.
In der Praxis wäre sogar mehr installierte Kapazität nötig, um über ein ganzes Jahr dieselbe Strommenge zu liefern, da Wartung, Brennstoffwechsel und ungeplante Ausfälle die durchschnittliche Leistung der Reaktoren schmälern.
«Weltweit gehen in den nächsten fünf Jahren bestenfalls rund 50 Kernkraftwerke ans Netz.»
Es gibt einen weiteren Haken: Laut der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) dauert es rund zehn Jahre, bis ein Kernkraftwerksprojekt erfolgreich abgeschlossen ist. Diesen Bedarf innerhalb von fünf Jahren zu decken, sei daher so gut wie unmöglich, sagt Gömöri.
Die Energie-Illusion
Die Tech-Giganten wollen das Problem mit kleinen modularen Kernreaktoren (SMR) lösen, die nur 5 bis 300 MW leisten. Gömöri weist jedoch darauf hin, dass keine dieser Firmen bisher auch nur eine einzige Genehmigung oder Lizenz für den Bau solcher Anlagen erhalten hat.
«Weltweit gehen in den nächsten fünf Jahren bestenfalls rund 50 Kernkraftwerke ans Netz – und das unter der Annahme, dass nichts Unvorhergesehenes passiert», sagt er. Auch wer für klassischere Energiequellen plädiere, werde wohl scheitern, erläutert Gömöri. «Bei Wind und Sonne bleibt der Beitrag begrenzt, weil die Produktion schwankt und damit nicht zum kontinuierlichen Bedarf von Rechenzentren passt.»
Die Bauzeiten für solche Infrastruktur seien bekannt, sagt er. «Weniger bekannt ist vielleicht, dass die Lieferfrist für eine Gasturbine derzeit etwa drei Jahre beträgt. Die Stromnetze stehen bereits unter starker Belastung, und für Hochleistungstransformatoren sind die Lieferzeiten sogar noch länger.»
Das Problem mit dem Kupfer
Kupfer ist der zweite Blind Spot und Engpass, den Anleger laut Gömöri übersehen. «Ohne Kupfer gibt es keinen Strom», erklärt Gömöri.
Nicht nur erreichte der Kupferpreis im Januar 2026 mit 14'500 Dollar pro Tonne (intraday) astronomische Höhen, auch gebe es physische Grenzen, sagt Gömöri. Viele der wichtigen Kupferabbaugebiete lägen in politisch instabilen Regionen.
«Wenn Sie heute ein Kupfervorkommen entdecken, dauert es drei bis fünf Jahre, bis tatsächlich Kupfer gefördert wird.»
«Der Rohstoff findet sich in extrem unruhigen Ländern, die von Bürgerkriegen und Guerillagruppen und dergleichen heimgesucht werden, und diese haben oft die Macht in den Händen. Viele grosse Kupfervorkommen liegen in Afrika, vor allem im Kongo. Das ist ein bisschen wie in Panama, wo instabile Regierungen die Bergbaufirmen plötzlich verstaatlichen können, sozusagen – was tatsächlich schon passiert ist.»
«Zweitens kann man nicht über Nacht eine Kupfermine finden. Wenn Sie heute irgendwo ein Kupfervorkommen entdecken, dauert es drei bis fünf Jahre, bis tatsächlich Kupfer gefördert wird, weil Sie wegen Umweltauflagen und so weiter politische Genehmigungen brauchen», erklärt er.
Gold liesse sich zwar als alternativer Leiter ins Spiel bringen, doch dieses Material sei viel zu teuer, um eine realistische Option zu sein, betont Gömöri.
Déjà-vu Dotcom-Blase
Eine weitere Achillesferse sieht Gömöri im Missverhältnis zwischen Ausgaben und Einnahmen, das zunehmend gespenstisch an eine Blase erinnere.
«OpenAI zum Beispiel gibt jeden Tag mehrere Millionen aus», sagt er. «Das macht rund zwei Milliarden pro Jahr. Im Moment weiss niemand, wie sie diese Milliarden wieder einspielen sollen.» «Diese Unternehmen erinnern mich sehr an das Jahr 2000», sagt Gömöri mit Verweis auf die Dotcom-Blase.
«Ein interessantes Beispiel ist Cisco Systems. Im Jahr 2000 war Cisco einer der Überflieger und eines der grössten Technologieunternehmen der Welt. Heute, fünfundzwanzig Jahre nach dem Platzen der Dotcom-Blase, steht die Cisco-Aktie auf dem gleichen Niveau wie damals. Wer vor fünfundzwanzig Jahren Cisco-Aktien gekauft hat, ist heute bei null. Aber jetzt kommt der interessante Teil: Cisco verdient heute achtmal mehr als damals, doch der Aktienkurs ist exakt derselbe.»
Was bedeutet das?
«Es bedeutet, dass die Aktie überkauft war. Es war eine Blase», folgert er. «Die Aktie war damals viel zu teuer, weil die Anleger an der Börse die Entwicklung einfach fortgeschrieben haben.» Anders als bei Cisco wisse man bei den heutigen KI-Firmen jedoch nicht, wie sie das Geld wieder hereinholen sollen, sagt er.
«Aber wir wissen, dass diese Aktien generell viel, viel zu hoch bewertet sind und dass diese Bewertungen unrealistisch sind.» Man dürfe nicht vergessen, dass die Abomodelle nicht einmal annähernd an die Ausgaben dieser Firmen heranreichten, sagt Gömöri.
Jüngste Berichte über Tech-Giganten scheinen Gömöris These zu stützen. Im Juli wurde berichtet, Google habe im zweiten Quartal 2026 einen negativen freien Cashflow von 5,9 Milliarden Dollar verzeichnet, getrieben von den explodierenden Investitionsausgaben für die KI-Infrastruktur.
Die Psychologie des KI-Booms
Die Euphorie, ja Hypnose rund um KI-Investitionen, lasse sich mit Behavioural Finance erklären, so Gömöri. Das kollektive Interesse und die Dynamik bei KI-Investitionen verstehe man am besten anhand der Arbeit des Ökonomen John Maynard Keynes, genauer: anhand seiner Theorien der Animal Spirits und des Keynesianischen Schönheitswettbewerbs.
Wie KI zur Ballkönigin wurde
Der Keynesianische Schönheitswettbewerb ist ein von Keynes entwickeltes Konzept, bei dem Anleger erraten, was andere Anleger attraktiv finden werden (beliebte Aktien), statt das zu wählen, was sie selbst für wertvoll halten. So wollen sie von Markttrends profitieren statt vom intrinsischen Wert. Das kann zu Spekulation und Blasen führen. Keynes’ Arbeit zeigt zudem, dass wir oft danebenliegen, wenn wir vorhersagen wollen, was andere für wertvoll halten.
In diesem Sinne ist KI zur Ballkönigin des Keynesianischen Schönheitswettbewerbs geworden.
Anleger setzen auf KI wegen der Popularität und des Momentums der KI-Aktien, während der aktuelle Wert von KI laut Gömöri weiterhin ein Mysterium bleibt. Nur wenige könnten wirklich erklären, worin der tatsächliche Wert von KI bestehe und ob dieser «Wert» von Dauer sei.
Keynes’ «Animal Spirits»: Wenn Bauchgefühl die Bilanz ersetzt
Zweitens führt Gömöri die Euphorie der Anleger für KI auf Keynes’ Theorie der Animal Spirits zurück.
Keynes’ Theorie der Animal Spirits bezeichnet die instinktiven, emotionalen und psychologischen Faktoren, die menschliche Wirtschaftsentscheidungen jenseits rein rationaler Kalkulation antreiben. Dazu gehören Triebkräfte wie Herdenverhalten, Instinkte, Selbstvertrauen oder Angst statt Daten und Tabellenkalkulationen. Sie besagt, dass gute Stimmung und hohes Selbstvertrauen mit diesen Animal Spirits riskante Investitionen antreiben.
Keynes betonte zudem, dass Menschen in einer ungewissen Zukunft oft nach Intuition und Glauben handeln statt nach empirischen Belegen. Und KI sei nicht nur völlig ungewiss, «KI ist der ultimative Traum», erklärt Gömöri.
«Es ist völlig neu, und niemand weiss, wohin die Reise geht. Deshalb hatten wir diese extrem subjektiven Erwartungen.»
Das ist der Kern der Sache
Die Illusion, KI habe ein ultimatives Potenzial, hat bei Anlegern einen übersteigerten Optimismus ausgelöst, der jede Rationalität hinter sich lässt. «Es ist völlig neu, und niemand weiss, wohin die Reise geht. Deshalb hatten wir diese extrem subjektiven Erwartungen. Das ist reine Extrapolation in die Zukunft. Es sind völlig unrealistische Bewertungen, oft weil wir uns in einer Branche bewegen, die wir schlicht nicht verstehen.»
Gerade dieses Herdenverhalten und dieser Enthusiasmus können Anleger dafür blind machen, dass sie womöglich auf einen Abgrund zurasen.
Aufwachen aus der KI-Hypnose
KI mag der «ultimative Traum» sein, doch es könnte bei einem Traum bleiben, wenn für die materiellen Unmöglichkeiten der Technologie keine Lösungen gefunden werden. Ist der «Liebling aller» an den Finanzmärkten in Wahrheit des Kaisers neue Kleider? Sollte sich zeigen, dass der KI-Kaiser tatsächlich nackt ist: Was bedeutet das für Anleger und Institutionen, die stark investiert sind, etwa die US-Pensionskassen?
«Ich glaube, dass ein beträchtlicher Teil der Anleger, die auf KI-nahe Unternehmen setzen, enttäuscht werden wird, da es materiell unmöglich ist, dass alle ihre Projekte erfolgreich sind», sagt Gömöri.
Vielleicht wäre es für Anleger ratsam, im Umgang mit der KI-Hypnose Vorsicht walten zu lassen. Ihnen droht womöglich bald ein böses Erwachen, sollte die «Blase» platzen.















