Weltuntergang und Superintelligenz: Was beim KI-Fortschritt wirklich zählt
Im vergangenen September überschlugen sich teilweise die KI-Nachrichten in zwei extreme Richtungen: Weltuntergang und Superintelligenz.
Beides ist aus meiner Sicht übertrieben. Mit etwas zeitlichem Abstand möchte ich die Nachrichten für Sie einordnen und Ihnen zeigen, welche revolutionären Entwicklungen im Bereich der kleinen Modelle Sie aufgrund des Lärms der grossen Anbieter womöglich verpasst haben.
Mehr Leistung, tiefere Kosten: Der Wettbewerb wirkt
Starten wir mit den Fakten. Die grossen Anbieter haben ihre KI-Modelle auf Basis der bestehenden LLM-Technologie weiterentwickelt. Anthropic veröffentlichte Fable 5.1, das nach eigenen Angaben im laufenden Betrieb rund ein Viertel günstiger ist als sein Vorgänger. Sonnet und Opus sprangen im September von der Modellversion 5 gleich auf 5.5, und auch hier verspricht Opus 5.5 laut Anthropic vergleichbare Intelligenz wie Fable zu einem günstigeren Preis.
Der Trend bei Anthropic geht also hin zu mehr Effizienz bei gleichbleibend hoher Intelligenz. Vermutlich steckt dahinter die Sorge, dass die chinesischen Alternativen wie Kimi K3 ansonsten zu viel Boden gutmachen. Wie schon im Juli gesagt: Die Zeiten subventionierter KI sind vorbei, und Spitzenleistung hat ihren Preis. Dank Wettbewerb explodieren die Preise aber nicht ins Unendliche. Die US-Anbieter haben wegen der chinesischen Konkurrenz kein Monopol.
OpenAI machte im September tatsächlich im Wettstreit mit Anthropic wieder etwas Boden gut. Ich selbst hatte ChatGPT seit April nicht mehr genutzt. Mit GPT-6 Astra hat OpenAI ein Modell herausgebracht, das leistungstechnisch wieder an der Spitze mitreden kann, zum selben Preis wie Fable. Ob man das gleich «Allgemeine Künstliche Intelligenz» nennen möchte oder ob uns das der «Superintelligenz» nähergebracht hat, überlasse ich Ihnen als Leser selbst einzuordnen.
Die grossen Ängste übertönen die kleinen Modelle
Kommen wir nun zu den Weltuntergangsszenarien. Mich hat im September eine Zahl verärgert: Evan Hubinger, Sicherheitsforscher bei Anthropic, schätzte die Wahrscheinlichkeit, dass KI uns im nächsten Jahrzehnt alle umbringt, auf über zehn Prozent. Als promovierter Mathematiker im Bereich Wahrscheinlichkeitstheorie frage ich mich sofort: Woher kommen diese zehn Prozent? Monte-Carlo-Simulation? Nichtlineare Regression? Hubinger selbst nannte sie seine persönliche Einschätzung und stellte später klar, dass er heutige Modelle für wenig riskant hält. Da war die Zahl aber schon in der Welt. Vermutlich wäre die Aussage «KI wird uns mit 0,0001 Prozent Wahrscheinlichkeit alle umbringen» nicht so gut durch die Presse gegangen. Natürlich gibt es Risiken. Und ja, KI hat sich in bestimmten Experimenten nicht so verhalten, wie es die Forscher erwartet hatten. Daran muss man arbeiten. Lesen Sie hierzu gerne auch die Stellungnahmen und Interviews von Marcel Salathé, Co-Direktor des AI Center der EPFL.
Zum Abschluss noch eine neue, erfreuliche Entwicklung bei den kleinen Modellen. Ich möchte sie als revolutionär bezeichnen, auch wenn das manche noch als etwas verfrüht ansehen könnten. Aktuell erhalte ich täglich neue Updates zu einer neuen Klasse von Modellen. Sie heissen «Jev», «Tev1» und «Nimble». Was ist daran anders? Klassische LLM generieren Text und halluzinieren dabei auch mal. Die Jev-artigen Modelle treffen Entscheidungen: Man gibt ihnen Antwortmöglichkeiten, und sie liefern Wahrscheinlichkeiten zurück, welche Antwort die richtige ist. Irren können auch sie, aber sie sagen, wie sicher sie sind. Ein Beispiel wäre die Schadenbearbeitung: Versicherungsfall, ja oder nein? Garantiefall? Retoure?
Während im September über Weltuntergang und Superintelligenz gestritten wurde, kam die für die Finanzbranche vermutlich nützlichste Entwicklung von Modellen, die nur eine Frage beantworten: ja oder nein, und wie sicher. Das war für mich die Nachricht des Monats. Sie stand in keiner Schlagzeile.
Andreas K. Janoschek ist Gründer von Gerevest.AI in Genf. Zuvor war er Portfoliomanager bei Allianz Global Investors und CIO eines Lebensversicherers. Er hilft Banken, Versicherern und Vermögensverwaltern, KI sicher und souverän einzusetzen.















