Die Schweiz finanziert die Forschung – andere kassieren die Rendite

Zuerst eine Zahl, die Stolz auslösen sollte: 63 Prozent des Schweizer Venture Capitals fliessen in Deep Tech, in Robotik, Halbleiter, Biotech und neue Materialien. Kein anderes Land kommt auf einen so hohen Anteil, China liegt bei 56, die USA bei 54 Prozent.

Die anderen Zahlen: In Frühphasenrunden bis 15 Millionen Franken stammen rund 36 Prozent des Kapitals von Schweizer Investoren, in Runden ab 100 Millionen Franken weniger als ein Fünftel. 

Wertschöpfung folgt dem Kapital

In anderen Worten: Wir finanzieren die Forschung mit Steuergeld, wir bringen die Gründerinnen und Gründer hervor, wir tragen das Risiko der ersten Jahre. In dem Moment, in dem sich das Risiko in wirtschaftlichen Wert verwandelt, steigen andere ein. 

«Spitzeninvestoren kommen, weil hier etwas entsteht, das man weltweit sucht.»

Zu oft folgt dem Kapital mit der Zeit auch ein Teil der unternehmerischen Wertschöpfung, von Entscheidungsfunktionen bis hin zu Arbeitsplätzen. 

Ein Vorwurf an ausländische Investoren ist das nicht. Spitzeninvestoren wie Sequoia & Co. kommen, weil hier etwas entsteht, das man weltweit sucht. Die Frage richtet sich nach innen.

Schweiz liegt hinter dem europäischen Mittel

Die berufliche Vorsorge verwaltet rund 1’200 Milliarden Franken. Private Equity inklusive Venture Capital machte davon 2024 gerade 1,5 Prozent aus. 

In der 2022 geschaffenen Kategorie für nicht kotierte Schweizer Anlagen, die bis zu 5 Prozent zuliesse, liegt der Anteil gemäss Schätzungen im Promillebereich (Venture Capital allein lässt sich kaum exakt beziffern, weil viele Pensionskassen es nicht separat ausweisen). 

«Patriotismus ist dabei kein Anlagekriterium, und das soll er auch nicht sein.»

In Europa stammen rund 8 Prozent des Risikokapitals von Pensionskassen, in Grossbritannien 14, in Schweden 22 Prozent; die Schweiz liegt hinter dem europäischen Mittel. 

Wer investiert, bleibt über Jahre gebunden

Patriotismus ist dabei kein Anlagekriterium, und das soll er auch nicht sein. Eine Pensionskasse hat einen einzigen Auftrag: die Renten ihrer Versicherten zu sichern. 

Wer aus den Zahlen schliesst, es fehle in den Gremien an Weitsicht, macht es sich zu einfach. Die Zurückhaltung war rational, und man darf ihre Gründe benennen, bevor man sie ausräumen will. Es sind im Wesentlichen drei:

  • Der erste ist die Beurteilbarkeit: Die Anlageklasse verlangt ein Urteil über Manager, Fondsstrukturen und Portfoliokonstruktion und damit spezialisiertes Wissen, das gerade bei Vorsorgeeinrichtungen mittlerer Grösse nicht immer im eigenen Haus vorhanden ist. Wer sich dieses Wissen aneignen wollte, landete schnell bei einem Anbieter, der zugleich einen Fonds verkaufen möchte. Womöglich fehlte also nicht die Bereitschaft, sondern ein neutraler Ort.
  • Der zweite ist die Illiquidität: Wer investiert, bleibt über Jahre gebunden, und das muss zum Liquiditätsbedarf der Pensionskasse passen. Der Blick von der anderen Seite lohnt sich aber: Pensionskassen gehören mit ihrem langfristigen Verpflichtungsprofil zu den wenigen Investoren, die solche Anlagehorizonte grundsätzlich tragen können. Gerade in den Bereichen wie Robotik, Halbleitern oder Biotech braucht der Aufbau erfolgreicher Unternehmen Zeit. Dieser langfristige Kapitalbedarf kann gut zum Anlagehorizont einer Pensionskasse passen.

«Ein Benchmark ist kein Versprechen.»

  • Der dritte Grund: Die hohen Kosten. Entscheidend ist jedoch, welche Nettorendite nach diesen Kosten für die Anleger übrig bleibt. Gerade dafür fehlte in der Schweiz lange eine belastbare Vergleichsgrundlage. Seit Dezember 2025 liegt sie erstmals vor: Die Universität Basel, die SECA und unsere Stiftung haben die Renditen Schweizer VC-Fonds systematisch untersucht. Eine simulierte Dachfondsstrategie über die Jahrgänge 2014 bis 2020 ergibt eine annualisierte Rendite von 14 Prozent bei einem TVPI von 1,5. Insgesamt liegen die untersuchten Schweizer VC-Fonds auf Augenhöhe mit dem europäischen Benchmark; die jüngeren Jahrgänge 2020 bis 2024 schneiden im bisherigen Vergleich sogar besser ab.

Ein Benchmark ist kein Versprechen. Die Streuung zwischen den Fonds ist im Venture Capital besonders gross, und die Managerselektion hat entscheidenden Einfluss auf das Ergebnis. Genau deshalb kommt das Wissen vor der Allokation und nicht danach.

Risikokapital: Die Quote ist nicht die entscheidende Frage

Dass die Herausforderung keine Schweizer Eigenheit ist, zeigt der Blick nach Brüssel. Das Europäische Parlament berät diesen Herbst einen Vorschlag, wonach grössere Vorsorgeeinrichtungen künftig mindestens 2 Prozent ihres Vermögens in Risikokapital halten müssten. Damit soll mehr institutionelles Kapital für die Finanzierung europäischer Unternehmen mobilisiert werden. Die Vorlage ist umstritten und ihr Ausgang ist offen. 

Die Kritik daran ist berechtigt: Kapital, das aufgrund einer Quote bis zu einem bestimmten Zeitpunkt investiert werden muss, läuft Gefahr, nicht nach denselben Kriterien angelegt zu werden wie Kapital, das aus einer langfristigen Anlagestrategie heraus investiert wird. 

Nur kommt in dieser Diskussion die andere Hälfte zu kurz: Eine Vorsorgeeinrichtung, die Venture Capital sorgfältig in ihre Anlagestrategie integriert und die Manager konsequent selektiert, kann damit sowohl attraktive langfristige Renditen für ihre Versicherten anstreben als auch zur Finanzierung hiesiger Innovation und Wachstum beitragen. Über das Instrument ‘Quote’ lässt sich streiten. Über die Notwendigkeit, sich mit der Anlageklasse ernsthaft auseinanderzusetzen, deutlich weniger. 

Was für den Schweizer Weg spricht 

Also doch Zwang? Der Schweizer Weg – Freiwilligkeit statt vorgeschriebener Quoten und Verantwortung in den zuständigen Gremien – verdient meines Erachtens den Vorzug. Was es dafür braucht, ist unspektakulär und liegt zum grössten Teil bei uns selbst.

  • Erstens Urteilsfähigkeit in den Gremien. Dazu gehört eine belastbare Vergleichsgrundlage für die Renditen, die mit der neuen Schweizer Studie nun erstmals vorliegt. Und ein Ort zum Lernen, an dem niemand etwas verkauft: Wir führen dazu mit der Università della Svizzera italiana und Professor Laurent Frésard eine Weiterbildung für Vorsorgegremien durch, dieses Jahr in Zürich und Lausanne.
  • Zweitens braucht es institutionell geeignete Anlagevehikel: diversifiziert, professionell geführt, mit angemessenen Kosten und auf die Governance-Anforderungen von Pensionskassen ausgerichtet. Unsere Stiftung unterstützt dabei, genau solche geeigneten Vehikel zu schaffen. 
  • Drittens muss der Zugang zur Anlageklasse zur jeweiligen Pensionskasse passen. Venture Capital ist kein einheitliches Segment. Ein breit diversifizierter Fund-of-Fund ermöglicht den Zugang zu verschiedenen Managern, Sektoren und Entwicklungsphasen und kann damit insbesondere auch das frühe Innovationsgeschehen abdecken. Ein stärker auf die Wachstumsphase ausgerichtetes Vehikel setzt später an: bei Unternehmen, die bereits Kunden, Umsätze und eine operative Historie vorweisen können und deren Entwicklung damit besser beurteilbar ist. Die beiden Ansätze können sich gut im Portfolio ergänzen. 

Der Entscheid, nicht zu investieren, bleibt legitim. Er sollte nur nicht mehr daran scheitern, dass die Grundlagen fehlen. 

Die Schweiz hat in zwanzig Jahren ein Ökosystem aufgebaut, um das uns Europa beneidet – ohne einen einzigen Franken staatliches Venture Capital. Es wäre bitter, wenn wir am Ende die Forschung bezahlen und die Rendite exportieren.


Joanne Sieber ist CEO der Deep Tech Nation Switzerland Foundation.


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